Mut - Vom Verfall einer Tugend Polemische Anmerkungen
„Gegenüber Despotien haben Demokratien einen unschätzbaren Vorteil. Widerspruch kostet niemandes Freiheit und Widerstand niemandem Leben. Doch - die Abwärtsspirale scheint unaufhaltsam: Wenn niemand Mut erwartet, wird auch kein Mut erbracht. Und wenn niemand Beherztheit zeigt, wird sie auch nicht mehr gefordert. Die Gesellschaft im Stillstand ist eine Gesellschaft des Kleinmuts.“
Von Wolfgang Sofsky
Der Mut hat keinen sonderlich guten Ruf. Courage ist etwas für Dummköpfe und Draufgänger, nicht für skeptische Bürger. Gewiss bewundern nicht wenige die Waghalsigkeit von Rennfahrern und Bergsteigern oder feiern Weltenbummler, als seien sie die letzten Helden. Verdienten Respekt zollt man den Feuerwehrleuten und Katastrophenhelfern, denen ihr Beruf manchmal die Gesundheit kostet. Wer auf öffentlichen Plätzen gegen grölende Raufbolde einschreitet, wird sogar mit einer Plakette belohnt. Zivilcourage ist selten und wird daher von Staats wegen belobigt.
Was die öffentlichen Tugenden anlangt, herrscht weithin Bescheidenheit. Auf dem Weg zu Reichtum, Macht oder Bekanntheit sind Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit oder gar Tapferkeit eher Stolpersteine. Ein Publizist, der ab und zu der Mehrheitsmeinung widerspricht, gilt bereits als kühner Freigeist. Eigenwillige Vorschläge jenseits der Partei- oder Fraktionsdisziplin zählen schon als verwegene Vorstöße. Von Ministern und Präsidenten wird zwar fortwährend „Mut zu unpopulären Entscheidungen“ gefordert. Aber wenn die selbstverständliche Erfüllung der Amtspflichten bereits als Beweis politischer Courage gilt, ist der Verfall der Tugend längst besiegelt. So sind die Ansprüche gering, und echter Wagemut erscheint verdächtig. Der Courage haftet der Geruch der Torheit und Tollheit an.
Kardinaltugend
Einstmals gehörte der Mut - neben Weisheit, Gerechtigkeit und Besonnenheit - zu den Kardinaltugenden Er lässt den Menschen heraustreten aus der Zärtlichkeit seines Gemüts. Mut ist zuerst Handlungsmut. „Mutige“ Urteile allein kosten nichts. Sie erfordern nur Urteilskraft, keine Kühnheit. Der Mutige hingegen trotzt seiner Angst, widersteht dem Konformismus und dem politischen Gegner. Nur Courage verhilft dem Menschen dazu, überhaupt klug und gerecht zu sein. In seinen Handlungen zeigt der Mensch, wer er ist. Zuletzt ist er das, was er tut und leidet. Am Ende seines Lebens steht die Niederlage, nicht der Sieg. Diese Einsicht in die Vergänglichkeit ist der letzte Grund persönlicher Tapferkeit. Derzeit sind andere Maßstäbe populär. In der therapeutischen Gesellschaft werden Menschen weniger nach ihren Haltungen als nach unsichtbaren Untiefen beurteilt. Wenn niemand sein Verhalten zu verantworten hat, erübrigt sich persönlicher Mut. Die gelungene Selbstinszenierung zählt schon als Garant für geistige Festigkeit, Darstellungsgeschick wird mit Charakter verwechselt und überall herrscht die Panik vor dem Tode. Mut und Tapferkeit sind hier längst außer Kurs gesetzt. Feigheit schändet nicht, sondern beweist angeblich Besonnenheit. Einen Ausbruch innerer Scham hat kaum jemand zu fürchten. Sich lächerlich zu machen, ist nahezu unmöglich. So fehlt ein wichtiger Antrieb moralischer Courage: die Angst, als Hasenherz dazustehen. Wenn alles erlaubt ist, ist Bravour obsolet.
Das angestammte Feld des Schneids war seit je das des Krieges. Die Kraft, die Todesangst zu überwinden, und der Wille, sein Leben zu riskieren, zeigen sich nirgendwo deutlicher als angesichts vieler Todfeinde. Tapferkeit war die höchste Tugend des Waffenträgers. Diese Vortrefflichkeit hält man in Mitteleuropa für antiquiert, suspekt oder überflüssig. Die Ausbeutung der Tapferkeit durch den Totalitarismus hat die alte Tugend befleckt. Nach verlorenen und ungerechten Kriegen ist für Helden wenig Platz. So hat man den Kampfesmut an ein paar uniformierte Bürger delegiert und träumt von einer friedvollen Welt ohne Feinde, in der es keines physischen Mutes mehr bedürfe. Entschärft ist zudem das politische Machtfeld. Der Gegner ist zum Konkurrenten, Partner oder Mitstreiter verharmlost.
Sobald das Politische im Sozialen oder Ökonomischen verschwindet und Macht durch Recht ersetzt wird, ist jeder Antagonismus verschüttet. Wo Dissoziation und Konflikt verpönt sind, kann Courage nur stören. Politik ist zum Beruf mit Status- und Versorgungsanspruch geworden. Mut zu strategischen Entscheidungen ist hier schwerlich zu erwarten. Wenig Ansehen genießt obendrein die freie Konkurrenz der Privatleute. Der Markt fordert von jedem Initiative und Risikobereitschaft. Wagemut zeichnete einst den Unternehmer aus, Instinkt und Kalkül. Doch die Herzlosigkeit der Kaufleute, Fabrikanten und Spitzenmanager ist ebenso bescholten wie der Leichtsinn der großen Spieler und Seiltänzer auf alten und neuen Parketts. Nicht Rivalität und Risiko, sondern Verträge und Vertrauen sollen die Wirtschaft regieren. Die Mehrzahl wünscht sich einen Staat der absoluten Sekurität, in dem das Leben gemütlich und unterhaltsam ist.
Ursachen
Der Niedergang der Courage hat institutionelle Ursachen. Tugenden lassen sich nicht herbeizitieren. Je mehr Verantwortung für die eigene Lebensführung an fremde Instanzen abgetreten wird, desto höher der Grad der gesellschaftlichen Passivität. Nicht das Handeln, sondern das Unterlassen gilt nunmehr als Beweis eigener Klugheit. Die Transformation von Politik in Verwaltung liefert wenig Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Dabei gilt auch in öffentlichen Angelegenheiten der Erfahrungssatz, dass Handeln besser ist als Aufschieben. Handeln stärkt den Kontakt zur Realität. Zumal in Krisenzeiten wird meist viel zu wenig gehandelt. Unterlassungen sind ruinöser als falsche Handlungen. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben nicht. Vorschnelles Handeln kann oft noch korrigiert werden, verspätete Aktionen indes verpuffen, weil die Gelegenheit längst vorüber ist.
Demokratien fördern den Konformismus der politischen Elite auf ihre Weise: Der wöchentliche Blick auf die jüngsten Umfragedaten verhindert jede Entscheidung gegen die jeweilige Stimmungslage. Nur wer den Protest seiner Parteigänger und die Wahlniederlage nicht fürchtet, ist notfalls zu beherzten Aktionen imstande. Dem Wahlvolk ungeschminkt die Wahrheit über die düstere Lage der Nation zu sagen, dazu ist nur fähig, wer auf sein politisches Überleben pfeift. Dem Publikum auseinanderzusetzen, dass nach dem historischen Ende des Wohlfahrtsstaates jeder Einzelne sein Leben bis zum Ende selbst zu führen habe, käme einem politischen Selbstmord gleich. Kleinmut aber fördert die Lüge, und die Lüge verstärkt die politische Feigheit.
Auf Dauer jedoch kommt kein Gemeinwesen ohne Courage aus. Tapfer zu sein bedeutet, jemand zu sein, auf den man sich unter allen Umständen verlassen kann. Wer nicht bereit ist, Schaden oder Gefahren auf sich zu nehmen, stellt die Echtheit seines Engagements und seiner Überzeugungen in Frage. Ohne Courage keine Glaubwürdigkeit. Aber ohne Wagemut auch kein Ausweg aus der Krise. Es bedarf eines ungestümen Zugriffs, um das Glück beim Schopfe zu fassen. Es ist allein der Mut, welcher der Tücke des Geschicks zu widerstehen vermag. Eine Republik, deren Bürgern die Energie der Courage fehlt, ist zum Zerfall oder zur inneren Vergreisung verurteilt.
Wolfgang Sofsky, geboren 1952, lehrte als Professor für Soziologie an den Universitäten Göttingen und Erfurt. Seit 2001 arbeitet er als Privatgelehrter, Autor und politischer Kommentator. 1993 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis für „Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager“. Im Herbst erscheint „Das Prinzip Freiheit“ bei S. Fischer.