Henri Quelcun über das Wunder von Mondragon, das Potenzialparadoxon und fließende Kooperationen
GOTT sei Dank, dass die Vision des jungen Priesters José Maria Arizmendiarrieta durch kein »Transformationsgesetz« verdunkelt wurde, als er 1941 in Mondragon, einer Kleinstadt in der baskischen Provinz Gipuzkoa, ankam. Sein Vorhaben: Gerade hier, wo das Elend nach dem Bürgerkrieg greifbar war, wo zusätzlich zur wirtschaftlichen Misere noch die soziale und ethnische Hoffnungslosigkeit – aufgrund des Verbots, baskisch zu sprechen – jeglichen Optimismus blockierten, eine Cooperación freier und gleicher Menschen zu gründen; Genossenschaften mit ursozialistischen Grundsätzen mitten in der faschis tischen Franco-Diktatur.
Wie der Geistliche es schaffte, über die Gründung einer demokratischen Fachhochschule und einer gemeinnützigen Sparkasse (Caja Laboral) ein f lorierendes, bis heute vom Pioniergeist getragenes Unternehmen zu formen, aus dem die Mondragon Corporación Cooperativa (MCC) als heute größte Dach-Genossenschaft der Welt hervorging, wäre einen eigenen Essay wert. Die MCC vereint heute über 100 Tochter-Genossenschaften im Finanz-, Industrie-, Einzelhandels- und Bildungssektor und verbucht einen jährlichen Umsatz von rund 13 Milliarden Euro.
Doch die brennendste Frage lautet: Wie hat Mondragon beim Aufstieg von der Selbsthilfe-Gruppe zum Global Player es geschafft, den ursprünglichen Idealen – Kooperation, Partizipation, Innovation – nicht nur dem Buchstaben, sondern vielmehr dem Geist nach – treu zu bleiben? Denn trotz der gewaltigen Größe dieses Blau wals unter allen bisherigen Genossenschaften dominiert nach wie vor die horizontale Sozialbeziehung im Sinne Oppenheimers.
So kam man in der schon durch drei Generationen erfolgreichen Geschichte der Cooperación niemals auf den Versuch, Wirtschaftskrisen mit Stellenabbau zu »bewältigen«. Die Arbeiter-Eigner werden nach wie vor am Gewinn beteiligt, Entscheidungen gemeinschaftlich getroffen. Wer arbeitsunfähig wird, erhält nach wie vor sein volles Gehalt bis zur Pensionierung, Pflegebedürftige bekommen sogar 150 Prozent! Frauen sind Männern völlig gleichgestellt. Das Lohnniveau im unteren Einkommensdrittel liegt deutlich über dem spanischen Durchschnitt. Warum hat sich Mondragon nicht dem Druck, Profit zu machen, gebeugt? Wie kann es sich ein Weltunternehmen leisten, in einem nach wie vor kapitalistischem Umfeld die Arbeit einmaliger Individuen als höchsten Wert im Betrieb zu schätzen und über das Kapital zu stellen?
Eine Teilantwort wäre: Pfarrer Arizmendiarrietas Saat ist auf besonders fruchtbaren Boden gefallen, weil im Baskenland schon seit vorgeschichtlicher Zeit kooperative Lebensformen vorherrschten und nie aufgegeben wurden. Die gemeinschaftliche Beschlussfassung unter Eichenbäumen war bis weit ins 20. Jahrhundert gebräuchlich. Die Tatsache, dass traditionell Frauen die Bauernhöfe führten und in der Sippe das Sagen hatten, erklärt, dass sie sich innerhalb von Mondragon nicht erst die »Gleichberechtigung« erkämpfen mussten.
Doch der weltweite Erfolg lässt sich besser durch die ständige Rückbesinnung und Wiederausrichtung auf die genossenschaftliche Zielsetzung erklären. Die ständige Weiterbildung ist auf solidarische Grundeinstellung und kontinuierliche Auffrischung der »Wir-Stärke« fokussiert. An der eigenen Universität lernen die Mitglieder vor allem ihre eigenen Potentiale kennen, was übertriebener Spezialisierung vorbeugt. In der Corporación ist jede(r) mehrfachkompetent, so dass es weit weniger Nachbesetzungsprobleme gibt. Das Wissen um persönliche und gemeinsame Ressourcen schafft die ständige Bereitschaft, Probleme spontan gemeinsam zu lösen. Damit sind wir beim entscheidenden »archimedischen« Punkt: Je besser die Menschen ihre Potentiale kennen, desto höher die Kooperationsbereitschaft und das genossenschaftliche Bewusst sein der Gesellschaft insgesamt.
Nichts auf Erden ist so weich und schwach wie das Wasser. Dennoch, im Angriff auf das Feste und Starke wird es durch nichts besiegt.
Lao Tse
Fließende Kooperationen. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass von 23 zufällig versammelten Personen zwei am selben Tag im Jahr Geburtstag feiern? Über fünfzig Prozent! Das ist das sogenannte »Geburtstagsparadoxon«. Überraschend, aber gar nicht so schwer nachzurechnen. Umso größer die Wahrschein lichkeit, dass unter zwei Dutzend Männern und Frauen auf der Suche nach Kooperationen sich so gut wie immer potentielle Teams aufspüren lassen, Kleingruppen oder Paare, bei denen sich Bedarf und Ressource ideal ergänzen. Die Teilnehmer/innen solcher Treffen sind immer wieder überrascht von diesem »Potentialparadoxon«.
Damit ist das Prinzip einer an individuellen Stärken – egal ob materiell, physisch, intellektuell, emotional oder spirituell – orientierten, »personalisierten« Ökonomie schon erklärt: Die grundlegende Kooperationsbereitschaft verdankt sich einer 180-Grad-Wende im Selbstverständnis: Wir alle sind Anbieter von Möglich keiten, anstatt Bedürftige auf der Suche nach »Arbeitsplätzen«. Wir fragen nicht, ob uns ein »Unternehmen« brauchen kann, sondern schaffen miteinander eine gemeinsame Unternehmung.
Bleibt nur die Frage, wie man zueinander findet, um zunächst eine informelle Genossenschaft zu gründen. Zu ihrer Lösung hat Roman Padiwy wesentlich beigetragen. Am Beginn stand die Wahrnehmung eines ständig wiederkehrenden Musters. In seinem Stammcafé verglich er verschiedene Gruppen, die regelmäßig zu sammenkamen, um Projekte zu besprechen.
»Und da zeigte sich eine Gesetzmäßigkeit. Ob ein Vorhaben schnell realisiert wurde, hing von zwei Bedingungen ab: erstens, die eigenen Möglichkeiten wahrzunehmen und darüber hinaus zweitens die erkannten Potentiale auch überzeugend zu kommunizieren. Manche waren erstaunlich schnell am Punkt der Umsetzung, andere planten endlos ... «
Aus dieser Beobachtung entstand Crealiity, die größte Plattform Europas zur Vermittlung kooperativer Initiativen. Das System funktioniert erstaunlich einfach: Man gibt den Menschen Gelegenheit, zusammen eigene Potentiale zu erforschen und zu kommunizieren, gemeinsame Interessen zu formulieren. »Dabei zählt die persönliche Begegnung. Denn man kann mit Technik alles erschlagen.«
Was nicht heißt, dass es ganz ohne Technik abläuft. Ein elektronisches Netzwerk hilft, die Erstkontakte zu vertiefen und zu erweitern, bis die ideale Kooperative steht. Und Padiwys Prinzip – Potentiale erkennen und kommunizieren – hat funktioniert. Nach einigen Jahren Anlaufzeit sind unzählige Initiativen, Kooperationen und neue Betriebe miteinander vernetzt. Autarke Landwirtschaftsunternehmen, Kleinverlage, Künstlergruppen, Selbstversorger-Pools, Meeresreinigungstrupps, Think-Tanks ... Nicht nur die Anzahl der Personen wächst, auch der Grad ihrer Vernetzung. Immer mehr sind in mehreren Kooperativen zugleich engagiert.
What men fear to be real is real in its consequences.
Ulrich Beck
»Wir müssen sozusagen die Angst, nicht genug zu haben, bei uns selbst abschaffen« resümiert die Wirtschaftsinformatikerin Salwa Magsood, selbst seit Jahren im Ressourcen-Netzwerk engagiert. »Möglichkeiten potenzieren sich gemeinsam. Und es ist ganz egal, ob sich die Menschen für reine Herzensprojekte zusammenschließen oder gleich ökonomische Verbindungen eingehen. Hauptsache, es entsteht aus der inneren Fülle.« Ein Motto, das man so umschreiben könnte: Wovon ich lebe, dafür will ich leben!
Jenseits der Systeme: kultureller Pluralismus
VIELE DENKEN, dass der Kapitalismus nicht durch ein anderes System ersetzt werden kann. Sie haben damit wohl recht: Der Kapitalismus kann nicht durch ein anderes System ersetzt werden. So wie eine Monokultur von Fichtenkein gesunder lebensfähiger Wald ist, so wird auch eine Gesellschaft, die sich auf einseitige Werte, Überzeugungen und Verhaltensweisen beschränkt, zunächst kulturell mehr und mehr verarmen, bevor sie schließlich auch materiell niedergeht.
Unsere Gesellschaft ist ein äußerst komplexes System. Welche Möglichkeiten es gibt, dieses komplexe System zu steuern, darüber wird bisher kaum auf kreative Weise nachgedacht. Vor allem taucht in der öffentlichen Diskussion bisher nicht die Frage auf, ob ein politisches »Modell« für ein hochkomplexes System überhaupt eine angemessene Form der Selbstorganisation sein kann. Dies wird einfach stillschweigend vorausgesetzt.
Fangen wir an, in eine neue Richtung zu denken, löst sich die Frage, welches System das »richtige« ist, in Luft auf. Dann sind Kapitalismus und Kommunismus weder richtig noch falsch, sondern einfach Pakete von Werten, Überzeugungen und Verhaltensweisen. Für die Zukunft brauchen wir uns nicht zwischen Systemen zu entscheiden, sondern können frei wählen, welche kulturellen Formen wir im jeweiligen Kontext als am nützlichsten erachten:
Wir brauchen das Privateigentum nicht gleich ganz abzuschaffen, wenn wir das Prinzip der Allgemeingüter als sinnvoll rehabilitieren. Immobilien, Auto, Waschmaschine etc. können wir sinnvollerweise mit anderen teilen, doch manche Dinge wollen wir nur für uns haben.
Ein Fußballspiel oder ein Schachturnier wäre ohne Konkurrenz ziemlich langweilig. Dennoch brauchen wir die Konkurrenz nicht gleich für alle Lebensbereiche (Bildung, Arbeit etc.) zum Leitprinzip erklären, in denen Kooperation nützlicher ist.
In einem Flugzeug ist es angemessen, wenn eine Person (der Kapitän) die Führung hat und alle anderen widerspruchslos tun, was er sagt. Eine solche Abhängigkeit ist frei gewählt für eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Kontext. Gleichzeitig sollten wir uns immer wieder auf unsere Souveränität besinnen und uns aus unnötigen Abhängigkeiten befreien, vor allem in existenziellen Angelegenheiten wie der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern.
Machen wir es doch einfach wie die Finnen: Um ihr Bildungssystem neu zu gestalten, haben sie sich aus allen bestehenden Bildungssystemen bedient (auch aus den kommunistischen, obwohl die ja durch die Geschichte »widerlegt« sind) und sich das herausgesucht, was sie für nützlich hielten.
Solch ein kultureller Pluralismus wird unsere Überlebenschancen drastisch erhöhen und ganz nebenbei viel mehr Freude in unser Leben bringen. Die nötigen Investitionen sind minimal: Es kostet nur den Verzicht auf simple Weltbilder und liebgewonnene Überzeugungen.
P. M.
Kartoffeln und Computer.
Märkte durch Gemeinschaften ersetzen
Edition Nautilus