MAN LIEST DAS BUCH von Philipp Blom einigermaßen atemlos. In fünfzehn Kapiteln, die an den Jahreszahlen von 1900 bis 1914 entlang gehen, entfaltet der Autor eine Vielzahl von Moment - aufnahmen des beginnenden 20. Jahrhunderts. In der Einleitung gibt er eine Lektüre - anweisung: man möge alles, was man über die verheerende Geschichte nach 1914 weiß und was zielgerichtet auf den 1. Weltkrieg der »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts zusteuere, ausblenden. Das ist eine Voraussetzung dafür, auf vorschnelle Rückschlüsse zu verzichten und relativ unbefangen das Ausmaß der Verunsicherung und Nervosität der Menschen dieser Zeit wahrzunehmen. Doch man kann nicht umhin, erschreckende Parallelen und Ausmaße der Folgeerscheinungen zu entdecken, die uns heute irritieren und ins »Taumeln« geraten lassen. Die meisten heutigen Leser haben durch ihren schulischen Geschichtsunterricht nur einen sehr eingeschränkten Blick auf diese Zeit der Neue rungen und Umstürze. Nationale Herrschaftsgeschichte dominierte gewöhnlich den Unterricht. In manchen osteuropäischen Län dern wird noch heute für den Geschichtsunterricht eine Nationalgeschichte konstruiert – wie in Österreich nach 1945. Philipp Blom – Philosoph und Mentalitätshistoriker – nimmt das damalige Europa in den Blick und verzichtet auf die Deutungshoheit, die sich Historiker oft genug anmaßen. Seine Quellen sind – neben den üblichen – Tagebücher, Privatbriefe, Statistiken, Zeitungen, Literatur, Fotos, wissenschaftliche Publikationen u. a. Jedes Kapitel ist einem Aspekt der Veränderung gewidmet, die zu der massiven Konfusion und Erschütterung der Menschen geführt hat. Der Fortsturz der neuen Technologien, die Industrialisierung und die damit beginnende industrielle Leibeigenschaft verändert die familiären Strukturen, das Sozialgefüge und die Geschlechterverhältnisse. »Neue Frauen« formulieren ihre Rechte auf Gleichstellung und Bildung, gehen dafür auf die Straße, sie engagieren sich für den Frieden. Das und die Abwertung der Muskelkraft durch die Maschinen irritiert die Männer. Eine Vielfalt von Annoncen verspricht Männern die Heilung ihrer »Nervenschwäche« – einem Stress - symptom. Die Beschleunigung der Warenproduktion führt zu einer Konsumkultur mit Kaufhäusern und Katalogen. Konfektion, Photo- und Phonographie bringen individuelle Selbstverständnisse und darstellungen ins Wanken. Die emotionale Egozentrik der »Übergangsmenschen« sucht Halt in dem Überangebot des Jahrmarktes der Heilsangebote und Lebens stilkonzepte, die der Selbstinszenierung dienen. Blom zeichnet die Einteilung in »Über- und Untermenschen« und den aufkommenden Sozialdarwinismus nach, der die Sicht auf die gefährliche Kluft zwischen Arm und Reich verstellt. Er beschreibt die aufstrebende Mittelschicht mit einer »Zins und Zinseszinsmentalität«, die entstehende künstlerische und intellektuelle Avantgarde, die Parallelwelten in den Städten. Selbst die Information durch die Medienmacht wird durch die richtungslose Beschleunigung, der fast alles unterliegt, vordergründig und gerät zur Propaganda. Die Lektüre wird immer wieder vielfache Verbindungen und beunruhigende Entsprechungen zum Heute und Hier assoziieren lassen. Philipp Bloms Darstellung fängt das Echo der Jahrhunderte ein. Geschichte wird man nicht los.