Wétiko, das Virus der Gier

„Als ich im Februar 2020 zu einer Arbeitswoche mit einigen Kollegen zusammen kam, hörte ich die Geschichte zum Wétiko-Geist das erste Mal und sie berührte mich sehr. Damals war unvorstellbar, wie sehr die Coronakrise unsere Gesellschaft, unser Leben, aber auch unser Erwachen beeinflussen wird. Mit den Erkenntnissen, die wir jetzt haben, geht ein tiefes Verständnis für die Zusammenhänge einher, wie stark der Wétiko-Geist in uns und unseren Strukturen wirkt.“


Geschichte

Die Cree kannten eine seltene Anomalität. Nach langen hungrigen Wintern konnte es geschehen, dass ein Mensch eine unstillbare Gier entwickelte.
Das Wohlergehen der anderen war ihm dann egal, er empfand sich in erster Linie nicht mehr als Teil seines Stammes, sondern getrennt. Was er auch immer an Essbarem fand, er nahm es, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse anderer. Für die Cree war das ein so außergewöhnliches Verhalten, dass sie glaubten, dieser Mensch wäre von einem bösen Geist besessen. Ein Geist, der die Seele krank macht und zwangsläufig in die Trennung führt. Diesen Geist nannten sie Wétiko.

Epidemische Verbreitung

Als die Cree auf die ersten Weißen, Jäger, Händler, Missionare, stießen, fühlten sie sich an die Wétiko*­Krankheit erinnert. Diese Menschen erschienen ihnen merkwürdig. Sie verhielten sich, als wären sie von Mutter Erde getrennt. Jeder wollte so viel wie möglich nur für sich haben. Sie taten anderen weh, ohne Mitgefühl. Die Erde, Bruder Tier und Schwester Pflanze behandelten sie wie seelenlose Dinge und hinterließen eine Spur von Zerstörung und Gewalt.
Tatsächlich fragten sich die Cree, ob die Weißen ausgesetzte Wétiko-Befallene eines fremden Stammes waren. Doch die Cree erkannten auf tragische Weise, dass das, was bei ihnen als Krankheit galt, ganz normale Strukturen der weißen Gesellschaft waren. Die ganze Gesellschaft war durchdrungen von Habgier, Maßlosigkeit, Missgunst, Selbstsucht, Konkurrenz, Manipulation und Korruption. Wétiko erwies sich als hochgradig ansteckende Epidemie, der sich auch die Urvölker auf Dauer nicht entziehen konnten.
Der indianische Historiker und Schriftsteller Jack D. Forbes griff den Begriff Wétiko auf, um die heutige Mainstreamkultur zu analysieren:
„Der moderne Mensch kümmert sich wenig darum, welches Leid, welche Ausbeutung und Auslöschung sein Konsum so vielen Wesen antut. Das ist wahrer Kannibalismus – die Ausbeutung der Erde, der Lebewesen, auch der Menschen und deren Heimstätten.“
Sind wir alle, ob wir wollen oder nicht, Träger dieses Wétiko-Virus?

Das Licht des Bewusstseins

Ob wir wollen oder nicht, bewusst und unbewusst, bestimmt er nicht nur unser individuelles Handeln und Denken, sondern das Handeln und Denken vieler Menschen und Einrichtungen unserer Gesellschaft.
Wie einen Schatten tragen wir ihn in uns, bis wir ihn in das Licht unseres Bewusstseins holen.

Die aktuelle weltweite Krise lässt uns nicht mehr wegschauen. Sie zeigt, wie durchdrungen unser Leben und unsere Welt vom Wétiko-Geist sind. Wissen wir doch, dass Viren erst zu menschlichen Krankheitserregern werden, wenn komplexe ökologische Gleichgewichte zerstört werden. So schreibt Thomas Hardtmuth: „Die Pathologie durch Mikroorganismen beginnt dort, wo wir die Autonomie-Sphären von Mensch und Tier missachten. Seuchen brechen da aus, wo Mensch und Tier unter Dauerstress stehen, in Krisengebieten, wo Enge, Angst, Mangel und Naturferne bestehen, in der Massentierhaltung ebenso wie in großen Menschenansammlungen unter inhumanen Bedingungen.“

Aktuell

Der Eingriff und die gnadenlose Ausbeutung unseres Planeten ist bedrohlich geworden. Die rasante Vermehrung des Corona-Virus zeigt, wie weit diese anthropozäne Umgestaltung vorangeschritten ist und wie stark durch unser Eingreifen die natürlichen Lebensprozesse aus dem Gleichgewicht gebracht wurden. Jack D. Forbes schrieb: „Wétikos Wirken hat sich so zugespitzt, dass seine ökologischen und sozialen Folgen das Leben auf der Erde selbst gefährdet. Unsere Gier nach Wohlstand, Macht und Vorteil zerstört unseren Heimatplaneten.“

Mechanismen, die Trennung bedingen

Wétiko heißt im Grunde Trennung, fehlende Verbundenheit mit Mutter Erde, ihren Lebewesen und der göttlichen Quelle. Was sind die übergeordneten Mechanismen, die uns in die Trennung, also in die Dualität führen? C.G. Jung griff das Konzept des Schattens auf. Der Schatten ist der Archetyp des Unbewussten, den wir alle teilen. Demnach seien Eifersucht, Habgier, Machthunger, Selbstsucht … Produkte unseres kollektiven Unbewussten. Dieser Schatten verhält sich wie ein „Wesen“. Das heißt, wenn dieses „Wesen“, der Wétiko-Geist, in unser Bewusstsein dringt, können wir uns auch davon befreien. Der Autor Paul Levy schreibt in seinem Buch „Despelling Wétiko“ (Wétiko auflösen): „Wétiko erkennen, seine Logik verstehen und überwinden und unsere angeborene Fähigkeit für ein Leben ohne Wétiko wiederentdecken.“

In Verbundenheit „SEIN“

Im Rahmen der zu Beginn genannten Arbeitswoche beschäftigten wir uns mit der Dualität (Trennung) und den übergeordneten Mechanismen, welche die Dualität steuern. In den großen Religionen kennen wir hierfür den Begriff Sünde, Wurzelsünde oder Todsünde. Sünde kann übersetzt werden mit „von Gott getrennt“, Getrenntheit. Die 7 Wurzelsünden, – Habgier, Wollust/Genusssucht, Wut/Zorn, Trägheit des Herzens, Neid/Missgunst/Eifersucht, Maßlosigkeit/Selbstsucht und Hochmut sind die übergeordneten Mechanismen der Dualität. Möchten wir den Wétiko-Geist und die übergeordneten Mechanismen der Dualität heilen, braucht es den Mut, ehrlich die eigenen Verstrickungen mit den Wurzelsünden zu betrachten. Aber auch die Liebe, sich und seine Verbundenheit mit allen Lebewesen und der Erde, uns als ein Teil davon, begreifend. Dann wird es uns möglich in Großmut, Ethik, Frieden, Mitgefühl, Mut, Mäßigkeit und Demut zu leben.

*) Wétiko

Der Begriff Wétiko stammt von den kanadischen Cree-Indianern. Er bezeichnet die Krankheit des „weißen Mannes“, die größte Epidemie der Menschheit: Selbstsucht, Habgier, Maßlosigkeit, fehlendes Mitgefühl, Machthunger.

Quellen:
Leila Dregger, Natürlich online 20.02.2020
Jack D. Forbes, Die Wétiko-Seuche
Paul Levy, Dispelling Wetiko
Dr. Albrecht Schad, Erziehungskunst September 2020


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