Als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.
Brennstoff Nr. 69 | Heini Staudinger | 10.07.2026

Reinhold schrieb mir im Juni 1972 einen Brief, dass er nicht mehr weiterstudieren möchte, er möchte nach Afrika. Seinen Wunsch unterstrich er mit dem Satz von Saint-Exupéry:

Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand leistet. Und nur im Kampf findet der Mensch zu sich selber.

Am Ende des Briefes fragte er, ob ich nicht mit ihm nach Afrika fahren möchte? Ich schrieb ein einziges Wort zurück: JA.

Somit war „alles“ klar. Wir fanden Arbeit bei der Olympiade in München. Dort verdienten wir das nötige Geld, kauften zwei Puch-Mopeds (50 ccm/40 kmh Topspeed). Am 12. Dezember 1972 fuhren wir los. Es war saukalt. Die Mopeds waren jeden Tag mehr oder weniger kaputt. So lernten wir die Mopeds besser kennen. Zu Silvester fuhren wir mit der Fähre von Palermo nach Tunis. Von dort ging es durch die Sahara nach West- und durch Zentralafrika nach Ost-Afrika, nach Tansania. Dort kannten wir Dr. Watschinger. Er war der einzige, den wir in Afrika kannten. Drum waren er und sein Spital unser Ziel.

Immer wieder erzähle ich voll Dankbarkeit, dass ich in Afrika das Wichtigste für mein Leben gelernt habe, - nämlich, dass es im Leben nichts Wichtigeres gibt als das Leben. Ja, das Leben selbst ist das Wichtigste, und nicht wie man hierzulande oft glaubt, - das Geld, oder das Haus, oder das Auto, oder welches Ding auch immer sei das Wichtigste. Nein. Das Leben selbst ist es.

Oft und oft sagte Reinhold, dass diese Reise das Schönste in seinem Leben gewesen sei.

1980 nahm er sich das Leben. Er hatte dieses Gedicht von Rilke dabei. Ohne Zweifel ist Rilkes Panther voll tiefer Traurigkeit. Und doch ist es so, dass dieses Gedicht so bekannt und „erfolgreich“ wurde, weil es einen Aspekt unserer Wirklichkeit präzis beschreibt. Wir spüren eine Kraft, und ahnen, dass es tausend Möglichkeiten gäbe, aber die „tausend Stäbe“ im Äußeren und auch im Inneren sind stärker als ... ? ... die Sehnsucht, stärker als die verfügbare Kraft.

Reinhold, ich werde Dir mein ganzes Leben lang dankbar sein, dass Du damals die Idee hattest, mit dem Studieren aufzuhören und stattdessen nach Afrika zu fahren. Seit Deinem Tod bvermisse ich Dich. Ich würde dir so gerne von unseren Afrika Projekten erzählen. Oh, ja, du gehst mir oft ab.

Author Placeholder

ein Artikel von

Heini Staudinger

Teile deine Meinung auf