GUTMENSCH ist ein Schimpfwort für Menschen, die sich weigern, das Leben nur aus einer utilitaristischen Perspektive ( was hab ich davon ?) zu sehen. Mit anderen Worten: wer aus altruistischen Motiven und nicht aus persönlichem oder gesellschaftlichem Egoismus handelt, dem oder der wird unterstellt, naiv und eine öde Moralsuse zu sein.
Aber was ist gut? Eine Handlung ist gut, eine Torte kann gut schmecken; ein Haus kann gut gebaut und ein Bild gut gemalt sein. Jemand kann eine gute Köchin sein, ein guter Dirigent, ein guter Läufer oder guter Soldat – und vielleicht auch ein guter Mensch. Und dann gibt’s noch das »gut Gemeinte« – und das ist bekanntlich das Gegenteil von »gut«.
Die Vielschichtigkeit von »gut« ist schon Sokrates aufgefallen. Wie man in den Dialogen Platons nachlesen kann, löcherte er seine Zeitgenossen mit der Frage, was für sie »gut« bedeutet. Wann ist ein Tisch gut? Und wann ein Soldat? Kann man »gut«-sein lernen? Auf jede Antwort fand Sokrates eine neue Frage. Seinen Gesprächspartnern gingen die Argumente aus, und vor allem, es gab keine abschließende Antwort. Das scheint die Honoratioren von Athen so genervt zu haben, dass sie Sokrates wegen »Verführung der Jugend« und »Gottlosigkeit« vor Gericht stellten und zum Tod verurteilten. Seine Fragen hatten das »Werte-System« der Stadt Athen – nein, nicht kritisiert, sondern die Bürger (ein Stand, von dem Frauen und Sklaven ausgeschlossen waren) gezwungen, über ihre Haltung selbst nachzudenken.
Es wird dem Philosophen Friedrich Nietzsche nachgesagt, dass er das Schimpfwort »Gutmensch« erfunden habe – doch bei aller rhetorisch brillanten und manchmal zynischen Kritik war Nietzsche nie plump, sondern ein scharfsichtiger Kritiker der Lügen der Gesellschaft. Seine Kritik am »guten Menschen« ist keine Kritik am »Guten«, sondern an dessen Missbrauch.
Guten Menschen werden eine Menge gute Eigenschaften nachgesagt, schreibt er: Rechtschaffenheit, Würde, Pflichtgefühl, Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Ehrlichkeit, Geradheit, gutes Gewissen ... Aber woran erkennt man, dass jemand menschlich handelt, ehrlich ist, rechtschaffen etc.? Für Nietzsche verbergen sich hinter diesen bürgerlichen Tugenden nur Lügen. Gut ist, was die Gesellschaft als gut definiert, sagt er, und dieser tugendhafte Idealismus ist für die Gesellschaft nützlich. Idealisten sind bloß zu feige, diese Wahrheit zu sehen.
Um Wahrhaftigkeit ging es auch dem Sokrates: wenn hinter der Predigt von moralischen Werten nur das Streben nach Macht steht, ist das Lüge. Er wirft den Athenern vor, dass sie zwar Tugend und Ehre predigen, aber Gerechtigkeit für sie nur in der Wahrung ihres eigene Vorteils besteht. Sie kümmern sich nicht darum, dass Menschen besser werden, sondern dass ihre eigenen Geschäfte besser gehen.
Auch in der politischen Szene der Gegenwart ist diese Doppelzüngigkeit präsent. In der Entwicklungspolitik spricht man von Menschlichkeit und Werten – sieht man aber die Handelsbilanzen, liegen die Gewinne der Geberländer weit über dem, was die Empfängerländer erhielten. Die Europäische Union beschwört demokratische Werte, doch in Brüssel regiert der Lobbyismus – die Einf lussnahme der Mächtigen auf Entscheidungen. Man brüstet sich in Europa gerne mit der Gleichbe rech tigung der Frauen – doch Frauen verdienen im Durchschnitt immer noch ein Drittel weniger als Männer, und noch immer stoßen sie an den »gläsernen Plafond«, wenn es um Führungspositionen geht. Die EU gehört zu den großen Waffenlieferanten für den Krieg im Mittleren Osten – und verweigert den Menschen, die vor diesen Waffen f lüchten, die Aufnahme. Die sogenannten Realpolitiker, jene, für die »Gutmenschen« ein Schimpfwort ist, schlagen sich angesichts dieser Doppelbödigkeit rasch auf die Seite des status quo als dessen Nutznießer. Ihr Realismus besteht nur darin, das »Gute« für überf lüssig zu erklären. Ihre Logik ist simpel und verwechselt Fakten mit Ethik: das wäre so, wie wenn man sagt, das Gesetz verbietet Stehlen, aber weil es immer Diebe gibt, ist das Gesetz unnütz und abzuschaffen. Das ist eine Verkennung der Dimension des Guten.
Die politische Doppelbödigkeit mit moralischen Argumenten zu kritisieren, bringt jedoch auch nichts. Denn Politik ist kein Märchen von den Guten und den Bösen, schreibt Pablo Iglesias, der Chef der spanischen Links-Partei Podemos. Selbstverständlich geht es in der Politik um Moral, um »das Gute«, schreibt Iglesias. Man muss aber auch die Realität und die Realpolitik sehen. Dann erst weiß man, wo es tatsächlich in Richtung »Gutes« geht.
Denn mit dem »Guten«, so heißt es bei Platon, ist es wie mit der Sonne – oder auch mit den Sternen. In Zeiten vor Radar und GPS orientierte sich der Steuermann an den Sternen – nicht, weil er zu den Sternen wollte, sondern weil er übers Meer und zum nächsten Hafen finden wollte, mit Hilfe der Sterne.