MaschinenHerz
MaschinenHerz
Brennstoff Nr. 45 | Brennstoff Redaktion | 21.02.2024 | 3 Minuten

Dsi Gung war im Staate Tschu gewandert und nach dem Staate Dsin zurückgekehrt. Als er durch die Gegend nördlich des Han-Flusses kam, sah er einen alten Mann, der in seinem Gemüsegarten beschäftigt war. Er hatte Gräben gezogen zur Bewässerung. Er stieg selbst in den Brunnen hinunter und brachte in seinen Armen ein Gefäß voll Wasser herauf, das er ausgoß. Er mühte sich aufs äußerste ab und brachte doch wenig zustande.

Dsi Gung sprach: »Da gibt es eine Einrichtung, mit der man an einem Tag hundert Gräben bewässern kann. Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?«

Der Gärtner richtete sich auf, sah ihn an und sprach: »Und was wäre das?« Dsi Gung sprach: »Man nimmt einen hölzernen Hebelarm, der hinten beschwert und vorn leicht ist. Auf diese Weise kann man das Wasser schöpfen, dass es nur so sprudelt. Man nennt das einen Ziehbrunnen.«

Da stieg dem Alten der Ärger ins Gesicht, und er sagte lachend: »Ich habe meinen Lehrer sagen hören: Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er all seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz. Wenn einer aber ein Maschinenherz in der Brust hat, dem geht die reine Einfalt verloren. Bei wem die reine Einfalt hin ist, der wird ungewiß in den Regungen seines Geistes. Ungewissheit in den Regungen des Geistes ist etwas, das sich mit dem wahren SINNE nicht verträgt. Nicht dass ich solche Dinge nicht kennte: ich schäme mich, sie anzuwenden.«
Dschuang Dsi, Das wahre Buch vom südlichen Blütenland (4. Jahrhundert v. Chr.)

Nicht undifferenzierte Technikfeindlichkeit spricht aus dem alten Mann; er weiß wohl, es ist unmöglich, sich von der Welt abzuwenden. Er lebt ja auch in der Welt und müht sich darin ab, seinen Garten zu bestellen, der ihn ernährt. Doch weiß er noch etwas, das Dsi Gung nicht weiß: die Werkzeuge, und viel mehr noch die Maschinen, sie erleichtern nicht nur die Arbeit, sie verändern auch ihn selbst und sein Leben. Wer sich ihrer bedient, »der bekommt ein Maschinen herz«, das ganz anders getaktet ist als sein eigenes Herz und das, ließe er sich auf Dsi Gungs Vorschlag ein, fortan das Tempo seines Lebens beschleunigen und bestimmen würde. Darauf will er sich nicht einlassen. Er möchte nicht fremdbestimmt werden, sondern selbstbestimmt bleiben. Wenn es auch Mühe macht, und wer wüsste besser über die Mühe Bescheid als er, entscheidet der Alte sich für seine Souveränität. Er kennt »solche Dinge«, er ist sich der aufs ganze Leben durchschlagenden Wirkung der Maschinen völlig bewusst – gerade darum will er sich ihnen nicht ausliefern. »Ich schäme mich, sie anzuwenden« heißt: er würde sich schämen, sich selbst zu verraten, sich selbst untreu zu werden. Sein Ärger, seine lachende Ablehnung sind ein Akt der Freiheit.
Moreau

Das Wirken der Natur zu erkennen, und zu erkennen, in welcher Beziehung das menschliche Wirken dazu stehen muss: das ist das Ziel. Der höchste Mensch wendet seinen Geist zurück zur Ewigkeit und genießt die Geheimnisse des Jenseits. Er ist wie das Wasser, das fließt, ohne Formen anzunehmen. Die Menschen der Masse hingegen versuchen Dinge, die sich nicht erzwingen lassen, zu erzwingen, darum sind sie fortwährend in Aufregung.
Dschuang Dsi

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