1 Die Welt um uns ist unübersichtlich und unsicher
Das Beste, was wir tun können, ist, was wir vor uns sehen und wovon wir etwas verstehen, zu Ende zu denken und dabei auf unsere innere Stimme zu hören. Mahatma Gandhi hat aufgrund seiner »Experimente mit der Wahrheit«, wie er sie nannte, Erkenntnisse gewonnen. Er hat sie uns als Staatsbürger und Rechtsanwalt gesagt, als Revolutionär und Führer, in erster Linie als Mensch. ( Dazu mehr in Teil II.)
Es ist schwer zu sagen, was Wahrheit ist. Ich habe diese Frage für mich selbst gelöst. Sie ist das, was die innere Stimme in jedem von uns sagt.
Mahatma Gandhi
Es ist an uns, es ihm gleich zu tun, ohne ihn zu kopieren. So wie es in unserer unmittelbaren Umgebung angemessen ist, dort, wo wir etwas bewirken können. Wir beobachten, sehen, wissen und denken nach. Die Stelle, an der unser System zuerst bricht, ist das Finanzsystem.
2 Ella erzählt
»Wir haben Haus und Hof verloren. Am Anfang hatten die Schwiegereltern den Gasthof mit Pension im österreichischen Skigebiet. Sie konnten nicht weitermachen. Deshalb übernahmen wir den Familienbesitz 1985, mit umgerechnet 800.000 Euro Schulden bei der Bank. Wir verkauften unser Hotel in Bayern und kauften dort ein Einfamilienhaus für uns und die Kinder.
Bis 1995 brauchten wir, um Zimmer für Zimmer zu renovieren und um den Betrieb in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die Schulden blieben. 2000 beantragten wir dann bei der Bank einen zusätzlichen Kredit von 800.000 Euro für die Renovierung des Gasthofs und die Erweiterung der Pension. Wir dachten, wenn wir vergrößern, können Touristenbusse kommen. Die Bank lehnte ab.
Aber 2005 sagte die Bank von sich aus die Kreditverdopplung zu, mit hohen Auflagen. Wir bauten um und erweiterten. Aber unsere Einnahmen ließen sich nicht steigern. Denn an der Umgehungsstraße finanzierte die Bank ein neues Hotel, die Touristenbusse kamen nicht zu uns; und es gab Baumängel. Wir waren gezwungen, das Einfamilienhaus zu verkaufen und Geld vom Bruder zu leihen, damit der Kredit nicht gekündigt wird. Den Verkaufserlös und das Geld vom Bruder mussten wir als Sondertilgung einzahlen, weil wir das Familienerbe nicht verlieren wollten.
Schließlich verloren wir es doch. 2010 versteigerte die Bank den Gasthof mit Pension. Sie kaufte selbst aus der Versteigerung an und übergab den Betrieb an andere Wirtsleute.
3 Chronologie der Aushöhlung und Aufblähung
1985
Gasthof mit Pension, 12 Zimmer 800.000 €
Schulden Einfamilienhaus und Ersparnisse
2005
Renovierter Gasthof, 24 Zimmer 1.600.000 €
Schulden Basel II mit Rating wird umgesetzt
2010
kein Vermögen
keine Schulden
4 Geschichten
Anja ist 19 Jahre alt. Sie hat eine Lehrstelle beim Bäcker in Landshut. Bei der Bank hat sie 1.000.000 Euro Schulden. Die Großeltern und die Eltern haben die Schulden über Jahrzehnte angehäuft und den Bauernhof der Bank verpfändet. 2001, als es gar nicht mehr weitergeht, will die Bank Anja als neue Schuldnerin. Dann verkauft sie die Kreditforderung an eine Investmentbank.
Alexander fährt nachts in Berlin Taxi. Seine Frau hat einen Anderen und die Kinder sind aus dem Haus. Er ist Gymnasiallehrer. Taxi fährt er, weil er einen Immobilienfonds mit zu wenig Ertrag im Vergleich zu Zins und Tilgung zeichnete. Der ist zwar schon abgewickelt, aber die Bank zwingt ihn und alle anderen Anleger per Gerichtsbeschluss, den Restkredit zu tilgen. Dafür reicht sein gutes Lehrer gehalt nicht aus.
Peter ist 65 Jahre alt. Er ist sehr krank und wohnt in einer Sozialwohnung in Nürnberg. Seine Bank überredete ihn vor Jahren, ein verlassenes Industriegrundstück für 2.000.000 Euro zu kaufen, um Wohnungen und Büros darauf zu bauen. Daraus wurde nichts. Zuerst zahlt er Zins und Tilgung aus anderen Geschäften, dann verkauft er sein Vermögen und tilgt bei der Bank. Seine Frau verlässt ihn mit den zwei Kindern. Peter war ein erfolgreicher Bauträger.
5 Umverteilung
Ellas Freundin fragt: »Warum vergeben diese Banken faule Kredite, die erwiesenermaßen nicht zurück bezahlt werden können? Wenn das Geld sowieso weg ist, warum durfte Ella nicht Wirtin bleiben? Kommt denn von den neuen Wirtsleuten mehr Geld zurück zur Bank als von Ellas Familie?«
Das Geld ist weg, ja, aber die Bank hat eine offene Kreditforderung, die sie eintreibt. Anton, der Banker von Ellas Familie, weiß, die alten 800.000 Euro können nur mit vollem Einsatz der Familie verzinst werden. Er verdoppelt den Kredit, weil er sich selbst und dem Bauunternehmer, der den Gasthof saniert und die neuen Zimmer baut, neues Geschäft verschafft. Den überhöhten Kredit tilgt er teilweise mit dem Vermögen der Familie, teilweise schreibt er ihn ab. Für den Ankauf aus der Versteigerung lässt er einen neuen Kredit entstehen. Den verkauft er an nicht beaufsichtigte Vehikel von Investmentbanken. Mit allem verdient er Geld und erhält seine Bankniederlassung und seine größeren Kunden, wie zum Beispiel den Bauunternehmer.
Das darf er, rechtlich gesehen, ganz offiziell seit 2006. Natürlich ist es menschlich gesehen eine Aushöhlung von Ellas Familie. Aus seiner Sicht haben sie nichts mehr, was sie zuschießen könnten. Die Investmentbank hat lieber einen neuen Pächter, denn am alten Pächter hängt die Vorgeschichte und der Wechsel bringt ein besseres Kreditrating.
6 Systemstadium
Die objektive Tatsache, dass Ellas Familie den alten Kredit kaum tilgen kann und den neuen Kredit ganz gewiss nicht, hat nichts mit Konjunktur zu tun, sondern mit Struktur. Wenn es zu viele Gasthöfe mit Pension gibt, bezogen auf die Zahl der Gäste und ihre Fähigkeit, sie zu nutzen, können Zins und Tilgung für den überhöhten Kredit nicht auf Dauer an die Bank fließen. Und da das in diesem Systemstadium überall wo man hinschaut so ist, hilft es nichts, das Problem mit neuer Überschuldung in die Zukunft zu verschieben. Es wird dadurch noch größer und unbeherrschbarer. Das Systemstadium ist Selbstverstärkung, mehr Kredit bewirkt mehr Aushöhlung.
Wenn wir es nicht verstehen, uns, unsere Frauen und unsere Kultstätten mit der Kraft des Leidens zu verteidigen – das heißt durch Gewaltlosigkeit – dann müssen wir zumindest fähig sein, uns kämpfend zu verteidigen, es sei denn, wir sind Feiglinge und nicht Menschen.
Mahatma Gandhi
7 Brücke
Unser Denken ist viel zu sehr entweder in die Richtung Kapitalismus oder in die Richtung Kommunismus angepasst. Hinzu kommt die Forderung in beiden Denkrichtungen, einfach mehr Geld in die Realwirtschaft zu geben, in sinnvolle, ethisch und ökologisch einwandfreie Verwendungen. Das reicht nicht und geht an der Sache vorbei. Unser System ist im Stadium der Selbstverstärkung, einschließlich Realwirtschaft. Von da aus müssen wir eine Brücke in die Zukunft bauen.
8 Willenskraft
Ich habe diese Überzeugung oft gelesen: In dem Augenblick der Gefahr für eine ganze Kultur, ein ganzes Land, einen ganzen Wirtschaftsraum, ist es entscheidend, dass wir umsichtig handeln, nach unseren inneren Überzeugungen. Mahatma Gandhi sagte:
Kraft beruht nicht auf einer physischen Fähigkeit, sondern auf einem unbezähmbaren Willen. Deshalb kann eine kleine Gruppe fest entschlossener, mit unendlichem Glauben an ihre Mission ausgestatteter Geister den Lauf der Geschichte verändern.
Mahatma Gandhi