»Zeit für Utopien« – Kurt Langbein zeigt Wege in eine andere Wirtschaft auf

Kritische Dokumentarfilme aus den Nullerjahren widmeten sich hauptsächlich dem Aufzeigen von Missständen. „We feed the World“, „Darwin’s Nightmare“, „Unser täglich Brot“ oder „Workingman’s Death“ richteten die Kamera dorthin, wo die negativen Auswirkungen der Agrarindustrie und der globalisierten Wirtschaft am sichtbarsten sind. Mit „Zeit für Utopien“ bringt Kurt Langbein nun einen Film in die Kinos, der Alternativen zum vorherrschenden Wirtschaftssystem portraitiert.

Die aktuelle Situation ist durchaus alarmierend, wie der Ökonom Niko Paech in „Zeit für Utopien“ anschaulich erklärt: Um die ökologischen Grenzen des Planeten nicht zu überschreiten, dürfte jedes Individuum heute nur mehr 2,5 Tonnen CO2 pro Jahr emittieren. Der Durchschnitt in Mitteleuropa liegt allerdings heute bei rund 11 Tonnen pro Jahr. Insgesamt, so Nico Paech, stehe einem Menschen, der 80 Jahre lang lebt, die Emission von 200 Tonnen CO2 zu. Alleine eine Flugreise von Frankfurt nach New York und zurück verursacht jedoch bereits 4 Tonnen CO2, eine Flugreise von Frankfurt nach Auckland in Neu Seeland satte 14,5 Tonnen. Gleichzeitig ist zu befürchten, dass sich der Flugverkehr in Europa in den nächsten 20 Jahren verdoppelt. Nur den Müll zu trennen und ökologisch einzukaufen, sei bei weitem nicht genug, so Nico Paech: Wir müssten uns vielmehr daran machen, unser gesamtes ökonomisches System umzubauen.

Alternativen sind greifbar

Unser Konsumstil, den der Wiener Politikwissenschafter Ulrich Brand „imperiale Lebensweise“ nennt, geht auf Kosten der Umwelt sowie der Mehrheit der Menschen auf diesem Planeten. Das Wissen darüber ist vorhanden, wird aber gesellschaftlich verdrängt. Zu tief ist unser Konsumniveau in die alltäglichen Gewohnheiten, aber auch in den Staatsapparat eingeschrieben. Auch die Gewerkschaften sind daran nicht unbeteiligt. Eine Wirtschaft ohne Wachstum scheint auch für sie unvorstellbar. Wir müssen also radikal umdenken, wie die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann in „Zeit für Utopien“ betont. Die wichtigste und gleichzeitig schwierigste Frage sei die nach der Transition, also nach dem Übergang: Denn sobald die ökonomische, soziale und ökologische Krise sich verschärft und öko-imperiale Spannungen zunehmen, drohen autoritäre und faschistische Strömungen an Aufwind zu gewinnen. Ulrike Hermann fasst es simpel zusammen: Wir wissen, dass wir Gefahr laufen, gegen die Wand zu fahren, doch niemand erforscht den Bremsweg. Wir müssten verstehen, so Hermann, wie wir von einer wachstumsgetriebenen Wirtschaft zu einer nachhaltigen und global gerechten Wirtschaft gelangen können, ohne dass die Menschen auf dem Weg dorthin einen Diktator wählen und die Transformation scheitert.

Was brauchen wir für ein gutes Leben?

Der Film widmet sich konkreten Projekten, die den sozial-ökologischen Wandel nicht nur propagieren, sondern bereits erste Schritte für seine Umsetzung unternommen haben. Langbein portraitiert das Projekt GeLa-Ochsenherz aus Gänserndorf, sowie weitere Erzeuger-Verbraucher-Gemeinschaften in Bayern und Südkorea. Gezeigt werden außerdem ein gemeinschaftliches Wohnprojekt in Zürich, eine von ArbeiterInnen in Selbstverwaltung geführte Teebeutel-Fabrik in Südfrankreich, sowie Produktionsorte von Rohstoffen, die im so genannten „Fairphone“ – einem „fairen“ Smartphone – verwendet werden.

Petra Wähning, die im Film vorgestellt wird, war für den Werbezeitenverkauf bei Pro7/Sat1 zuständig, bevor sie sich der solidarischen Landwirtschaft zuwandte. Früher habe sie ihre gesamte Energie darauf verwendet, um großen Konzernen zu ermöglichen, ihre KundInnen möglichst kostengünstig zu erreichen. Heute arbeitet sie in einer genossenschaftlichen Struktur mit, die Kundinnen und Kunden in Bayern mit lokalen biologischen Lebensmitteln versorgt. Denn: Die Agrarindustrie liefert uns aktuell zwar unsere Lebensmitteln, sie zerstört aber gleichzeitig die Bodenqualität, reduziert die Insektenbestände auf dramatische Weise, verschmutzt das Grundwasser und bringt das Weltklima aus dem Gleichgewicht – sprich: die Agrarindustrie gefährdet aufs fahrlässigste unsere Lebensgrundlagen.

Die Genossenschaft Hansalim aus Südkorea arbeitet nach vergleichbaren Prinzipien wie die Gemeinschaften in Österreich und in Bayern. Doch hier ist die Größenordnung durchaus respekteinflößend: Bei Hansalim werden mittels 220 Läden in Seoul rund 600.000 Mitglieder und insgesamt 1,5 Millionen Menschen versorgt. Die Kooperative wächst jedes Jahr um weitere 60.000 Personen. Die Bauern und Bäuerinnen bekommen einen fixen Preis für ihre Produkte und werden in die Produktionsplanungen miteinbezogen. So sind sie nicht von einem anonym festgesetzten Marktpreis abhängig, der globalen Schwankungen unterliegt. Der Zwischenhandel ist ausgeschaltet, von 100 südkoreanischen Won gehen 73 an die Bauern, der Rest geht als Betriebskosten in die Kooperative. Während Vertrieb und Marketing auf dem regulären Markt 50 bis 60% des Verkaufspreises verschlingen, sind es bei Hansalim nur 27%. Dadurch fallen die Preise für die Konsumentinnen und Konsumenten auch geringer aus. VerbraucherInnen und ErzeugerInnen investieren außerdem gemeinsam in neue Verarbeitungsbetriebe, z.B. für die Tofuproduktion.

Ein großartiges Beispiel für die sozial-ökologische Transformation eines konventionellen Wirtschaftsbetriebs ist die Teebeutel-Fabrik SCOP-TI. Die „Société Coopérative Ouvrière Provençale de Thé et Infusions“, also die „selbstverwaltete Kooperative zur Herstellung von Schwarz- und Kräutertees in der Provence“ befindet sich in der Gemeinde Gémenos, rund 20 Kilometer von Marseille entfernt. Die Fabrik war im Besitz von Unilever und sollte im September 2010 geschlossen werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter begannen daraufhin einen beeindruckenden Arbeitskampf und besetzten die Fabrik während 1.336 Tagen. Heute wird der Betrieb in Selbstverwaltung geführt. Die Geschäftspraxis von Unilever hatte nicht nur die Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt, sie war auch unter ökologischen Gesichtspunkten höchst bedenklich: So wurden die Lindenblüten für den Tee in Ägypten eingekauft, in Hamburg geschnitten, in Polen abgepackt und schließlich in Frankreich verkauft. Die ArbeiterInnen von SCOP-TI arbeiten nun mit lokalen Bäuerinnen und Bauern zusammen und verarbeiten die Blüten vor Ort.

Große Herausforderungen

Doch der Film zeigt auch, welch große Herausforderungen noch vor uns liegen, um einen sozial-ökologische Umbau der Gesellschaft zu erreichen. In der Region Katanga in der demokratischen Republik Kongo sehen wir, wie unter entsetzlichen Bedingungen Kupfer und Kobalt für unsere Handys abgebaut wird. Über 54 verschiedene Materialien sind in einem einzelnen Smartphone enthalten, erklärt Laura Gerritsen, die Produktmanagerin von „Fairphone“. Smartphones, so Gerritsen, gäbe es mittlerweile etwa genauso viele wie Menschen auf der Erde. Der Rohstoffhunger für die Handys ist also enorm. Für die Akkus der Mobiltelefone ist der Rohstoff Kobalt unverzichtbar – 60% der weltweiten Kobaltvorkommen lagern im Kongo. Gerritsen bemüht sich auf ihren Reisen zur Rohstoff-Akquise redlich, eine Art „fairness“ herzustellen, stößt aber aufgrund der politischen Verhältnisse in Katanga immer wieder an harsche Grenzen.

Gerritsen erklärt, dass im Kongo 400.000 Menschen im artisanalen, also handwerklichen Bergbau arbeiten. Weltweit sind es rund 100 Millionen Menschen, verglichen mit nur 7 Millionen, die im besser abgesicherten industriellem Bergbau beschäftigt sind. Aus diesem Grund, so Gerritsen, müsse man die Arbeitsbedingungen im artisanalen Bergbau verbessern. Die Firma „Fairphone“ habe sich deshalb dazu entschlossen, die Rohstoffe gezielt in diesem Bereich zu beziehen.

Doch wie können in einem Staat, der getrost als Diktatur bezeichnet werden kann, Rohstoffe überhaupt zu „fairen“ Bedingungen produziert werden? Der Westen will an dem Regime in Kinshasa nicht rütteln – zu wichtig sind die geopolitischen Interessen in der Region; Wäre es da nicht sinnvoll, ja absolut notwendig, den Einkauf von Kobalt, Coltan, Kupfer oder Gold mit gut informierten und entschlossenen Solidaritätsaktionen zu verknüpfen, die die Opposition, die Zivilgesellschaft und die unabhängigen Gewerkschaftsverbände stärken? Wäre es nicht weiters notwendig, Kampagnen zu beginnen, die die verpflichtende Einhaltung von sozial- und Umweltstandards entlang der Wertschöpfungsketten einfordern, wie es beispielsweise die Anwaltsvereinigung ECCHR aus Berlin tut oder wie es im Film „das Kongo Tribunal“ von Milo Rau versucht wird? Und last but not least: Wenn wir pro Kopf und Jahr nur mehr 2,5 Tonnen CO2 verbrauchen dürfen, wie Niko Paech sagt, sprengt ein Smartphone – selbst bei der Abschaffung geplanter Obsoleszenz – diesen Rahmen nicht völlig? Sollten wir nicht auch unsere Kommunikation in Zukunft gänzlich anders organisieren?

Schnitt nach Zürich, in das Wohnprojekt „Kalkbreite“: Hier lässt es sich gut leben, und zwar mit einem weit geringen ökologischen Fußabdruck als in konventionellen Wohnungen oder Häusern. Die BewohnerInnen leben auf durchschnittlich je 30 m² Wohnfläche (verglichen mit 50m2 im Schweizer Durchschnitt), verbrauchen beim Wohnen rund eine Tonne CO2 pro Person und Jahr (verglichen mit drei Tonnen im Schweizer Durchschnitt), haben eine Autoverzichtserklärung unterschrieben, teilen Waschmaschinen und Gefrierfächer. Hier wird weniger Geld für Konsum ausgegeben, weniger Lohnarbeit geleistet und ein stärkerer Fokus auf Reproduktionsarbeit und Eigenversorgung gelegt. Doch vergessen wir nicht: Dieses Experiment wird von einem der reichsten Staaten der Welt abgesichert. Hier muss niemand vor Rebellengruppen flüchten oder in Gold- oder Kobalt-Minen schuften. Wenn es hart auf hart kommt, werden Menschen, die vor Kriegen, Klimaveränderungen oder aus Armut fliehen an der Grenze mit militärischen Mitteln zurückgedrängt und abgeschoben.

Und so sehen wir in „Zeit für Utopien“ auch, welch riesige Diskrepanzen in den Lebensbedingungen es gibt und welch immense Herausforderungen noch vor uns liegen. Kurt Langbein bringt einen eindrücklichen und äußerst wichtigen Film in die Kinos, der auch für Bildungszwecke vorzüglich geeignet ist. Es ist zu hoffen, dass er eine breite gesellschaftliche Debatte über globale Solidarität und Klimagerechtigkeit in Gang bringt.

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