Ermutigung - Du, lass dich nicht verhärten...
Ermutigung - Du, lass dich nicht verhärten...
Susanne Wolf | 17.01.2024 | 3 Minuten

Wie ein böser Traum

Manchmal kommen mir die letzten drei Jahre vor wie ein böser Traum, oder auch wie ein schlechter Film. Immer schwächer wird das Bedürfnis, mich damit zu befassen, immer geringer die Hoffnung, dass alles restlos aufgeklärt wird. Dagegen wächst der Wunsch, nach vorne zu schauen. Weil ich selbst über meinen Körper entscheiden möchte, wurde ich ausgegrenzt und herabgewürdigt. Monatelang war es mir nicht erlaubt, Dinge zu tun, die mir Freude bereiten: im Kaffeehaus sitzen, Büchereien oder Konzerte besuchen, schwimmen gehen. Ich redete mir ein, nichts davon zu vermissen – einfach, um bei Verstand zu bleiben. Denn natürlich war ich wütend und traurig und fassungslos. Ich konnte nicht begreifen, was hier geschah, und noch weniger, weshalb es so viele hinnahmen oder sogar gut fanden.

Vergessen? Nein, ich werde nie vergessen, wie sehr meine heranwachsenden Kinder unter der sozialen Isolation litten und bis heute mit den Folgen kämpfen. Verzeihen? Ja, denn das ist für mein Seelenheil unerlässlich. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mir selbst schade, wenn ich zu lange Groll und Verbit-terung mit mir herumtrage. Ich habe auch in der Vergangenheit Dinge erlebt, die es mir schwer machten, zu verzeihen. Doch immer gab es einen Moment, in dem mir bewusst wurde, dass ich kein Opfer (mehr) sein möchte.

Was mir Hoffnung gab (und gibt): Mehr Menschen denn je wurden politisch aktiv, es gab Petitionen, Demonstrationen, Vereine wurden gegründet. Da war die Gewissheit: ich bin nicht alleine. Wir teilten nicht nur das Empfinden, dass etwas furchtbar schief lief, sondern auch den Wunsch, unseren Werten treu zu bleiben, und diese Werte in die Welt zu tragen, um sie zu verändern.

Was mir hilft, ist die Überzeugung, dass alles im Leben für etwas gut ist, auch wenn es nicht immer gleich erkennbar ist. Dass ich aus allen Herausforderungen, die mir begegnen, lernen kann. Diese drei Jahre haben mir geholfen, Zusammenhänge zu erkennen und die Welt in einem anderen Licht zu sehen. Sie haben mich letztendlich stärker gemacht.

Wolf Biermann

Geboren 1936 in Hamburg, verlor er mit sechs seinen Vater, der in Auschwitz ermordert wurde. Als Siebenjähriger überlebte er mit seiner Mutter den Feuersturm in Hamburg. 1953 siedelte Wolf Biermann in die DDR. 1976 wurde ihm nach einer Konzerttour in der Bundesrepublik Deutschland die Wiedereinreise in die DDR verweigert und er wurde ausgebürgert. Dies führte in Ost- und Westdeutschland zu breiten Protesten und gilt als Menetekel für das Ende der DDR. Du, lass dich nicht verhärten ...

Ermutigung

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich
Du, lass dich nicht verbittern
In dieser bitteren Zeit
Die Herrschenden erzittern
Sitzt du erst hinter Gittern
Doch nicht vor deinem Leid
Auch nicht vor deinem Leid
Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll‘n sie doch bezwecken
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Schon vor dem großen Streit
Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Grad deine Heiterkeit
Wir wollen es nicht verschweigen
In dieser Schweigezeit
Das Grün bricht aus den Zweigen
Wir wolln das allen zeigen
Dann wissen sie Bescheid
Dann wissen sie Bescheid

Songtext von Wolf Biermann

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