Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter | Wald am Abgrund | von Jens Schlüter

Wir leben in einem gefährlichen Zeitalter.

Der Mensch beherrscht die Natur, bevor er gelernt hat, sich selbst zu beherrschen.
Albert Schweitzer

Ich wusste, dass es den Bayerischen Wald gibt. Ich wusste auch vom Nationalpark Bayerischer Wald. Aber sonst wusste ich wenig bis nix. Als Fahnenträger einer regional(er)en Wirtschaft werde ich immer wieder zu Vorträgen eingeladen. So bin ich dem Schicksal dankbar, dass mich eine Einladung engagierter „Heimat-Unternehmer“ in den Bayerischen Wald geführt hat. Ich war völlig verzaubert, so etwas – sprich: so schöne Natur – mitten in Europa vorzufinden. Der Nationalpark Bayrischer Wald gilt zusammen mit dem benachbarten Nationalpark Šumava (Böhmerwald) als die größte zusammenhängende Waldfläche Mitteleuropas.

Als in den neunziger Jahren der Borkenkäfer große Waldflächen befiel, wurde beschlossen, nicht einzugreifen. (Medicus curat – Natura sanat / der Arzt pflegt, heilen aber tut die Natur.) Ein Teil des Waldes starb, doch daraus wuchs ein zauberhafter Mischwald. Ein Urwald – in Pracht und Schönheit – Andacht gebietend. Stundenlang spazierten wir in dieser wunderbaren Natur dahin. Dabei hatte ich das Glück, dass Jens Schlüter mein Begleiter war. Jens ist Förster, er ist ein hervorragender Kenner und Könner, denn er beschäftigt sich sein Leben lang mit dem Ökosystem Wald.

Für das deutsche Magazin MUH hat er einen wichtigen Artikel über den Wald geschrieben. Wir dürfen Auszüge aus diesem Artikel bringen. Den ganzen, ungekürzten, höchst lesenswerten Artikel findest du auf unserer homepage  www.brennstoff.com/wald.

///HEI

EINLADUNG: Wir planen eine Fahrt in den Bayerischen Wald. Jens Schlüter, der Autor dieses Textes, wird diesen Tag lang begleiten. (siehe Brennstoff, Printausgabe, Seite 17)

 

Wald am Abgrund

von Jens Schlüter

Die Nachrichten, die uns seit dem Trockensommer 2018 aus unseren Wäldern und Forsten erreichen, werden immer dramatischer, von einem neuen „Waldsterben“ in Folge der Erderwärmung ist die Rede. Aber nicht nur der Klimawandel, auch unsere profitorientierte Forstwirtschaft setzt unseren Wäldern zu. Hier könnte der Freistaat als größter Waldbesitzer Bayerns mit einer Reduzierung des wirtschaftlichen Drucks vorangehen. Mit dem Pflanzen von Bäumchen wird es jedenfalls nicht getan sein, unseren Wald zu retten, sagt unser Autor, Förster im Bayerischen Wald.

„Waldsterben 2.0“ – das ist ein Schlagwort, das in den letzten Monaten Medienkarriere gemacht hat. Spätestens seit dem Trockensommer 2018 häufen sich Berichte über Wälder im Trockenstress und Forste in desolatem Zustand, in denen großflächig nicht mehr nur Fichtenbestände vor sich hinsiechen und sich der Borkenkäfer explosionsartig ausbreitet. „Waldsterben“, das ist wie „Wettrüsten“ ein Schreckwort aus den 80er Jahren, das man in diesem Jahrzehnt zurückgelassen glaubte und hoffte. Es gemahnt an eine Umweltkatastrophe, die die Deutschen seinerzeit sehr bewegte und die half, in weiten Teilen der Bevölkerung überhaupt erst so etwas wie Umweltbewusstsein wachzurufen.

Jetzt ist wieder „Waldsterben“, doch freilich gibt es einen entscheidenden Unterschied zu den 80er Jahren. Damals nämlich konnte das dramatische massenhafte Absterben der Bäume nach anfänglicher Plan- und Hilflosigkeit relativ einfach gestoppt werden: Die Politik erließ Gesetze, die Industrie rüstete ihre Fabriken um und verhinderte mit Entschwefelungsanlagen, dass aus den Fabrikschloten weiterhin giftige Abgase kamen, die ganze Wälder zum Absterben gebracht hatten. Problem (nach einiger Zeit) erkannt, Problem (gegen einige Widerstände) gelöst.

Gut, ganz so einfach war’s damals wohl auch nicht, aber so schön übersichtlich möchte man es sich in der Rückschau vorstellen – konfrontiert mit dem neuen Waldsterben, das anders ist, mit ungleich komplexeren und grundlegenderen Ursachen. Nur Schuld daran sind damals wie heute wir Menschen.

Waldsterben 2.0 direkt vor unserer Haustür

Denn klar ist: Das „Waldsterben 2.0“ ist die erste Folge der schon lange ablaufenden Klimaerwärmung, die wir in unseren Breiten jetzt vor Augen geführt bekommen – nicht mehr über die Medien auf fernen Gletschern und Eilanden, sondern sicht- und spürbar direkt vor unserer Haustür. … Bei weiter steigenden Temperaturen müssen wir mit einer Veränderung unserer bisherigen einheimischen Waldgesellschaften bzw. unter Umständen mit einem Ausfall einzelner Baumarten auf großer Fläche rechnen. Klar ist: Diesmal werden punktuelle Maßnahmen wie das Entgiften von Fabrikschloten keine Lösung mehr bringen. Diesmal sind bedeutend größere und radikalere Schritte notwendig, um unsere Wälder und damit eine unserer wichtigen Lebensgrundlagen zu erhalten.

Stirbt die Fichte?

Für die wirtschaftlich wichtigste Baumart Bayerns, die Fichte, dürften aber selbst die größten Anstrengungen zu spät kommen. Denn als boreale Baumart verträgt sie schlicht und ergreifend die immer häufigeren Hitzewellen, Temperaturrekorde und Trockenperioden nicht, die mehr an afrikanische Verhältnisse erinnern als an unsere gemäßigten Breiten. Diese waren ja mit ihrem wechselhaften Wetter und vielen Niederschlägen bislang ein Garant für hervorragende land- und forstwirtschaftliche Bedingungen. Wassermangel war in der Vergangenheit hier bei uns kein begrenzender Faktor für Baumwachstum.

Die Geschwindigkeit, mit der sich das jetzt ändert, dürfte vor allem den Fichten zu schnell sein, um sich daran irgendwie anzupassen. Besonders die in Bayern natürlich vorkommenden Laubbaumarten wie Buche und Eiche, aber auch die Tanne dürften hier aber noch deutlich mehr Spielraum haben, als es vielleicht grad den Anschein hat. Es gibt daher keinen Grund unsere einheimischen Baumarten aus gut gemeintem Aktionismus durch z.B. die Libanonzeder zu ersetzen.

Die freie Entwicklung der Wälder

Naturschützer weisen derweil darauf hin, dass nicht allein die steigenden Temperaturen schuld an dem schlechten Erscheinungsbild der bayerischen Wälder sind, sondern vielmehr eine Kombination der Klimaerwärmung mit unserer Art und Weise der Forstwirtschaft. Dies vermutet zum Beispiel Peter Ibisch, Biologe und Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. …

In einem Radiointerview bestätigt Peter Ibisch die Forderung vieler Waldschützer, nicht nur Schutzgebiete, sondern auch die Wirtschaftswälder stärker sich selbst zu überlassen. Wenn einzelne Baumarten ausfielen, gebe es andere, die übernehmen könnten – die freie Entwicklung der Wälder bringe größere Strukturvielfalt und diese sei ganz entscheidend für die Widerstandskraft und Erholungsfähigkeit von Waldökosystemen, so Ibisch. Sicher benötigen wir auch Pflanzungen und Aufforstungen. Doch hier gilt es eben zu differenzieren zwischen zum Teil ausgeräumten Agrarlandschaften auf der einen und bestehenden Wäldern auf der anderen Seite.

Der erste Reflex auf das Absterben von Bäumen ist natürlich, sofort kleine Bäume nachzupflanzen. … 30 Millionen neue Bäumchen will allein Söder in Bayern pflanzen, das werde nicht nur dem Klima helfen, sondern auch den Wald für morgen aufbauen. Doch wie so oft im Leben und vor allem in der Natur, ist die Sache auch im Wald deutlich komplexer, und mit Bäumchenpflanzen allein wird es nicht getan sein.

Der „Käfer“ explodiert

Denn die explosive Zunahme der Borkenkäferpopulationen – die es ja sind, die den geschwächten Nadelbäumen letztlich den Garaus machen – und deren verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaftswälder sind nicht allein auf Bayern oder Deutschland beschränkt, sondern vielmehr ein globales Phänomen. So zeigt sich ein vergleichbares Bild derzeit in vielen Wäldern überall in Mitteleuropa und Nordamerika. Die Folgen dieser „Invasion“ sind gewaltig.

Allein in Mitteleuropa waren die Käfer
im Jahr 2018 für gut 40 Millionen
Kubikmeter Schadholz verantwortlich. …

Im Nationalpark Bayerischer Wald hätten die Wissenschaftler beobachtet, dass Borkenkäferpopulationen auch ohne Bekämpfung nach einigen Jahren zusammengebrochen sind.

Bislang reagieren wir auf Borkenkäferbefall mit der Fällung und dem zügigen Abtransport der befallenen Bäume. Diese Methode hat in der Vergangenheit auch durchaus oft eine weitere lokale Verbreitung der Borkenkäfer in den jeweiligen Waldbeständen verhindert.

Keine „Verschnaufpause“ für die Fichte

Durch die ständige Wiederholung von zu trockenen Jahren bekommt die Fichte jedoch keine „Verschnaufpausen“ in Form kühlerer und feuchter Sommer mehr, die sie eigentlich bräuchte, um sich erfolgreich gegen die Borkenkäfer zu wehren. Deswegen fallen die Schäden jetzt immer drastischer aus. Und deswegen unterstützen auch Praktiker wie etwa Förster Peter Langhammer … die Forderungen aus der Würzburger Studie und verlangen Möglichkeiten für ein unterschiedliches Vorgehen.

Eine Möglichkeit bei Borkenkäferbefall ist unbedingt ein schnelles und effizientes Aufarbeiten der Bäume, wenn die äußeren Bedingungen eine effektive Käferbekämpfung erlauben, z.B. bei der ersten Schwärmwelle im Jahr bei eher noch kühlfeuchter Witterung – und natürlich, wenn der Markt das Holz auch braucht. Eine andere Möglichkeit wäre nach Langhammers Ansicht aber auch das Liegen- oder Stehenlassen, …

… Den Borkenkäfer einfach nicht mehr zu bekämpfen – was vielen vielleicht verrückt vorkommt, kann in bestimmten Fällen durchaus Sinn ergeben. Im Nationalpark Bayerischer Wald war der Borkenkäfer in jüngerer Zeit der Auslöser für eine ungeheure Walddynamik, die zwar vor allem am Anfang nicht jedem gefiel, aber auch erst einen Lebensraum für viele bedrohte Arten wieder zurückgebracht hat:

das Totholz

Denn Totholzmangel ist eines der größten Defizite in unseren Wäldern und neben Bodenverschlechterung auch für enorme Artenverluste – eines der weltweit größten Probleme der Menschheit – hauptverantwortlich.

In Zeiten, in denen der Rohstoff Holz keinen Marktwert mehr hat und von der Holzindustrie tendenziell sogar abgewehrt wird, wäre es durchaus überlegenswert, anstatt immer noch mehr Holz auf einen völlig verstopften Markt zu werfen, die ökologische Gelegenheit zu nutzen und effektiv und einfach Totholz als Wasser- und CO2-Speicher in den Wäldern anzureichern. Also: Einfach mehr Holz in den Wäldern liegen – und dies als Beitrag zum Klima- und Artenschutz vom Staat fördern zu lassen. …

*****

 

Artikel aus: MUH34 / Herbst 2019, MUH Verlag GmbH
Wir danken Jens Schlüter und Josef Winkler von MUH für die zur Verfügungstellung dieses spannenden Artikels. Den ganzen Artikel findest du unter brennstoff.com/wald.

 

 

Artikelfoto: © Dieter Manhart

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