MIT FRANZ VON ASSISI
ward einst der Welt geboren eine Sonne, schrieb Dante in seiner „Göttlichen Komödie“. Vor allem, weil dieser mit dem „Sonnengesang“ ein bis dahin nicht für möglich gehaltenes Gebet geschrieben hatte, eines, das Gott in allen Dingen feierte. Giotto malte dann Franz von Assisi, der den Vögeln predigt - ein bis dahin unerhörtes Sujet.
In was für einer Welt lebte Franz von Assisi im frühen 13. Jahrhundert? Sie war der unseren erstaunlich ähnlich. Die Städte blühten, und dass die Stadtluft frei macht, war der Slogan der Zeit. Vor allem wurden die freien Bürger reich, sie handelten mit allem, was sich gut verkaufen ließ.
Kein Weg, kostbare Waren herbeizuschaffen, war zu weit: der Fernhandel blühte. Auch die Familie Bernadone hatte in Assisi ein gut gehendes Tuchgeschäft und der Sohn des Hauses Francesco stand als Verkäufer hinter dem Ladentisch. Nach seiner inneren Umkehr 1206 vor dem sprechen den Kreuz in San Damiano wird er sich Franz von Assisi nennen. Was zeichnet ihn aus? Das Hören auf die innere Stimme, die für ihn als mittelalterlichen Menschen nur die Stimme Gottes sein kann - für uns heute ist es eher die Stimme des Gewissens. Sie gab Franz von Assisi etwas, das sie uns auch heute zu geben vermag: die Kraft, den falschen Botschaften, die aus der Welt auf uns einstürzen, die stille eigene Gewissheit entgegenzustellen. Franz von Assisi steht damit anfangs allein - aber keineswegs auf verlorenem Posten.
REICHTUM UND ARMUT
Die Welt steht zu Beginn des 13. Jahrhunderts am Scheideweg: Der Reichtum der Welt wird neu verteilt - und die Stärksten streiten um die Beute. In Italien herrscht Krieg, die Städte kämpfen gegeneinander um die Vorherrschaft - der junge Franz von Assisi ist als Soldat dabei und gerät in Perugia für ein Jahr in Gefangenschaft. Die Kehrseite des neuen Reichtums ist jedoch eine bislang ungekannte Armut. Die Gesellschaft erscheint gespalten in Gewinner und Verlierer. Und um die Armen, oft sind es Aussätzige, die umherirren, kümmert sich niemand - auch die Kirche nicht. Aber war Jesus nicht arm gewesen, fragt
Franz von Assisi. Das ist die Frage der Stunde. Franz und seine ersten Brüder beantworten sie, indem sie allem Besitz abschwören und im Geiste des Urchristentums zusammenleben. Die Botschaft der „armen Kirche“ bringt Franz von Assisi jenen gewaltigen Zulauf ein, der nicht bloß die Kirche, sondern die ganze Welt verändern sollte. Darum spricht auch der französische Historiker Jacques Le Goff vom ursprünglichen franziskanischen Geist als „Kontrapunkt“, den unsere moderne Welt so dringend brauche. Frieden, Bescheidenheit und Zuwendung sind heute ein mehr denn je notweniges Korrektiv für allgegenwärtige Konkurrenz und Egoismus. Mit Franz von Assisi kehrt Jesus als Mensch wieder ins Bewusstsein der Volksfrömmigkeit zurück. Er gibt ein Beispiel für ein solidarisches Leben, in dem die Liebe zu allen Geschöpfen im Mittelpunkt steht. Denn Gott wohnt nur in den kleinen, den unscheinbaren und verachteten Dingen!
WARUM BIST DU GEKOMMEN...
Dostojewski hatte im ersten Teil seiner „Brüder Karamasow“ die Legende vom Großinquisitor erzählt, die im Spanien des 16. Jahrhunderts spielt. Jesus kehrt zurück auf die Erde, nach Spanien, wo die Inquisition gerade massenhaft Autodafés veranstaltet. Dann steht er vor dem alten Großinquisitor, der ihn sofort erkennt: „Warum bist du gekommen uns zu stören?“, herrscht dieser ihn an. Wenn er nicht sofort verschwinde, werde auch er mit den anderen Ketzern am Morgen verbrannt. Daraus spricht die Angst der starren Institution und ihrer Dogmen vor jener vitalen Idee, auf der sie einst gründete. Auch Franz von Assisi, der 1209 zu Papst Innozenz III. nach Rom pilgert, um von ihm die Erlaubnis zu erbitten, mit seinen wenigen Gefährten den Menschen das Evangelium zu predigen, steht in der Gefahr, zum Ketzer erklärt zu werden. Aber die Kirche befindet sich in einer so tiefen Krise, dass sie Franz - vorerst - gewähren lässt.