Anleitung zum weiter denken II
Anleitung zum weiter denken II
Brennstoff Nr. 41 | Mathilde Stanglmayr | 10.07.2026

BEIDE – KAPITALISMUS und Kommunismus – sind keine auf Dauer funktionierenden Systeme. Sie wenden beide Gewalt an, um diejenigen Wahrheiten zu unterdrücken, die ihr Nicht-Funktionie ren enthüllen könnten.

Kapitalismus und Kommunismus haben Vorstellungen entwickelt, wie ein Wirtschaftssystem sein muss. Bis heute überbieten sich ihre Vertreter gegenseitig, einander die Schwächen aufzuzeigen. Bis heute funktioniert die Steuerung von Angebot und Nachfrage nicht. Bis heute werden in beiden Systemen Menschen und Natur ausgebeutet. Die Preise spiegeln nicht die wahren Kosten. Das Geld wird einfach geschöpft und umverteilt.

Mahatma Gandhi hatte eine Vorstellung, wie die Menschen ein besseres Wirtschaftssystem verwirklichen können. Er nannte das Konzept Treuhänderschaft. Die Wende, die Konversion, soll ohne Gewalt erfolgen. Wer arbeitet, soll sich seiner Macht bewusst sein und sie einsetzen. Wer mehr hat, als er für sich braucht, soll es als Treuhänder zum Wohle aller einsetzen.

1 Gewaltfreiheit

Der Gründer des Internationalen Zivildienstes, Pierre Ceresole, besucht 1935 Mahatma Gandhi, und fragt, wie lange es denn braucht, bis man die Reichen besiegt hat. »Das ist es, worin ich mit dem Kommunismus nicht übereinstimme«, sagte Gandhi. »Für mich ist die ultimative Überprüfung meines Handelns die Gewaltfreiheit. Wir müssen uns immer bewusst sein, dass wir einmal an der Stelle eines reichen Mannes sein können. Hinzu kommt: Ich habe nicht das Recht anzunehmen, dass ich richtig liege und er falsch. Ich muss warten, bis ich ihn von meinem Standpunkt überzeugen kann. Ich weiß, dass 75 % freiwillig gegeben besser sind als 100 % mit dem Bajonette erzwungen. Gewaltfreiheit muss der gemeinsame Nenner zwischen uns sein.«

2 Bewusstsein

»Ich bin kein Sozialist und ich will die nicht enteignen, die Vermögen haben. Ich würde sonst meine Regel des Nicht-Verletzens (Ahimsa) verlassen. Wenn jemand mehr besitzt als ich, lasse ich ihn. Aber so weit mein Leben geordnet werden muss, will ich es so halten, dass ich nichts besitze, was ich nicht brauche. Ich sehe den Tag des Gesetzes der Armen kommen, ob durch die Streitmacht von Armeen oder durch Gewaltfreiheit. Lasst uns dessen bewusst sein, dass physische Gewalt so vergänglich ist, wie der Körper vergänglich ist. Aber die Macht des Bewusstseins ist ewig, genauso wie das Bewusstsein ewig ist.«

3 Gerechtigkeit

»In Indien haben wir jetzt 3 Millionen Inder, die nur eine Mahlzeit am Tag haben, und die besteht aus einem Chapati ohne Fett mit einer Prise Salz. Du und ich, wir haben nicht das Recht, irgendetwas überflüssiges zu haben, bis sie besser gekleidet und ernährt sind. Du und ich, wir sollten es besser wissen, müssen unsere Bedürfnisse anpassen und sogar bereit sein, frei willig zu hungern, damit sie versorgt, genährt und gekleidet sein können.«

4 Treuhänderschaft

»Denen, die den Weg der Gewaltfreiheit gehen wollen, sage ich: Nutze alle deine Möglichkeiten, um Geld zu verdienen. Aber versteh, der Reichtum ist nicht deiner, er gehört allen Menschen. Nimm, was du für deine legitimen Bedürfnisse brauchst und verwende den Rest für die Gemeinschaft. Diese Wahrhaftigkeit hat bisher noch niemand umgesetzt, aber, wenn die vermögenden Klassen selbst in diesen Zeiten des Krieges nicht danach handeln, bleiben sie die Sklaven ihres Reichtums und ihrer Leidenschaften und folgerichtig derer, die sie überwältigen.«

5 Umsetzung

1942 sprechen Mahatma Gandhi und sein Sekretär, Pyrelal Nayyar, im Gefängnis in Poona ausführlich über das Konzept der Treuhänderschaft. Gandhi: »Der einzige demokratische Weg, Treuhänderschaft zu erreichen ist, die Meinung zu ihren Gunsten zu kultivieren.« Pyrelal: »Wenn die soziale Transformation durch einen langsamen allmählichen Prozess kommt, wird sie die revolutionäre Glut vernichten, die der plötzliche Bruch mit dem Bisherigen entfacht. Das ist es, warum unsere marxistischen Freunde sagen, die soziale Revolution kann nur durch die Diktatur des Proletariats kommen.«

Gandhi: »Vielleicht denken Sie an Russland. Die vollständige Enteignung der vermögenden Klasse und die Verteilung der Vermögen unter den Menschen hat dort eine enorme revolutionäre Glut entfacht. Aber ich behaupte, unsere Revolution wird viel größer sein. Wir sollten den Geschäftssinn und das Knowhow der vermögenden Klasse nicht unterschätzen, die sie in vielen Generationen durch Erfahrung und Spezialisierung erworben hat. Die freie Nutzung all dessen kommt nach meinem Plan den Menschen zugute. Solange wir keine Machtbefugnis haben, ist die Konversion, die Wandlung, zwangsweise unsere Waffe, aber wenn wir Machtbefugnis bekommen, ist die Konversion die Waffe, die wir wählen. Die Konversion muss der Gesetzgebung voraus gehen. Ein Gesetz ohne Konversion ist wie ein unzustellbarer Brief.«

Pyrelal: »Sie sagen, die Konversion muss der Reform voraus gehen. Die Konversion von wem?

Wenn Sie die Konversion der einfachen Menschen meinen, sie sind schon heute bereit. Wenn Sie andererseits die vermögende Klasse meinen, kann es sein, dass wir bis zum Ende des griechischen Kalenders warten.« Mahatma Gandhi: »Ich meine die Konversion von Bei den.«

6 Macht

Pyrelal: »Unsere sozialistischen Freunde sagen, sie können nicht erkennen, wie die Menschen durch Gewalt freiheit die Macht ergreifen können.«

Mahatma Gandhi: »Auf eine bestimmte Weise haben sie recht. Nach ihrer wahren Natur kann Gewaltfreiheit weder Macht ergreifen noch ist das ihr Ziel. Aber Gewaltfreiheit kann mehr. Sie kann Macht effektiv kontrollieren und leiten, ohne den Regierungsapparat an sich zu ziehen. Das ist ja das Schöne. Gewaltfreiheit ergreift keine Macht. Sie strebt nicht einmal nach Macht. Macht kommt ihr zu.«

7 Arbeit

»Was es braucht, ist ein vollständiges soziales Erwachen, um anzufangen. Der Rest wird folgen. Ich habe der arbeitenden Klasse die Wahrheit dargelegt: Das wahre Kapital ist nicht Silber oder Gold, sondern die Arbeit ihrer Hände und Füße und ihre Intelligenz. Wenn einmal die Arbeiterschaft dieses Bewusstsein entwickelt, braucht es meine Anwesenheit nicht, um die Macht zu nutzen, die dadurch freigesetzt wird. Wenn wir nur den Menschen ihre Macht bewusst machen könnten – die Macht der gewaltfreien Nicht-Kooperation – dann würde die Realisierung des Ideals der Treuhänderschaft folgen wie der Morgen auf die Nacht folgt.

8 Wahrheit

Mahatma Gandhi war überzeugt davon, alles gehört Gott und kommt von Gott. Deshalb ist alles für seine Menschen als Ganzes, nicht für einzelne Individuen. Wenn Einzelne mehr haben als ihren Anteil, werden sie zu Treuhändern dieses Anteils für Gottes Menschen. Er schrieb 1947:

»Gott, der allmächtig ist, muss keine Vorräte anlegen. Er erschafft von Tag zu Tag; deshalb sollen auch die Menschen theoretisch von Tag zu Tag leben und keine Vorräte lagern. Wenn diese Wahrheit von den Menschen allgemein verinnerlicht wird, wird sie eine gesetzmäßige Institution. Dann wird es für die Vermögenden keine Ausbeutung und kein Lagern mehr geben.«

Übersetzt, ausgewählt und kommentiert von Mathilde Stanglmayr, Berlin

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Mathilde Stanglmayr

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