Das Wichtigste im Leben ist das Leben
Das Wichtigste im Leben ist das Leben
Brennstoff Nr. 72 | Dorothee Sölle | 10.07.2026

DOROTHEE SÖLLE - HANS IM GLÜCK

Verrücktheit und Verstand sind nicht so weit auseinander, wie die technokratische Erziehung uns vermuten läßt. „Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert“, so Lessing, „hat keinen zu verlieren.“

Ich will hier auf das Grimmsche Märchen vom „Hans im Glück“ verweisen. Es ist eine mystisch-humoristische Geschichte von einem Ärmerwerden, das Freier-Sein und mehr Glück bedeutet. Überflüssige Dinge, worunter hier auch das Höchste, ein Klumpen Gold, zählt, so die Lehre, machen das Leben überflüssig. Hans wird ärmer, leichter, heiterer. Das Glück kann nicht „gehabt“, erarbeitet oder gekauft werden, es hängt am Sein. Meister Eckhart spricht davon, dass wir alles in der Weise haben sollen, „als ob uns die Dinge geliehen wären und nicht gegeben, also ohne jeden Anspruch auf Eigentum.“ Genau das erzählt die Geschichte von dem tölpelhaften, ständig übervorteilten, immer leichter werdenden Hans. D.S.

DAS WICHTIGESTE IM LEBEN ...

... ist das Leben. Hierzulande könnt man oft glauben, das Wichtigste sei das Geld, das Auto, die Wohnung, das Haus, die Kinder ............. Nein, das Leben selbst ist es, in seinem Geheimnis, seiner Fülle, seiner Tiefe und seiner Rätselhaftigkeit. Die Oberflächlichkeit lässt uns unterm Strich in einer Traurigkeit und Leere zurück. Hei

VON MÄUSEN UND ELEFANTEN UND SCHAFEN

Wer hört schon gerne, dass er und seine Verwandten verrückt sind, wo man sich doch gemeinsam so in der Norm wähnt. Verrückt sind im Narrativ ja stets die Anderen. Zudem verhindert der Positivismus des chronischen Nettseins der Opfer jeden Blick in die Wahrheit des furchtbaren Systems, an welchem die Täter nun wohl seit Jahrtausenden bauen. Die Elternfiguren haben eine kafkaeske Welt der Institutionen geschaffen, die alle Opferfiguren verwalten, als handelte es sich um Schafherden. Den Menschen ist passiert, was sie ihrem Vieh angetan haben. Sie haben ihre Wildform in eine Haustierform kultiviert. Nun leben sie in Gehegen und benötigen Versorgung und Führung. Lustigerweise stammt ja die Führung aus den eigenen Reihen.

EPIKUR

Der Reichtum, nach dem unsere Natur verlangt, ist begrenzt und leicht zu verschaffen. Der aufgrund haltloser Ansichten angestrebte Reichtum geht ins Unermessliche.

LUKAS, 9, 26

Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?

ERWIN CHARGAFF: ARMES AMERIKA, ARME WELT-

Manchmal, als ich noch freier denken konnte, habe ich mich gefragt, wie wir, die jetzt leben, einem uralten Redivivus – einem Vorsokratiker, einem Scholastiker, einem Florentiner aus der großen Zeit – vorgekommen wären.

Ich glaube, sie wären alle zur Überzeugung gekommen, dass sie es mit konsumierenden und koitierenden Leichen zu tun haben. Was wir Freiheit nennen, wäre ihnen als die ärgste Form der Knechtschaft erschienen. Denn wir sind die Sklaven geworden einer gewaltig zunehmenden Macht, nämlich des Fortschritts. Über eine immer kahler werdende Landschaft gejagt von Wissenschaft und Technik, Tag und Nacht von Maschinen beherrscht und geleitet, ist der Abstand zwischen Menschheit und Menschlichkeit unendlich groß geworden.

Was ist geschehen, warum hat sich eine stumme Trauer auf die Welt gesenkt?

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Dorothee Sölle

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