Radikale Alternativen – Degrowth und Post-Extraktivismus im Dialog

„Wir haben nicht mehr viel Zeit“ sagte Rudi Dutschke im Jahr 1968 beim Vietnam-Kongress in Berlin. Aus seiner Sicht gab es damals eine unmittelbare revolutionäre Dringlichkeit, auf die die Versammelten reagieren müssten. Heute, so scheint es, hat sich die Dringlichkeit, die Gesellschaft zu verändern, potenziert und auf ein völlig neues Niveau gehoben: Denn es bleibt nicht viel Zeit, um die irreversiblen Schäden einzudämmen, die der global entfesselte Kapitalismus verursacht und die bei einem weiteren „Business as usual“ in schwere sozial-ökologische Krisen münden könnten.

Ulrich Brand und Alberto Acosta haben nun mit ihrem Buch „Radikale Alternativen – Warum man den Kapitalismus nur mit vereinten Kräften überwinden kann“ eine Reihe von Diskussionsanstößen geliefert, um die so dringenden Fragen unserer Zeit zu bearbeiten. Die beiden Autoren haben große Expertise und Renommé in ihrem jeweiligen Fach: Alberto Acosta war Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors und bis zum Jahr 2008 Minister für Energie und Bergbau. Ulrich Brand ist Professor für Internationale Politik an der Universität Wien und erreichte vor kurzem mit seinem Buch „Imperiale Lebensweise“ eine große Leserschaft.

Der mit zahlreichen weiterführenden Literaturverweisen versehene Band versteht sich als transnationaler Dialog zwischen zwei Kontinenten und Erfahrungen. Die beiden leitenden Begriffe des Buches sind Degrowth und Post-Extraktivismus (siehe Kasten). Sie sind der politisch-konzeptionelle Horizont für die titelgebenden radikalen Alternativen.
Worin besteht nun die Dringlichkeit unseres Handels? Die Autoren konstatieren, dass wir vor einer sozial-ökologischer Krise von zivilisatorischer Tragweite stehen. Denn trotz aller Beteuerungen von Seiten der Politik reichen die Maßnamen für den Klimaschutz bei weitem nicht aus. Um das aktuelle Dilemma zu durchleuchten, hat Ulrich Brand in sorgfältiger analytischer Arbeit den Begriff der imperialen Lebensweise entwickelt, der en gros besagt, dass die Bevölkerungen des globalen Nordens sowie die wachsenden Mittelschichten des globalen Südens strukturell auf Kosten der Mehrheit der Menschen dieser Welt und der Umwelt leben. So weit, so bekannt. Brand stattet seinen Ansatz mit hegemonietheoretischen Überlegungen von Antonio Gramsci sowie mit der Staatstheorie von Nicos Poulantzas aus. Brand betont, dass sich die Forderungen der Subalternen aus den Ländern des Nordens in die Staatsapparate eingeschrieben hätten. So wurde mit der fordistischen Entwicklungsweise ein nicht verallgemeinerbarer Konsumkapitalismus etabliert.

Den zweiten analytischen Begriff steuert Alberto Acosta bei: Er beschreibt die Dynamik des Ressourcen-Extraktivismus, also der Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Lateinamerika, der nicht nur durch neoliberale Regierungen vorangetrieben wird – auch progressive Regierungen wichen in den vergangenen beiden Jahrzehnten keineswegs von diesem Kurs ab. Sie vertieften ihn oftmals sogar, wie man in Brasilien, Venezuela, Ecuador, Argentinien und Bolivien beobachten kann. Denn seien es Palmöl-Plantagen, Ananas- und Bananen-Monokulturen, Mega-Staudammprojekte oder die Förderung von Erdöl und Erdgas: Aufgrund des Wachstumsimperativs des Kapitalismus bedingt die imperiale Lebensweise den Ressourcen-Extraktivismus – und umgekehrt. Erst durch den Massenkonsum entstehe ein dermaßen hoher Druck auf rohstoffreiche Länder. In Anlehnung an Marx und an die feministische Historikerin Sivlia Federici kann also gesagt werden, dass eine „fortgesetzte ursprüngliche Akkumulation“ stattfindet. Diese Politik heizt das Weltklima weiter an, sie geht außerdem zu Lasten von Bäuerinnen und Bauern, indigenen Gruppen und der biologischen Vielfalt.

Acosta und Brand gehen in ihrem Buch auch sorgfältig auf die Gegenargumente zu ihren Vorschlägen sein ein: Denn das extraktivistische Entwicklungsmodell half den progressiven Regierungen in Lateinamerika in den letzten beiden Jahrzehnten, einer Vielzahl von Menschen den Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Der große Haken: Die Länder setzten sich den unberechenbaren Schwankungen des Weltmarktes aus. Die führte dazu, dass nach dem Verfall der Rohstoffpreise im Jahr 2008 und später im Jahr 2014 ungeahnte Krisendynamiken entstanden – die progressiven Regierungen verloren den Rückhalt in der Bevölkerung. Acosta und Brand schlagen in „Radikale Alternativen“ deshalb mit Degrowth und Post-Extraktivismus die Stärkung von Wirtschaftsweisen vor, die gegenüber dem kapitalistischen Weltmarkt resilient sind und allen Menschen ein Leben in Fülle ermöglichen. Alberto Acosta bringt zahlreiche Vorschläge, die er als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors versuchte, umzusetzen: So war er maßgeblich daran beteiligt, das alternative Konzept des „Buen Vivir“, also des „guten Lebens“ in der Verfassung des Andenstaats zu verankern.

Die Dringlichkeit der Durchsetzung radikaler Alternativen zum Kapitalismus macht sich laut den Autoren auch daran fest, dass die herrschenden Klassen in Krisen stets dazu tendieren, materielle Zugeständnisse zurückzuschrauben und demokratische Freiheiten einzuschränken. So werden die Wohlstandsinseln im Globalen Norden mit immer größerer Brutalität verteidigt, nach innen hin verfestigen sich autoritäre und faschistoide Strukturen. Der US-amerikanische Autor Omar El-Akkad hat jüngst mit seinem dystopischen Roman „American War“ gezeigt, was geschehen kann, wenn die Klimakriege in den globalen Norden vorrücken: Die Zuspitzung öko-Imperialer Spannungen bis hin zu Ressourcenkriegen treffen dann auch uns.
Äußerst überzeugend ist deshalb auch, dass die Autoren ihrem gemeinsamen Werk das Zitat Walter Benjamins voranstellen, das besagt, dass Revolutionen vielleicht nicht, wie Marx einst sagte, die Lokomotive der Weltgeschichte sind, sondern viel mehr „der Griff des in diesem Zug reisenden Menschheitsgeschlechts nach der Notbremse“. Denn ein „weiter so“ ist angesichts sozial-ökologischen Krise unseres Planeten undenkbar.

BEGRIFFSERKLÄRUNGEN

Degrowth

Alberto Acosta und Ulrich Brand vertreten die Ansicht, dass ein „Green New Deal“ nicht zu der notwendigen Transformation der Gesellschaft führen wird. Weder die neoklassische Austeritätspolitik noch die keynsianische Politik von Nachfrage und Umverteilung, die auf das fortwährende Brummen des Wachstums- und Wettbewerbsmotors setzt, sei geeignet, der Vielfachkrise zu begegnen.
Vielmehr sei es notwendig, dass bestimmte Wirtschaftszweige wie der Individualverkehr inclusive der Produktion von Elektroautos, die Containerfracht, die Fleischproduktion oder der Flugverkehr radikal schrumpfen. Die Autoren schlagen eine Art Doppelbewegung vor: Einerseits müsse der zivilgesellschaftliche Widerstand gegen den Neubau von Flughäfen, den Braunkohleabbau oder die klimaschädliche industrielle Landwirtschaft intensiviert werden. Gleichzeitig gehe es um die praktische Entwicklung von Alternativen, wie sie beispielsweise in den Übergangsstädten (transition towns) oder in der Bewegung für Ernährungssouveränität ihren Ausdruck finden. Dazu gehöre auch eine ökologische Steuerreform sowie die Durchsetzung strengerer Höchstgrenzen beim Verbrauch natürlicher Ressourcen und bei Emissionen. „Degrowth“ dürfe kein Label für eine „minoritäre Öko-Elite“ sein. Vielmehr gehe es geht darum, ein ressourcenarmes, aber gutes Leben für alle zu ermöglichen. Dafür sei es notwendig, Produktionsketten zu verkürzen. Die Herstellung der existenzsichernden Güter könne auch lokal und mit viel weniger Kapitaleinsatz vonstatten gehen. Unternehmen würden dadurch nicht unter dermaßen hohem Druck stehen, Kredite zurückzuzahlen und zu expandieren. Eine weitere zentrale Forderung ist die Verkürzung der Lohnarbeitszeit. Diese Forderung richtet sich vor allem an die Gewerkschaften, die oftmals noch immer in der fatalen Wachstumslogik des Wettbewerbsstaates gefangen sind. Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich würde bedeuten, Reproduktionsarbeit und zivilgesellschaftliches Engagement aufzuwerten. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine höhere Besteuerung von Kapitalvermögen, Erben, Unternehmensgewinnen und Finanztransaktionen.

Post-Extraktivismus

Die Autoren formulieren mit dem Begriff „Post-Extraktivismus“ den Vorschlag für eine schrittweise Abkehr vom Paradigma der Ressourcen-Ausbeutung im Bereich des Bergbaus, der agroindustriellen Monokulturen und der Gewinnung von fossilen Energieträgern. Der so genannte Extraktivismus war und ist sowohl für neoliberale als auch für linke Regierungen in den rohstoffreichen Ländern Lateinamerikas während der letzten Jahrzehnte das vorherrschende Entwicklungsmodell. Fortschrittliche Regierungen rechtfertigten den Extraktivismus mit der dadurch in Gang gesetzten Bekämpfung der Armut. Die Kehrseite des Extraktivismus ist jedoch die extreme Abhängigkeit von Weltmarktpreisen und von einer sich bereichernden nationalen und internationalen Bourgeoisie. Außerdem geht der Extraktivismus auf Kosten lokaler Gemeinschaften, Kleinbauern und der Umwelt. So wurden beispielsweise in Argentinien inzwischen 22 Millionen Hektar der 33 Millionen für die Landwirtschaft vorhandenen Hektar in transgene Sojabohnenkulturen umgewandelt.
Alberto Acosta berichtet in „Radikale Alternativen“ von den widersprüchlichen Erfahrungen aus Ecuador: Dort wurde zwar die Notwendigkeit propagiert, den Extraktivismus zu überwinden; der nationale Entwicklungsplan wurde sogar in den „Plan für ein gutes Leben“ umbenannt. Doch in der Praxis vertieft die Regierung die Rohstoffausbeutung sogar noch mehr als die früheren neoliberalen Regime – angeblich, um damit die Voraussetzungen zu schaffen, um später aus dem Extraktivismus auszusteigen.
Brand und Acosta schlagen den Begriff des guten Lebens (Buen Vivir) vor und wollen mit ihrer Publikation „Transformationsprozesse im Norden und Süden miteinander verknüpfen.“ Die Autoren verstehen Post-Extraktivismus und Degrowth „als eine Art Duo, das sich zur gleichen globalen Realität äußert. Wenn die Wirtschaft im globalen Norden sozial-ökologisch transformiert wird“, so Acosta und Brand, dann werde „der Druck, den Ressourcen-Extraktivismus im Süden immer weiter voranzutreiben, abnehmen.“

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