Das schöne Handeln: Über die Einheit von Ethik und Ästhetik
Das schöne Handeln: Über die Einheit von Ethik und Ästhetik
Brennstoff Nr. 43 | Huhki | 10.07.2026

Edel sei der Mensch, hilfreich und gut! Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen.
Johann Wolfgang von Goethe

Der Weimarer Varoufakis. Das schreibt nicht einfach Goethe. Sondern Goethe in Weimar, 1783. »Sturm & Drang« sind nicht nur in allen deutschen Landen, sondern auch im Herzen des Dichters gestillt. Seine rebellische Natur, zehn Jahre zuvor in Prometheus zum himmelstürmenden Hymnus verdichtet, hat er nicht abgelegt. Er wendet sie jetzt, als Finanzminister des Herzogtums, nicht mehr gegen die Götter. Er lehnt sich gegen das »Allzumenschliche« auf: Korruption, verköcherte Berufsbeamte, Bürokratie und Gläubiger mit unerfüllbaren Forderungen. Der »Dichterfürst« (eine Bezeichnung, die noch heute Jugendliche fast mit Garantie vom »Faust« fernhält) wirkt auf seine reaktionäre Umgebung ungefähr wie Turnschuh minister Joschka Fischer nach der Angelobung. Goethe reduziert das Militär des Kleinstaats auf die Hälfte; ersinnt Wohlfahrts-Programme zugunsten verarmter Bauern; konfrontiert die verdutzten Landstände mit einem unerhörten Schuldenschnitt; setzt sich als »Controller« der Universität Jena für mehr Gedankenfreiheit ein. Als Freimaurer mit Meistergrad verficht er in der Loge Amalia die Ideale der Auf klärung. Und er überdenkt das Verhältnis zwischen Göttern und Menschen neu:

Und wir verehren / Die Unsterblichen,
Als wären sie Menschen, / Täten im großen,
Was der Beste im kleinen / Tut oder möchte.

Schönes tun, statt schöntun. Doch der poetische Jungpolitiker handelt nicht nur urgriechisch, wie einst der athenische Dichter und Staatsmann Solon im Jahre 593 v. Chr. (Schuldenerlass; Verbot jeglicher Schuldknechtschaft; hohe Abgaben für die reichen Clans; Währungsreform). Der 33jährige denkt nun auch »aufgeklärt« hellenisch. Nicht mehr die schattenhafte Nachahmung der frühen Griechen – seltsam, dass man sie oft die »alten« nennt – wird jetzt für Goethe erstrebenswert. Schon gar nicht in Johann J. Winkelmanns verzerrter Sicht einer Lebensform »edler Einfalt und stiller Größe«. Nein, die sprachverwandten Stämme, welche so viele spätere Formen europäischer

Kultur wie Kinder im Spiel erfanden und erprobten, haben ihre »Größe« hörbar ausgelebt; wie Achill, der am Strand hockt und lauthals weint, weil ihm der böse Tyrann Agamemnon sein Mädchen weggenommen hat; wie Odysseus, der mit Donnerstimme vom Meer aus den Zyklopen schmäht und damit den Untergang von Schiff und Mannschaft riskiert. Und »edel« war ihnen die Vielfalt. Ob nun Penelope zwanzig Jahre auf ihren Super-Heroen wartete, den kein zudringlicher »Freier« toppen konnte, oder ob Helena mit dem schöngelockten Gastfreund ihres Gatten nach Troja durchbrannte: Beide waren großartig. Vorbildhaft. Die eine für die eigensinnigen, die andere für die abenteuerlustigen Griechinnen. Deren Schnittmenge war allerdings sehr groß. Aber worin bestand dann eigentlich die hellenische Moral ? Und hat sie Bedeutung für uns Heutige? Die Antwort(en): 1) In nichts! 2) Und ob! Denn bei allen Gegensätzen, ob in Athen oder Sparta, Ephesos, Syracus oder Massilia ( Marseille), in einem waren sich diese Polynesier des Mittelmeers einig: Die Schönheit ist das Maß, nicht nur aller Dinge, sondern auch aller Handlungen.

Diesseits von Gut und Böse. Homers Achaier und Trojaner lebten, was Österreichs menschgewordener Beitrag zur philosophia perennis, Ludwig Wittgenstein, dreitausend Jahre später im Tractatus verkündete: »Ethik und Ästhetik sind eins.«

Wir sehen den Abgrund nicht, der all unseren »Humanismus« von der antiken Richtschnur für Tun und Lassen trennt. Sogar ein oft schnoddriger, politisch zweifelhafter, Geschichtsschreiber wie Joachim Fernau kommt hier aus dem Staunen nicht heraus:

Homer war es, der dem klassischen Griechenland die Begriffe Gut und Böse gegeben hat. Aber nicht als Ethik, sondern als Ästhetik. Sehen sie die Kühnheit dieses Schrittes? Das Strahlende dieser Idee? Das Gute ist nicht »moralisch« – es ist schön. Die Wahrheit ist schön, die Treue ist schön, die Aufrichtigkeit ist schön, die Gerechtigkeit ist schön, alles das ist voller Schönheit, voller Eleganz, voller Harmonie, voller Kunst. Mord, Diebstahl, Betrug sind hässlich, unästhetisch, Stückwerk, Disharmonie, Abwesenheit von Schönheit, verlorene, entgangene Genüsse.

Auch wenn dieser Kommentar im Ton den Kern trifft, übersieht er doch das Wesentliche: Mit der Schönheit als Maßstab ist eben gerade nicht von Gut und Böse die Rede. Sonst hätten nicht, neben den Kaufleuten, auch die Diebe in Hermes ihren Freund und Helfer. Und es ist geradezu eine Pf licht, Aphrodites erotischem Imperativ nachzukommen, Helena selbst ist nicht schuldig, wie Trojas König Priamos in der Ilias betont. Fernau sieht diesen Widerspruch selbst, wenn er bemerkt:

Jetzt wird auch klar, wie sich die Dinge einmal überraschend verkehren können. Die gigantischen Lügen des Odysseus gegenüber Polyphem zum Beispiel können herrliche Kunstwerke sein, Leistungen von höchster Schönheit verglichen mit dem plumpen und unästhetischen Belogenen, und Homer ist nur konsequent, wenn er Athene bewundernd ausrufen lässt, dies zu übertreffen würde selbst den Göttern schwerfallen!

Moralinfreie Ethik. Zurück nach Weimar, zu Goethes idealem Menschen. Er nennt sein Lehrgedicht Das Göttliche. An ihm können wir uns orientieren. Was aber bedeuten die drei Dimensionen des Göttlichen für den Dichter, für uns, fast zweihundert Jahre nach ihrer Proklamation? Beim Begriff edel hat der Klassiker wohl den ihm geläufigen Begriff megathymos im Sinn. »Thymos«, das bedeutet Herz/Gemüt/Wille/Mut/Leidenschaft/Engagement – alles in einem. Und »mega« steht für groß/hoch/ mächtig/gewaltig/heftig. Mit unsem Konzept eines »großmütigen« Charakters werden wir der hier in einem Wort komprimierten Bedeutungsvielfalt nicht gerecht. Und »hilfreich« verweist auf ophelimos, was zugleich »nützlich« meint. Nicht im Sinn einer platten Kosten-Nutzen-Rechnung, vielmehr im Gegensatz zu schädlich. Darauf verweist Goethe im letzten Vers:

Der edle Mensch / Sei hilfreich und gut!
Unermüdet schaff er / Das Nützliche, Rechte ...

Aber warum »sei«, wenn dieser Mensch ohnehin schon edel ist? Es handelt sich eben nicht um ein moralisches Sollen, sondern um ein potenzielles Sein. In diesem Sinne ist auch die erste Zeile zu verstehen. Das Menschenwesen hat das schöne Handeln schon in sich, es ist seine tiefste göttliche Natur. Für die nachhomerischen, philosophierenden Griechen brachte Platon diese Göttergabe auf den Begriff: Kalokagathia, Schöngutheit.

Für uns Spätgeborene eröffnet sich damit ein dritter Weg zwischen individualistischer Willkür und kritikloser Anpassung. ( Zwei Extreme, die in der konsumistischen Massenhaltung letztlich kon- vergieren; in der real existierenden Gesellschaft sind alle insofern gleich, als jede[r] anders wirken möchte, als alle anderen. Ein Phänomen, das sich nicht nur auf die »Seitenblicke« beschränkt.)

Diesen dritten Weg bahnt die Erkenntnis, dass jedes einzelne Menschenwesen eine besondere platonische Idee verkörpert, die sich in einer je einzigartigen Weise des schönen Handelns offenbart. Dennoch bleibt diese Schönheit unbemüht selbstlos, den andern Wesen zu ge wandt, anmutig und offenbart so das »Göttliche«. Die Kalokagathia lässt sich nicht nachahmen. Ge spielte Ästhetik, sich selbst bespiegelnder Edelmut ist das Hässlichste überhaupt, die Vorstufe zur Hybris. Das wissen die frühen Griechen, davor mahnt uns Goethe: »Man merkt die Absicht, und ist verstimmt.«

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Huhki

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