One World Foundation – Wie ein Hotel eine Schule für 1.100 Kinder finanziert

Anfang der 80er reist ein Wiener Ehepaar auf der Suche nach einem Ort des Ausgleichs nach Sri Lanka. Auf ihrem Weg in den Südwesten der Insel verlieben sie sich in die Landschaft und die Menschen und kaufen ein Grundstück. Sie bauen ein Haus für sich und erweitern es um ein Gästehaus, aus dem über die Jahre ein prachtvolles Aryuveda-Resort für Gäste aus der ganzen Welt entstand. Mitte der 90er-Jahre gründen sie eine Schule, welche sich aus den Einnahmen des Resorts finanziert.

Wathuregama liegt etwa zwei Stunden südlich von Colombo. 1983 kamen Kathrin Messner und Joseph Ortner hier erstmals her. Er ist Künstler, sie betreibt einen Kunstbuchhandel, den ersten für moderne Kunst in Wien, wie sie betont. Sie sind auf der Suche nach einem Ort der Inspiration, einem Ausgleich zur Wiener Kunstszene der 80er. Der Südwesten Sri Lankas war zu diesem Zeitpunkt wenig entwickelt. Im Norden war gerade der Bürgerkrieg ausgebrochen, die Gebiete südlich Colombos hatten keine befestigten Straßen. »Wie wir angekommen sind, war hier noch ein Feld, die Ochsenkarren sind hier noch gefahren, in Colombo gab es eine einzige Ampel. Eine Fahrt nach Colombo hat vier Stunden gedauert. Das hat uns gefallen, dieser Anarchismus und das Durcheinander, das dann doch eine Ordnung hatte, da ging es dann ganz schnell mit der Entscheidung«, blickt Messner zurück. Das Schicksal meinte es gut mit den beiden, es stand ein Grundstück zum Verkauf. Sie kauften es, bauten ein Wohnhaus und erweiterten dieses über Jahre hinweg zu einem paradiesischen Aryuveda-Resort. Dieses finanziert heute eine angeschlossene Schule mit 1.100 Kindern, eine der modernsten Sri Lankas.

Beuys als Inspiration

Die ersten Jahre pendelte das Paar zwischen Wien und Sri Lanka, sie gründeten in Wien erst einen Künstlertreff, dann das Projekt Museum in Progress (bekannt durch die Bespielung des eisernen Vorhanges in der Wiener Staatsoper). Ihr Künstlertreff wird zum Stammplatz für die Wiener Szene, immer mehr befreundete Künstler besuchen sie in ihrem Gästehaus in Sri Lanka. Josef Beuys liefert dann mit seiner Theorie der »sozialen Plastik« – Kunst im Sinne des Einsatzes von kreativem Handeln zum Wohl der Gemeinschaft zu sehen– die Inspiration zur One World Foundation, einer Hilfsorganisation für den langfristigen positiven Wandel der Gesellschaft Sri Lankas. Das Hauptprojekt ist die Free Education Unit, eine Schule für die lokale Bevölkerung, finanziert durch das angeschlossene Aryuveda-Resort.

»Die Schule war quasi unser „Kunstwerk“, wir hatten hier kein Bedürfnis, ein abstraktes Bild zu malen. Wir wollten immer Räume bauen, in denen sich Menschen entfalten können. Die Schule war eine logische Entscheidung.«, erinnert sich Messner.

»Wir müssen andere Wege finden, neue Wege finden. Die gibt es.«

Sri Lanka’s Jugend sprach zu diesem Zeitpunkt kaum Englisch. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 hatten die Singhalesen an den Schulen »Singhalese only« propagiert, die englische Sprache wurde im Sinne des Aufbaus des völkischen Selbstvertrauens zur Seite geschoben. Genau hier setzte die Free Education Unit an. Messner und Ortner sahen in der englischen Sprache ein Fenster zur Welt und eine Voraussetzung für eine positive Entwicklung des Landes. Die Schule startete mit 100 Schülern und drei Klassenräumen unterteilt in Vorschule, Mittelschule und Fortbildungsprogramme für Erwachsene. Der Fokus lag auf Englisch und allgemeinbildende Fächer. Initiativ wurde die Schule über Kredite und Unterstützung aus dem Netzwerk finanziert, kurz nach Start begann das Ehepaar ihr Gästehaus zu vermieten und die Einnahmen zur Finanzierung heranzuziehen. Schon nach wenigen Jahren schaffte es die Stiftung, einen guten Teil der Finanzierung aus ihrem mittlerweile erweiterten Resort zu gewinnen.

Tsunami und Wiederaufbau

Am Morgen des 26. Dezember 2004 erschüttert der Tsunami Sri Lanka und verwüstet große Teile des Küstengebiets. Es sterben mehr als 30.000 Menschen. Die Free Education School wurde weggeschwemmt, vom Gästehaus blieben nur die Grundfesten stehen. Das Projekt hatte Glück im Unglück, der 26. Dezember ist ein buddhistischer Feiertag, es befanden sich keine Kinder in der Schule, die Gäste des Resorts wurden von einer kleinen Welle vorgewarnt und konnten rechtzeitig evakuiert werden. Für Messner saß der Schock dennoch tief: »Es war so desaströs. Ich habe filmische Bilder von Dresden gekannt und wie ich das gesehen habe dachte ich: das ist unfassbar. Es hat nach Leichen gestunken. Für uns war es war natürlich hart vor den Trümmern dessen zu stehen, was man 10 Jahre lang aufgebaut hat. Umso mehr hatten wir das Gefühl dazubleiben, da konnte man nicht weglaufen.

Sie starteten einen Spendenaufruf, bekamen 230.000 Euro zusammen, viele Künstler und Persönlichkeiten aus dem persönlichen Netzwerk beteiligten sich, auch Wien’s Bürgermeister Michael Häupl unterstützte den Wiederaufbau. Mit dem Geld wurde ein neuer Standort gesucht – Schulen mussten nach neuer Verordnung einen Kilometer vom Strand entfernt stehen. Nur drei Monate nach der Katastrophe wurde man fündig, im nur einen Kilometer entfernten Ahungalla, wo die Schule noch heute steht. Unter Leitung des österreichischen Architekten Carl Plucha wurde sie nach einem modularen Modell erbaut – durch eine Stahlkonstruktion weitgehend katastrophensicher. 2007 wurde sie feierlich eröffnet.

Schule für sozial Schwache

Der Lehrplan blieb über die Jahre hin individuell, es entstanden eigene EDV-Klassen, Sport- und Musikkurse, eine Schneidereiausbildung, »wir haben dort angesetzt, wo wir Schwachpunkte und gleichzeitig große Chancen für die Zukunft unserer Schüler sahen«. Die Schule ist offen zugänglich und kostenlos, beim Auswahlprozess wird jedoch Wert darauf gelegt, Bildungsplätze vor allem an Kinder aus einkommensschwachen Familien zu vergeben. »Wer durch Sri Lanka reist wird schnell feststellen, dass es wie überall wo der Tourismus boomt einige wenige Profiteure und ganz viele Verlierer gibt. Mit der One World Foundation bemühen wir uns im Rahmen unserer Möglichkeiten um Ausgleich«, sagt Messner.

Bogenvillya - Free_Education_Unit_One_World_Foundation

Das Haupthaus im Bogenvillya Aryuveda-Resort. (Foto © Michael Rottmann)

Die One World Foundation baut heute auf drei Säulen. Das Aryuveda-Resort, die Free Education School, sowie das so genannte Writers-Artists in Residence Programm, ein dreimonatiges Austauschprogramm für Künstler und Schriftsteller, letzteres wird von Robert Menasse kuratiert. Der Großteil der 150.000 Euro, die zur Finanzierung der Schule nötig sind werden aus Einnahmen des Resorts gewonnen, die Stiftung ist allerdings immer noch auf Spenden angewiesen. Mit dem Geld wird sichergestellt, dass die knapp vierzig Lehrer, wie auch die Angestellten im Resort fair entlohnt werden.

Fokus auf langsamem Wachsen

Mit der One World Foundation wollten Messner und Ortner einen Fehler vermeiden, den sie bei vergleichbaren Projekten oft sahen: der Wunsch nach zu schnellem Wachstum: »Viele Projekte werden aufgesetzt, ohne die lokale Kultur zu beachten. Oft hat man das Gefühl, dass die Projektherren und Architekten wichtiger sind, als di Menschen, die davon profitieren sollen. Wir haben immer versucht langsam zu wachsen, die letzten zwanzige Jahren haben wir organisch erweitert und werden in Zukunft eher in die Verbesserung der Qualität investieren«. Die Schule unterrichtet heute 1.100 Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Erweitert soll sie, geht es nach Messner, nicht mehr werden. »Natürlich sehe ich, wie viel Bedarf es noch gäbe, aber wir können eben nur unseren Teil bestmöglich beitragen. Darüber diskutiere ich sehr oft mit unserem Schulleiter Prabath, der natürlich gerne noch viel mehr Kinder aufnehmen würde. Mein oberstes Ziel ist es aber, dass wir die Schule zu 100% aus den Einnahmen des Resorts finanzieren können. Das wäre schön«

Kathrin Messner - One World Foundation

Kathrin Messner träumt davon, die Free Education School ausschließlich aus Einnahmen der Bogenvillya zu finanzieren.

»Die Kunst und das Soziale, das möchte ich nicht missen in meinem Leben.«

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