WENN WIR SCHREIBEN, vernetzen wir. Wort mit Wort, Ort mit Ort. Wir reihen Buchstaben aneinander, wir versammeln Wörter, mal zu festen Paragraphen, mal zu vorbeifließenden Strophen. Das Niedergeschriebene vernetzt sich weiter, mit dem Leser, den Leserinnen. Erst die Ohren, sagt ein afrikanisches Sprichwort, geben der Zunge Leben. Der Leser knüpft seine eigenen Verbindungen, er wirft sein kleines persönliches Netz aus, eines von unzähligen kleinen ausgeworfenen Netzen, mit denen er sich in die Welt hineinwünscht.
In diesen Netzen des Geschriebenen, Gedruckten, Gelesenen, Bedachten und Weitergetragenen reisen wir von Wort zu Ort und weiter zu vielen anderen Orten, aus dem Vertrauten heraus, hinein in das Unbekannte. Wörter können Raum und Zeit aufheben, aber um dies zu bewerkstelligen, benötigen sie handfeste, wurzelgeknüpfte Netzwerke, die das Geschriebene zum Buch werden lassen, die das Buch vervielfältigen und verbreiten, die sowohl das Lesen als auch das Nachdenken über das Gelesene fördern und die vor allem von dem kleineren Netz, in das jeder von uns die meiste Zeit verhaftet ist, in größere, uns erstaunende und bereichernde Netze führen, von einer Ebene auf die andere, von einem Land ins nächste und von einer Sprache in die benachbarte.
Ein endloses Netz von Fäden durchzieht die Welt. Die horizontalen Fäden sind Raum, die vertikalen Zeit. Wo immer sich die Fäden kreuzen, befindet sich ein Lebewesen. Und jedes Wesen ist ein juwelgleicher Knoten. Das Licht des Seins beleuchtet jedes dieser Kristalle, und jedes von ihnen ref lektiert nicht nur das Licht, das die anderen Kristalle ref lektieren, sondern auch jede Ref lexion der Ref lexion im ganzen Netzwerk.
Es existiert eine lange Tradition von Metaphern, die den allum fassenden Zusammenhang aller Wesen, im Straßenjargon Gesamtbewandtniszusammenhang (kurz GBZ ) genannt, und somit die Möglichkeit einer globalen Gemeinschaft, widerspiegeln. Das wohl spektakulärste, mutigste und schönste ist das buddhistische Bild von Indras Netz, die Vorstellung, dass jedes empfindungsfähige Wesen ein Knoten in einem weitgespannten Netz ist. In der Physik würde man von einem Schwingungsknoten sprechen und dadurch das Bild um eine weitere Facette der gegenseitigen Beschwingung bereichern. Diese philosophische Metapher findet sich in einem Mahayana-Text mit dem Titel »Buddhavatamsaka Sutra«, also die »Sutra der Girlande der Buddhas«. Aus der Tatsache einer grenzenlosen gegenseitigen Beeinf lussung folgt, dass jedes Wesen gleichermaßen wertzuschätzen und in Ehren zu halten ist. Die se Girlande ist also das genaue Gegenteil der Ideologien der Differenz, die das europäische Denken der letzten Jahrhunderte mit so fatalen Folgen geprägt haben.
Gemäß der Beschaffenheit dieses Netzes kann man keinen einzigen Faden beschädigen, ohne allen anderen Fäden Schaden zuzufügen und somit eine wahre Kaskade der Zerstörung in Gang zu setzen. Ebenso kann aber eine empathische und konstruktive Einmischung einen kräuselnden, perlenden, schwingenden Effekt positiver Wirkung entfalten. Doch die vielleicht größte Stärke dieses Gedankengebäudes liegt in der Einsicht, dass kein Einzelnes aus individuellen Elementen besteht, so wie keine Sprache und kein Land und keine Nation aus ihr allein eigenen Elementen zusammengesetzt ist. Im Gegenteil, das Netz von Indra erinnert uns – wenn wir die Vertikale der Zeit aufsuchen – an unsere hybride Vergangenheit, an unser Entstehen und Werden aus Mischung und Vermischung, aus Fluß und Zusammenf luß. Wir spiegeln uns alle gegenseitig ineinander ( ... ).
Wenn wir uns für die Zukunft wappnen wollen, sollten wir unsere Grenzen als Zusammenflüsse begreifen, die uns in der Vergangenheit befruchtet haben, als Spielwiesen von Mischkulturen, die für die Entwicklung des Kontinents von entscheidender Bedeutung waren und sind. Denn das Trennende ist stets nur eine momentane Differenz, eine Flüchtigkeit der Geschichte. Vielfalt war schon immer die große Stärke Europas – schon die Legende von Europa kennt viele Fassungen, bei denen sich die Schauplätze und Handlungsstränge ändern und die moralische und politische Richtung des Stoffes variiert wird. Denn die Geschichte kann nur dann allen heilig sein, wenn sie im Sinne eines jeden erzählt werden kann. In Blütezeiten hat Kultur in Europa stets im Plural existiert und ist nie stehengeblieben. Das einzig Ewige ist die Veränderung, sagt ein altes Sprichwort. Wer sich also innerhalb Europas abschotten will (oder wer Europa als Ganzes abschotten will ), glaubt wahrlich an das Ende der Geschichte. Er glaubt, dass sein System das beste und letzte ist, dass seine Kultur abgeschlossen und fertig ist. Er ist somit dem Tod geweiht.