Chaos – Das neue Zeitalter der Revolutionen – Teil 1

Der Freudentaumel der Anleger und die nahende Mitternacht für die Menschheit: Deutlicher lässt sich die Tatsache, dass sich unser Wirtschaftssystem auf Crashkurs mit dem Planeten und seinen Bewohnern befindet, kaum ausdrücken. Was die Börse feiert, ist unser Verderben. Das Ergebnis dieses Zusammenpralls ist wachsendes globales Chaos auf allen Ebenen: in der Politik, in der Wirtschaft, in unseren Köpfen und in den natürlichen lebenserhaltenden Systemen. In meinem Buch „Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ habe ich beschrieben, wie das aggressive System aus endloser Geldvermehrung und militarisierten Staaten, das vor 500 Jahren in Europa entstand, zwar für einen kleineren Teil der Weltbevölkerung enormen Wohlstand geschaffen hat, für den größeren Teil jedoch von Anfang an mit Krieg, Völkermord, Umweltverwüstung, Ausbeutung und Elend verbunden war. Für viele Menschen im Globalen Süden ist das Chaos also nicht neu. Auch für Europäer war die Expansion der Megamaschine in den letzten 500 Jahren immer wieder mit Phasen von destruktivem Chaos und exzessiver Gewalt verbunden, von den Bauernkriegen im 16. Jahrhundert bis zu den Weltkriegen. 1930 schrieb der italienische Philosoph und Kommunist Antonio Gramsci im Gefängnis: »Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.« Auch wir leben wieder in einer »Zeit der Monster«. Doch bei allen Ähnlichkeiten gibt es einen entscheidenden Unterschied zu früheren Systemkrisen: Heute steht durch die rasante Zerstörung der Biosphäre und die sich erneut verschärfende atomare Bedrohung die Überlebensfrage für die Menschheit im Raum.

Chaos und Schweigen

Die öffentlichen Diskussionen gehen angesichts dieser Lage allerdings auf beunruhigende Weise an den wichtigsten Fragen vorbei. Eine breite Debatte über einen grundsätzlichen Wandel unseres Wirtschaftssystems findet nicht statt. Die Tatsache, dass sich die deutsche Regierung auf Druck der USA weigert, dem UN-Vertrag zur Abschaffung von Atomwaffen beizutreten, den mittlerweile 122 Länder unterzeichnet haben, ist den meisten Medien bestenfalls eine Randnotiz wert. Dabei geht es um unser aller Überleben. Klimanachrichten rangieren, wenn nicht gerade ein UN-Gipfel stattfindet, meist unter Vermischtes, obwohl sie eigentlich Titelthemen sein müssten. So zum Beispiel der Hinweis auf eine NASA-Studie aus dem Jahr 2014, die feststellt, dass der gewaltige westantarktische Eisschild begonnen hat, unwiderruflich auseinanderzubrechen. Der daraus folgende Meeresspiegelanstieg von bis zu vier Metern lässt sich bereits nicht mehr aufhalten. Küstenstädte wie New York, Hamburg, Schanghai, Kalkutta und Alexandria sind, obwohl sie noch stehen, eigentlich schon Geschichte. Doch darüber herrscht weitgehend Schweigen. Das Scheitern einer ganzen Zivilisation scheint keine Schlagzeilen mehr wert zu sein. Führende Klimawissenschaftler weisen immer wieder darauf hin, dass wir unsere Treibhausgasemissionen um 80 Prozent bis 2030 senken müssen, um auch nur eine 50:50-Chance zu haben, die Erwärmung auf 2 Grad zu begrenzen und eine weiter eskalierende Katastrophe zu verhindern. Doch die EU ist auf dem Weg, selbst ihr viel zu niedriges Ziel von 40 Prozent zu verfehlen. In Deutschland steigen die Emissionen, statt zu sinken, vor allem durch den ungebremst boomenden Auto-, LKW- und Luftverkehr – so als hätte hier noch nie jemand das Wort Klimawandel gehört. Eine ernsthafte Diskussion über dieses dramatische Versagen der Politik, das lebensbedrohliche Konsequenzen für uns alle und vor allem für unsere Kinder und Enkel hat, findet nicht statt.

In der angeblichen Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft zählen Fakten wenig, wenn sich mit ihrer Verdrängung noch eine Weile Profit machen lässt. Anlässlich des Klimagipfels in Durban (Südafrika) 2011, wo die Regierungschefs aus aller Welt zusammenkamen, formulierte es der ehemalige Vorsitzende des UN-Klimarats Rajendra Pachauri so: »Um ehrlich zu sein: Niemand hier schenkt der Wissenschaft irgendeine Beachtung.« Es ist nicht allein Donald Trump, der sich im postfaktischen Zeitalter eingerichtet hat, sondern der größte Teil der politischen Eliten. Auch in Europa. Und ein Teil der Bevölkerungen auf beiden Seiten des Atlantiks unterstützt sie dabei. Der Grund dafür ist leicht zu erkennen: Der Krise des Lebens auf der Erde ins Auge zu sehen und angemessen darauf zu reagieren, würde bedeuten, nicht nur einige Infrastrukturen, sondern unser gesamtes Wirtschaftssystem vollständig umzubauen. Der Aufbau einer Ökonomie, die auf Gemeinwohl statt Profit, auf gerechte Verteilung statt auf endloses Wachstum setzt, ist umso dringender, als das gegenwärtige System einem winzigen Teil der Weltbevölkerung zu absurden Reichtümern verhilft, während 800 Millionen Menschen hungern und Milliarden um ihre wirtschaftliche Existenz kämpfen. Doch das politische Establishment in den Industrieländern hat sich bisher geweigert, einen grundlegenden Umbau in Richtung sozialer und ökologischer Gerechtigkeit in Angriff zu nehmen. Reiche Interessengruppen, die auch um den Preis eines verwüsteten Planeten ihre Privilegien zu verteidigen suchen, haben ihren Zugriff auf die Staatsapparate in den vergangenen Jahrzehnten erheblich ausweiten können. Als Ergebnis ihres Erfolges wächst das Chaos und die Fliehkräfte nehmen zu.

Aus: Fabian Scheidler: Chaos. Das neue Zeitalter der Revolutionen. Promedia 2017. 240 S.

Die Bewegung „Ende Gelände“ kämpft konsequent für den Ausstieg aus der extrem klimaschädlichen Kohleindustrie, der auch von Fabian Scheidler gefordert wird. Mit ihren spektakulären Aktionen ist es der Bewegung gelungen, eine breite gesellschaftliche Diskussion anzustoßen. Die Aktivistinnen und Aktivisten schreiben: „Wir bleiben am Ball, und sorgen dafür, dass dem medialen Erfolg auch eine reale Umsetzung des Kohleausstiegs folgt. Uns ist klar, die notwendigen Veränderungen werden nicht aus den Denkfabriken der Mächtigen kommen – sondern von den Menschen weltweit, die sich für einen grundsätzlichen Systemwandel einsetzen. https://www.ende-gelaende.org/de/

Weiterführendes zum Thema

Meistgelesene Artikel
Short CutsMarianne Williamson

Unsere tiefste Angst

1 Minute

EssayChristoph Ransmayr

Europa! Herz der Finsternis

14 Minuten

EditorialHeini Staudinger

Ausgabe 53

2 Minuten

Short CutsVirginia Satir

Mein Bekenntnis zur Selbstachtung

3 Minuten

EssayJochen Schilk

Berührung eines Unerreichbaren

5 Minuten

EssayGötz Eisenberg

Das Geld und die Seele des heutigen Menschen

9 Minuten

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen