He‘s as blind as he can be: Sees just what he wants to see, Isn‘t he a bit like you and me?
He‘s as blind as he can be: Sees just what he wants to see, Isn‘t he a bit like you and me?
Heini Staudinger | 18.01.2024 | 3 Minuten

Über das Buch

Eine ungewöhnliche Familiengeschichte, eindringlich erzählt: Der Großvater des Autors, Gendarmerie-Major, sein Schicksal als politischer Häftling 1938/39, zuerst in Einzelhaft, dann im Konzentrationslager Dachau. Ihm gegenüber: Ein vorgesetzter Offizier, fanatischer Nationalsozialist, der auch für die Haft anderer Kollegen verantwortlich ist.

Nach Kriegsende wenden sich die Verhältnisse: Die Alliierten verhaften 1946 den Denunzianten und versprechen eine gründliche Entnazifizierung Österreichs. Aber am Ende eines langwierigen Prozesses muss man erkennen, dass daraus leider nichts wird. In den Morgenstunden des 13. März 1938 wird in Linz der Gendarmerie-Major Alois Renoldner verhaftet. Sein Vorgesetzter, Ewald Simmer, hat mehrere Kollegen ins Gefängnis, und später ins KZ gebracht. Alle Versuche des Häftlings, sich vor einem Richter verteidigen zu können, scheitern. Eines Nachts wird er ins Konzentrationslager nach Dachau überstellt, letztlich entlassen und zwangspensioniert. Über die Demütigungen und Folterungen im KZ, das Trauma seiner Haftzeit, kann er später nie sprechen.

Ewald Simmer ist ein fanatischer Nazi, er wird nach dem Krieg verhaftet. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, kann er dank eines geschickten Anwalts und durch konsequentes Leugnen seiner NS-Karriere als unbescholtener Mann in die Gesellschaft zurückkehren.

Erzählt wird von einem Opfer, das vor Gericht um ein mildes Urteil für den Täter bittet. Erzählt wird von einem Täter, der sich als Opfer präsentiert, und gegen das Gericht keine Handhabe hat. In der kleinen Rahmenhandlung: Martha, die Tante des Autors, die als 16-jähriges Mädchen einen Brief an Adolf Hitler schreibt, um ihren Vater aus dem KZ zu befreien. Auch dies eine wahre Geschichte.

Lieber Klemens,

mit diesem Buch ist Dir ein unglaublich tolles Werk gelungen. Einerseits erzählst Du die Geschichte zweier normaler (?!) Menschen, andrerseits bringst Du uns Zeitgeschichte auf eine Art und Weise nahe, dass „einem Geschichte nahe geht“. Ich nenne die Protagonisten dieses Buches absichtlich normal. Der Eine, - korrekt und fleißig, - und dann verstummt er. Der Andere, - ein Eiferer, ein Aufsteiger, ein Karrierist, man kann ruhig sagen, - ein Arschloch, der sich im Nachhinein selber als Opfer darstellt, und letztendlich vom Gericht freigesprochen und gesellschaftlich rehabilitiert wird.

Das Buch zeigt auf wilde, irgendwie auch auf extreme Weise, wie die politischen Rahmenbedingungen im Leben eines Einzelnen wirksam werden (können). Der „Regime Change“ durch den „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich bringt den fanatischen Nazi Ewald Simmer in eine Machtposition, in der er auf grausliche Weise aufblüht.

Dieses Buch lässt uns in zwei Leben hineinschauen. Beide sind Kinder ihrer Zeit (sind wir das nicht auch?). Beide sind in ihren persönlichen Mustern gefangen; Ehrgeiz, Fleiß, Treue, Verschlossenheit, Kampf, Karriere, Feigheit, Verlogenheit. Die zwei Figuren dieser Geschichte sind tot. Wir leben noch. Was nun?

Beim Lesen habe ich unwillkürlich darüber nachgedacht, wie die politischen Rahmenbedingungen unserer Zeit in unserem Leben gestaltend wirken. Wir handeln, wir tun, und es geht so dahin. Unterm Strich dürfen auch wir kaum auf ein mildes Urteil kommender Generationen hoffen.

Seit mehr als 50 Jahren

Klemens, es ist ein Hammer, jetzt kennen wir uns wirklich schon seit mehr als 50 Jahren. Du hast damals (1972) in Salzburg studiert. Ich auch. Du hast Dir dabei die Grundlagen für Deine berufliche Laufbahn erarbeitet. Das ist mir nicht geglückt, drum bin ich noch im selben Jahr mit dem Moped nach Afrika aufgebrochen. Fast zehn Jahre später trafen wir uns in Wien wieder. Ich hatte schon mein erstes Schuhgeschäft im 8. Bezirk, und Du warst damals Dramaturg im Burgtheater. Für mich war das super. Dank Dir bekam ich immer wieder Superkarten für supertolle Theatervorstellungen, manchmal ziemlich knapp vor Beginn. Das war egal, weil ich mit dem Fahrrad nur fünf Minuten ins Theater hatte. Danke Klemens.

In Freundschaft, Dein Heini

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