American War – Klimawandel und Krieg in Romanform

„American War“ katapultiert einige unserer schlimmsten Befürchtungen und Zukunftsängste in die Lesestuben: Der Meeresspiegel ist stark gestiegen, die USA werden von einem brutalen Bürgerkrieg heimgesucht. Ursache des Konflikts ist die Weigerung einiger Südstaaten, das Verbot fossiler Energieträger zu akzeptieren, das die Regierung des Nordens durchsetzen will. Rebellengruppen aus dem abgehängten Süden der USA verüben Terroranschläge, die Streitkräfte des übermächtigen Nordens schlagen zurück. Ein aufrüttelnder Roman mit starken Gegenwartsbezügen.

„American War“ von Omar El Akkad könnte zu keinem passenderen Zeitpunkt erscheinen. Mit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA sind neue gesellschaftliche Konfliktlinien zutage getreten, die der Autor in seinem Roman zuspitzt und 50 Jahre in die Zukunft projiziert. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Sarat Chestnut, die im Jahr 2069 in eine deklassierte Familie aus Louisiana geboren wird. Sie radikalisiert sich im Laufe ihrer Jugend zusehends und ist bereit, mit Waffengewalt für die Sache der Südstaaten zu kämpfen und an der demütigenden Unterdrückung durch den Norden Rache zu nehmen.

Als Sarat Chestnut aufwächst, werden die abtrünnigen „Freien Südstaaten“, die Teile von Louisiana und Tennessee, sowie Alabama und Georgia umfassen, von Rebellengruppen kontrolliert. In Texas toben erbitterte Kämpfe. Die starke Erwärmung des Planeten hat devastierende Wirbelstürme hervorgerufen. Ganze Landstriche sind verwüstet, Fauna und Flora sind zerstört, der Mississippi ist weit über seine Ufer getreten. Mexiko kontrolliert große Teile der USA und verwaltet diese als Protektorat. Auch ökonomisch leidet der Süden, da der Umstieg auf erneuerbare Energien nicht gelungen ist und der Norden mit Abschottung reagierte.

Die betroffenen Regionen sind von Flüchtlingslagern gesäumt, in denen katastrophale Lebensbedingungen herrschen. Gleichzeitig sind die Südstaaten zu verlängerten Werkbanken des Nordens geworden: Hier produzieren Billigarbeitskräften in gigantischen Gewächshäusern und Sweatshops die Lebensmitteln und Textilien, die im Norden oder in Übersee verkauft werden. Über die Docks von Augusta im Bundesstaat Georgia kommen in riesigen Schiffen Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung ins Land. Die Südstaaten sind abhängig von der Gunst anderer.

China und die arabischen Länder vorne

Die Hilfsgüter werden von China sowie vom fiktiven Bouazizireich geschickt, einem Zusammenschluss arabischer Länder, die mittlerweile die USA als Wirtschafts- und Hegemonialmacht weit überflügelt haben. In El Akkads Roman hat Amerika seine Rolle als globale Ordnungsmacht längst eingebüßt – die „Pax Americana“, die im übrigen nie friedlich war, ist längst vorüber. Es sind neue imperiale Monster entstanden, die auf der Bühne der internationalen Staatenkonkurrenz um die globalen Ressourcen wetteifern.

Doch die Handlung des Buches ist nicht nur von düsteren Zukunftsprognosen inspiriert. El Akkad, der mit seiner Familie als Kind von Ägypten nach Kanada auswanderte, hat neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit zehn Jahre lang als Kriegsjournalist gearbeitet und über die globalen Konflikte der Gegenwart berichtet. Daraus nährt sich sein umfangreiches Wissen und die Detailgenauigkeit der Beschreibungen.

Präzise und realistisch illustriert er die Zonierungen und Grenzziehungen in den Kriegsgebieten sowie die Beschaffenheit des Flüchtlingslagers, in dem die junge Sarat mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter landet. Immer wieder ist von Journalistinnen und Freiwilligen Helfern aus dem Norden die Rede, die die Flüchtlingslager in Louisiana besuchen – jene zivile Begleitmusik von kriegerischen Auseinandersetzungen, die wir auch aus der Gegenwart kennen. In diesem Lager trifft Sarat auf ihren zukünftigen Mentor Albert Gaines, einem demagogischen Mastermind des Südstaaten-Terrorismus.

Erschreckende Gegenwartsbezüge

Bei El Akkad ist es den Trumps dieser Welt nicht gelungen, die „erste Welt“ mit Mauern und Zäunen gegen die Misere des Südens abzuschotten. In „American War“ verläuft die Segregationslinie der globalen Apartheid quer durch die untergegangene Hegemonialmacht selbst. Da aufgrund des Klimawandels nicht mehr von Washington aus regiert werden kann, wurde Columbus, im Bundesstaat Ohio als neue Hauptstadt des arrogant auftretenden Nordens auserkoren.
Derweil siecht der Süden vor sich hin.

El Akkad verschiebt jene apokalyptisch anmutenden Existenzbedingungen, die für Millionen von Menschen in Nigeria, Bangladesh oder Afghanistan tagtäglich bittere Realität sind, einfach in die USA. Die Einschränkung der Bewegungsfreiheit aufgrund von Herkunft und Zugehörigkeit erinnert an die aktuelle Situation an der Südgrenze der EU. Drohnen, die lakonisch „Vögel“ genannt werden und die Sarat Chestnuts Radikalisierung weiter beschleunigen, sind kaum verhohlene Anspielungen auf die unzähligen zivilen Opfer der Kriegsführung in Pakistan und Afghanistan.

Doch El Akkad will auch in die innenpolitische Debatte in den USA intervenieren: Die „blauen“ Nordstaaten, die durch den Umstieg auf erneuerbare Energie ihren Wohlstand vorübergehend sichern konnten, kämpfen gegen den renitenten „roten“ Süden. Bei den Erben der Republikaner fährt man im Jahr 2070 mangels Alternativen zuweilen immer noch mit – mittlerweile verbotenen – Benzinautos. Auf der fiktiven Gefängnisinsel Sugarloaf, die dem Plot eine dramatische Wendung gibt, werden Südstaaten-Rebellen mit Guantanamo-Methoden gefoltert.

Öko-Imperiale Spannungen

El Akkad beschreibt auf fiktionalem Terrain, was der Wiener Politikwissenschafter Ulrich Brand als „öko-imperiale Spannungen“ bezeichnet. Das Buch vollzieht auf diese Weise eine kluge Doppelbewegung: Es übt Kritik an den aktuell stattfindenden Kriegen um Ressourcen und geopolitischen Einflusszonen und formuliert gleichzeitig eine Warnung vor den dramatischen sozialen Veränderungen, die den Klimawandel in den nächsten Jahrzehnten begleiten könnten.

Was die westlichen Leserinnen und Leser an „American War“ erschrecken dürfte, ist der Umstand, dass die Verwerfungen der globalen Kriege in die Wohlstandsinseln des Planeten vorgedrungen sind. Dabei braucht es nicht viel Vorstellungskraft, um El Akkads Dystopie von den USA nach Europa zu verlegen: Das ökonomisch erfolgreiche Kerneuropa würde die südeuropäischen Staaten abhängen und sich nicht am Mittelmeer, sondern am Balkan, am Brenner und an den Pyrenäen abschotten, während nicht nur Venedig, sondern auch halb Sizilien und die griechischen Inseln im Meer versinken.

Auch wenn die Dialoge in „American War“ mitunter keineswegs brillant sind, so gelingt es El Akkad doch bravourös, bis zum Schluss den Spannungsbogen zu halten. Kein Zweifel: Das Buch will aufrütteln und zuspitzen – doch wir bewegen uns hier keineswegs auf rein fiktionalem Terrain: viele Menschen bekommen die Folgen des Klimawandels bereits heute brutal zu spüren. „American War“ ist somit nicht nur beeindruckender und höchst spannender Lesestoff, sondern auch literarisches Rüstzeug gegen die Apologeten des fossilen „Business as usual“.

Omar El Akkad: American War. S.Fischer-Verlag, 448 Seiten, 24,70 €

Alexander Behr

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