Wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.
Takkatak.Tak. Der stete Geräuschpegel des Railjet ist am Wiener Westbahnhof zu Ende. Verschiedenartigste ineinander verwobene Schichten von Geräuschen dringen beim Aussteigen an meine Ohren: Menschengedränge, in dem sich Worte verschiedener Sprachen und in verschiedener Lautstärke mischen mit Geräuschen ankommender und abfahren-der Züge, Bahnhofstechnik, Durchsagen, Werbemusik. Dann stehe ich im Lift zur U-Bahn, allein, und ein sanfter Schreck erfasst mich. Es ist plötzlich ganz still. Das hatte ich nicht erwartet. Stille ist im Bauplan von Großstädten und deren Verkehrsknotenpunkten – Bahnhöfen z. B. – nicht vorgesehen. Nur Gebetsräume auf Flug- häfen sind eine Ausnahme: doch deren Stille ist eingeplant aufgrund der Funktion der Räume.
Stille ist in der kapitalistischen Industriegesellschaft kein für alle zugängliches Gut. Stille ist ein Luxusgut.
Lärm. Gelärmt haben die Menschen schon immer, doch anders und leiser als heute. Wenn es zur Zeit Mozarts in Wien brannte, musste der Türmer von St. Stephan nur in sein Horn blasen, um die Feuerwehr zu alarmieren. Zugegeben, Wien war damals nur der heutige erste Bezirk, also überschaubar. Doch, falls heute jemand am Turm zu St. Stephan ins Horn blasen würde, könnte man das unten trotz Fußgängerzone vermutlich kaum hören. Die allgemeine Lautstärke hat in den letzten 250 Jahren deutlich zugenommen. Das lässt sich an der Lautstärke von Feuerwehr- und Polizeisirenen ablesen. Um das Jahr 1900 waren Feuerwehrsirenen so laut wie ein LKW; Anfang der 1990er Jahre entsprach ihre Lautstärke dem Lärm in der Halle einer Maschinenfabrik, so Rüdiger Liedtke in »Die Vertreibung der Stille«.
Sirenen haben eine Lautstärke bis zu 130 Dezibel; ein abhebender Düsenjet erzeugt 160 Dezibel, Heavy-Metal-Konzerte um die 120 Dezibel. Rund 20 % aller Europäer sind einem durchschnittlichen Lärmpegel von 65 Dezibel ausgesetzt. Ab 85 Dezibel ist Lärm für den Menschen gesundheitsschädlich. Lärm stellt die zweitgrößte Quelle von Bedrohung der öffentlichen Gesundheit dar, so die WHO. Die Zerstörung der Stille macht im Übrigen nicht nur Menschen krank, sondern auch Tiere. Das vielerorts beobachtbare Delphin-Sterben ist nach neuesten Untersuchungen ( http://science.orf.at/stories/1725576/ ) das Resultat des Lärms, den menschliche Technik in den Tiefen des Ozeans erzeugt.
Zerstörung der Stille. Hören ist der früheste Sinn, den Menschen entwickeln. Ein Embryo hört ab ungefähr dem 4. Monat die Geräusche im Inneren des mütterlichen Körpers, und etwa ab der 22. Woche ist das Ohr voll ausgereift. Hören ist – neben dem Riechen – die direkteste Verbindung mit der Welt um uns herum. Kommunikation geschieht durch Hören, und dann erst auch durch Sprechen. Durch den Dauerlärm nimmt das Gehör jedoch Schaden. Hörstörungen zählen laut WHO in den Industrieländern zu den sechs häufigsten die Lebensqualität beeinträchtigenden Erkrankungen. Und sie sind nicht nur auf »Oldies« konzentriert. Rund 20 % der 12 – 19jährigen weisen milde bis schwere Hörstörun gen auf.
Lärm zerstört jedoch nicht nur die äußere Stille, sondern ganz gezielt auch die innere Stille. Die ständige Musikberieselung im halböffentlichen Raum – in Restaurants, Supermärkten etc. – ist von Fachleuten maßgeschneidert, um menschliche Emotionen und Wünsche als unerschöpf lichen »Rohstoff« auszubeuten. So steuert z. B. die Musik in Supermärkten durch Rhythmus und Schnelligkeit die Geschwindigkeit des Einkaufs. Die Musikberieselung wirkt zudem als ein Formungs- und Erziehungsprozess, der ein angenehmes Lebensgefühl suggerieren soll und nebenbei eigenständiges Fühlen und Denken verhindert.
Stille. Stille ist Abwesenheit von Lärm und Lautstärke, aber kein schalltoter Raum. Der lässt sich nur künstlich erzeugen, im Tonstudio z. B. In der Stille wird das Überhörte und Unhörbare hörbar. Wer durch den Wald geht oder ins Hochgebirge aufsteigt, kann Stille als offenen Raum erfahren, aber keineswegs als geräuschlos. Dies ist eine Erfahrung, die viele machen: wenn z. B. beim Bergsteigen nicht nur der äußere Lärm, sondern auch der innere Lärm nachlässt, das heißt, wenn sich innere Dialoge und andere Störgeräusche des eigenen Inneren langsam im Gleichmaß des Gehens beruhigen und zurücktreten, wird plötzlich anderes wahrnehmbar: die Geräusche der Bäume im Wind, der Ton der Gräser und Steine, Vogelstimmen und andere Tiere. Die Stille eröffnet den Hörenden das Eigenleben der Welt, deren Teil Menschen sind.
Ein meditativer Geist ist still. Es ist nicht die Stille, die man mit dem Denken erfassen kann; es ist nicht die Stille eines ruhigen Abends; es ist die Stille, in der das Denken – mit all seinen Bildern, seinen Worten und Wahrnehmungen – vollkommen aufgehört hat. Jiddu Krishnamurti
Im Hören auf diese Stille werden neue Erfahrungen möglich. Nicht umsonst gehen Visionssuchende in die Einsamkeit und Stille an abgelegenen Orten. So ist es vermutlich auch mit Elija gewesen, einem Propheten der hebräischen Bibel, der vor ungefähr 3000 Jahren lebte. Auf der Flucht vor dem König, dem er ungeschminkt die Wahrheit ins Gesicht gesagt hatte – sein Auftrag als Prophet – flieht er deprimiert in die Wüste und erhält dort von einem Engel den Auftrag, auf den Berg Horeb in der Sinai-Wüste zu gehen, selbstverständlich allein. Dort gerät Elija zunächst in einen heftigen Sturm, in dessen Getöse er im ersten Moment meint, Gott zu finden. Doch Gott ist nicht hier, genauso wenig wie in dem Erdbeben und in dem schweren Gewitter, die folgen. Schließlich kommt unerwartet ein fast unhörbarer Windhauch, in dem Elija die Gegenwart Gottes erfährt.
In der Stille eröffnen sich neue Erfahrungsräume: aus dieser Einsicht speisen sich Meditationsübungen aller Art. Die äußere Stille ist nur Hilfsmittel und Unterstützung für das Entwickeln der inneren Stille. Ein japanischer Zen-Meister meinte einmal, dass man auch auf der belebtesten Brücke seiner Heimatstadt Kyoto in Stille und Versunkenheit sitzen können sollte, wenn man gut geübt sei. Denn innere Stille besteht nicht darin, Gedanken zu unterdrücken oder womöglich gar nicht zu denken. Innere Stille entsteht, wenn das endlose Selbstgespräch, in dem wir die Welt entsprechend unserer Vorstellung aufrecht halten, endlich verstummt. Das gehört zum Potential menschlicher Existenz.
Der Dichter Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) – der weder Zen noch andere Meditationspraktiken kannte – schreibt einmal in seinem poetischen Roman »Hyperion«: »Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.«
Diese Stille ist der Ort, oder besser ein Nicht-Ort, aus dem alles beginnen und neu werden kann, ein Nicht-Ort der Fülle – oder der Leere, wie Buddhisten sagen.
Hören. Stille ist subversiv. Sie entzieht sich den Herrschaftsstrukturen, die sich in den verschiedenen Schichten des Lärms manifestieren – Verkehrslärm, Informationslärm, Konsumlärm, Ego-Lärm, usw. Das erfordert einige Übung, doch es geht.
Und erst in der Stille werden Gespräche möglich. Das klingt paradox – doch wenn man einander nicht hört und zuhört, kann man auch nicht miteinander sprechen, sondern nur aneinander vorbeireden oder Meinungen austauschen – ein sprachliches Aneinanderknallen von Körpern und Stimmen. Erst Stille macht Begegnung möglich: Stille ist der Entfaltungsraum von Beziehungen.