Endlich! Endlich! Rückenwind
Endlich! Endlich! Rückenwind
Brennstoff Nr. 47 | Heini Staudinger | 15.02.2024 | 3 Minuten

Seit dem Jahr 2004 verfolgen wir die Idee, unsere Firmen, GEA und die Waldviertler Werkstätten, in eine Genossenschaft umzuwandeln. Der Wunsch war unbefangen und redlich. Auf dem Weg zum Ziel habe ich mich oft gewundert, wie viele Schwierigkeiten diesen Weg säumten. Nun ist das Eis gebrochen. Jetzt gibt es »Rückenwind«. Unserem neuen Genossenschaftsverband namens »Rückenwind« ist vom Wirtschaftsministerium die Anerkennung erteilt worden. Halleluja.

In Österreich wird/wurde das Genossenschaftswesen von zwei starken Gruppen dominiert. »Raiffeisen« und »Schulze Delitzsch«. Sie tragen die stolzen Namen ihrer Gründer, obwohl – ich will es freundlich sagen – die Ursprungsidee im Laufe der Jahrzehnte schwer gelitten hat. Die großen Gründerpersönlichkeiten waren leidenschaftliche Kämpfer gegen die Not der kleinen Leute. Hermann Schulze Delitzsch: Er gründete 1849 eine erste Schuhmachergenossenschaft, die sich mit den Prinzipien der Selbsthilfe – Selbstverwaltung – Selbstverantwortung gemeinsam erfolgreich gegen die Not aufgebäumt hat.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen sah die Not der Bauern. In christlicher Verantwortung startete er 1854 einen leidenschaftlichen Kampf für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Von ihm habe ich einen tollen Satz gefunden, mit dem er bei der Gründungsversammlung seiner ersten »Genossenschaft« an die 60 Anwesenden appellierte:

»Auch in unserem Amtsbezirk befinden sich unter der armen, ausgesogenen Bevölkerung Giftpflanzen, Wucherer, welche sich ein Geschäft daraus machen, die Not ihrer Mitmenschen in herzlosester Weise auszunützen. Wie gierige Raubtiere stürzen sie sich auf die hilfsbedürftigen und ihnen gegenüber wehrlosen Landleute, deren Unerfahrenheit und Not ausbeutend, um sich allmählich in den Besitz ihres ganzen Vermögens zu setzen. Eine Familie nach der anderen wird zugrunde gerichtet.«

Raiffeisen gehören heute »Komplex« Banken, Versicherungen, Molkereien, Lagerhäuser und ein Geflecht von weit über tausend Firmen und zusätzlich haufenweise Firmenbeteiligungen. Die Raiffeisen Gruppe ist somit der mächtigste Player in der österreichischen Wirtschaft.

Nun, was hat das mit uns zu tun? Ganz einfach, mit unserer geplanten Genossenschaft woll(t)en wir neue Wege gehen; wir wollten nicht zu diesem ungeheuren Wirtschaftsgeflecht dazugehören. Laut Gesetz müssen Genossenschaften Mitglied in einem Genossenschaftsverband, sprich Revisionsverband, sein. Warum?

Das ist eine längere Geschichte, und doch ist es so, dass diese Zwangsmitgliedschaft problematisch ist, denn sie widerspricht dem Genossenschaftsprinzip der Selbsthilfe – Selbstverwaltung – Selbstverantwortung. Da diese Zwangsmitgliedschaft bei einem Verband nun (noch) gesetzlich festgelegt ist, wollen wir mit unserem neuen Genossenschaftsverband namens »Rückenwind« das Beste draus machen – wir wollen den zukünftigen Genossenschaften Rückenwind verleihen in den vielen Schwierigkeiten und Herausforderungen der modernen Wirtschaft. In den Aufgabenfeldern Werbung, EDV, Finanzierung, Steuer und Recht, Revision und Controlling sind viele Kleinbetriebe sehr gefordert, oft überfordert. Wenn wir auf diesen Feldern zusammenhalten, wird das ein kräftiger Rückenwind für viele Neugründer sein.

Gut, dass wir nun den neuen Genossenschaftsverband »Rückenwind« haben, denn wir brauchen viele, neue Genossenschaften.

Konsum- und Erzeuger-Genossenschaften, wo’s nicht darum geht, möglichst billig einzukaufen, sondern den Konsumenten gute Lebensmittel und den Bauern einen gerechten Lohn zukommen zu lassen – ohne Land und Tiere auszubeuten.

Energie-Genossenschaften, wo’s nicht darum geht, viel Strom möglichst billig anzubieten, sondern: weg von den fossilen Energiequellen, hin zu erneuerbaren Energien. Ziel ist »das gute Leben« mit weniger Energieverschwendung.

Handwerksgenossenschaften, wo Erzeuger und Kunden gemeinsam den Zynismus des globalen Wettbewerbs überwinden, statt mit Löhnen von 10 Cent die Stunde zu konkurrieren.

Letztendlich müssen wir eine Lobbykraft entwickeln, um gemeinsam die Änderung der zerstörerischen Rahmenbedingungen einzufordern. Wir brauchen Rahmenbedingungen, unter denen lebensbejahendes Wirtschaften gelingen kann und soll. Möge der neue Genossenschaftsverband »Rückenwind« starker Rückenwind für eine gemeinsinnige, lebensbejahende Wirtschaft werden.

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