Antigone im Amazonas: Ungeheuer ist vieles. Nichts ist ungeheurer als der Mensch.
Antigone im Amazonas: Ungeheuer ist vieles. Nichts ist ungeheurer als der Mensch.
Brennstoff Redaktion | 18.01.2024 | 4 Minuten

Brasilien, das grösste Land Südamerikas, ist weniger eine Nation, als ein ökonomisches Prinzip: Auf gewaltigen Monokulturen werden von Grosskonzernen, die die Landwirtschaft von der Aussaat bis zum Verkauf kontrollieren, Soja, Palmöl und Rindfleisch hergestellt. Allein die für Mais und Soja genutzte Fläche entspricht zweimal der Grösse des ehemaligen Kolonisators Portugal. Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen Lateinamerikas sind in den Händen von einem einzigen Prozent der Bevölkerung, oft den direkten Nachkommen der ehemaligen Sklavenhalter.

Landlosenbewegung

Mit der industriellen Monster-Produktion gehen, wenn auch seit einigen Jahren hinter „grünen“ Zertifikaten und einer verlogenen Ideologie der „Nachhaltigkeit“ versteckt, Entwaldung des Amazonas und Vertreibung der Ureinwohner einher. Daran änderte auch die sogenannte Landreform nichts, die seit den 60er Jahren auf ihre Umsetzung wartet. Sie hätte für eine demokratische Verteilung der kolonialen Latifundien sorgen sollen, wurde aufgrund des Widerstands der grossen Agrarkonzerne aber nicht einmal im Ansatz realisiert. Weshalb in Brasilien direkt nach Ende der Militärdiktatur im Jahr 1984 die Landlosenbewegung MST gegründet wurde: die grösste soziale Bewegung landloser Bauern in Lateinamerika, die sich für eine radikale Landreform und eine ökologische Landwirtschaft einsetzt.

Massaker an Aktivisten

Mit Besetzungen und Enteignungen konnte MST bereits Landtitel für über 400‘000 Familien erkämpfen. Kein Wunder, dass die Bewegung seit ihrer Gründung von den mächtigen brasilianischen Agrotrusts bekämpft wird: Nahe der Stadt Marabá, im brasilianischen Amazonas-Staat Pará, wurde am 17. April 1996 auf einer Strasse durch den Regenwald des Amazonas 19 Aktivisten des MST anlässlich eines „Marsches für die Landreform“ von der Militärpolizei erschossen. Auf Einladung der Landlosenbewegung begann ich dort im Frühjahr 2020 gemeinsam mit den Überlebenden des Massakers das Stück „Antigone im Amazonas“ zu inszenieren – und wurde von Covid unterbrochen.

Widerstand gegen den Tyrannen

Eine passendere Folie für den bürgerkriegsähnlichen Kampf um Land in Brasilien zu finden als das 2.000-jährige Stück von Sophokles wäre wohl schwierig gewesen: „Antigone“ ist die Geschichte des Tyrannen Kreon, der seine Macht um jeden Preis erhalten will – und Antigones, die sich ihm widersetzt. Eine indigene Schauspielerin und Aktivistin, Kay Sara, spielt in unserer „Antigone im Amazonas“ die Hauptrolle, der Seher Teiresias wird von dem indigenen Philosophen und Kapitalismus-Kritiker Ailton Krenak gespielt. Die Darstellerin der Ismene, Antigones Schwester, wuchs in einem Quilombo auf, in einer ursprünglich von entlaufenen Sklaven gegründeten Gemeinschaft.

Der Chor besteht aus den Überlebenden des Massakers von 1996, dazu kommen Schauspielerinnen aus Europa und Sao Paulo – ein Cast, so divers und widersprüchlich wie die brasilianische Gesellschaft selbst. Ende März 2023 schliesslich begann die Arbeit an „Antigone im Amazonas“ im Amazonas von neuem, und am 17. April schliesslich besetzten wir gemeinsam mit Hunderten von Aktivistinnen der brasilianischen Landlosenbewegung die Transamazonica, am Ort und zum Jahrestag des Massakers.

Proteste gegen die Aufführung

Die Sperrung der legendären Strasse, die quer durch den Urwald führt und auf der Tausende von Lastern täglich Eisenerz, Soja und Rindfleisch an die Küsten bringen, provozierte einen Skandal in den brasilianischen Medien. Eine Lüge, ein Fake, eine Provokation sei diese Wiederaneignung des Massakers durch die Überlebenden und ihre Nachkommen, hieß es auf Bolsonaro-nahen Blogs und Portalen. Die Bundespolizei versuchte im letzten Augenblick unter Gewaltandrohung die Aufführung zu verhindern, was aber angesichts der versammelten 500 Aktivisten nicht gelang.

Aufarbeitung der Vergangenheit

Denn die Mächtigen mögen mit der Vergangenheit durch sein - die Unterdrückten, die Indigenen und Landlosen sind es nicht. Und wie so oft, wenn vergangenes Unglück reenactet wird, liegt darin ein Vorglänzen zukünftiger Gerechtigkeit: die Ahnung einer Gegengesellschaft, einer Gegengeschichte zur kolonialen Geschichte der Eroberung, Unterwerfung und Ausbeutung, die sich bis heute fortsetzt. Oder wie es einer der Überlebenden aus dem Chor sagte: „Es war schrecklich, das alles noch einmal zu erleben. Aber es hat mir gezeigt, wie nötig unser Kampf ist.“

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