Wer war Klara von Assisi?
Wer war Klara von Assisi?
Kerstin Decker | 12.02.2026

Frau zu sein war ein Unglück ...

ES WAR NIE EIN PRIVILEG,

eine Frau zu sein, im Mittelalter aber war es ein Unglück. Gottes Ebenbild war der Mann, er allein. Klaras Zeitgenosse Thomas von Aquin, der große Kirchenlehrer, wird für die Existenz der Frau nur eine Erklärung haben: Frauen entstehen aus verdorbenem männlichen Samen oder fauligen Winden. Franz und seine Gefährten zogen predigend über Land, frei wie die Vögel unter Gottes Himmel. Wir dürfen fast mit Sicherheit davon ausgehen, dass eine solche Existenzform auch das Ideal der jungen Klara von Assisi war.

Doch ihr wird all das verwehrt. Die Blütezeit des Mittelalters hatte begonnen, und wie fast immer in kulturellen Hochzeiten, wird die Lage der Frauen noch demütigender. Sie dürfen nicht mehr frei über Land gehen - das machen nur Huren, verstoßene Ehefrauen und Bettlerinnen -, und zugleich lösen die großen Orden viele ihre Frauenklöster auf. Die Begründung der Prämonstratenser von Marchtal: „Da es auf dieser Welt nichts gibt, was in seiner Schlechtigkeit den Frauen gleichkommt ...“.

Weggeschlossen vor der Welt, fast ohne Berührung mit dem Außen werden Klara und ihre Schwestern leben müssen. Ein kleines Gitterfenster ist die ganze Verbindung selbst zu ihren Brüdern. Und Klaras geistlicher Vater Franz wird fast nichts unternehmen, ihr Los mildern. Als seine kleine Pflanze - plantula - hat sie sich selbst bezeichnet, man darf durchaus von Vernachlässigung der gärtnerischen Pflichten sprechen. Oder bewogen ihn andere Gründe, sich von den Schwestern zunehmend fernzuhalten?

PFINGSTEN HEISST REDEN LERNEN

Trotzdem wird Klara von Assisi, die Eingeschlossene, am Ende ihres Lebens - lange nach Franz‘ Tod - das Unvordenkliche tun: Sie wird die erste Frau sein, die ihrer Gemeinschaft eine eigene Regel gibt. Nachdem sie die des Papstes rundweg abgelehnt hat. Wie war das möglich? Eine Frau gibt sich selbst - und ihren Schwestern - eine Verfassung. Pfingsten ist ein guter Zeitpunkt, dieses Sprachwunder zu deuten, denn Pfingsten heißt, reden lernen. Und Klara, die makelloses Latein schrieb, wird selbst Päpste dazu bringen, ihr Liebesbriefe voller Demut zu senden: Liebesbriefe im Namen Christi.

Im Unterschied zu Franz ist Klara ein Kind des Adels, also vorerst bestmöglich geschützt vor Lebensrisiken aller Art, frühe Verheiratung natürlich ausgenommen. Lange galt Klara bloß als Jüngerin des Franziskus, denn Frauen empfangen keine Primärinspirationen, nur ein Mann kann sie lehren. Wahrscheinlich hat das junge Mädchen den aufsehenerregenden Weltenwechsler geliebt und schließlich, da er anders nicht zu haben war, seine Lebensform gleich mit? Das schien plausibel.

Und doch ist bezeugt, dass sie schon sehr früh religiös auffälliges Verhalten zeigt. Sie lässt den Großteil ihrer Mahlzeiten den Armen bringen und trägt unter ihren Kleidern ein raues Etamin-Tuch, dass die Trägerin jeden Augenblick daran erinnert, dass es keinen Grund gibt, sich wohl zu fühlen auf Erden oder gar im eigenen Körper. Die Wandlung des jungen Franz vom Lebemann zum Büßer im Namen Christi war ein längerer Weg der Erfahrung. Was aber war es bei Klara?

DIE STIMME GOTTES

natürlich, sagt die Kirche. Oder war es noch etwas anderes? War es der Generalstreik eines Mädchens gegen die Zumutungen des Daseins? War es die panische Angst vorm Verheiratetwerden? Was erfuhr sie in der Familie? Wir werden das prüfen.

Immerhin werden fast alle Frauen des stolzen Rittergeschlechts der Offreduccio einmal ins Kloster umziehen, zum Schluss kommt sogar Klaras Mutter Ortulana.

Vielleicht gibt es doch ein drittes Geschlecht, zumindest in der Religion: das der Mystiker. Und nur als Mystikerin wird Klara von Assisi zu begreifen sein. Was sie fasziniert, ist der „Gott in Windeln“, der Mächtigste also, der sich in seinem Sohn zum Ärmsten, zum Wehrlosesten gemacht hat. Das ist das christliche Paradox. Das ist das franziskanische Paradox.

Die Frauenbewegung im Hause derer von Offreduccio ist nur der Anfang. Noch zu Klaras Lebzeiten werden Frauen in Scharen das machen, was der Kirche ein Greuel ist: predigend über Land ziehen.

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Kerstin Decker

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