Wer wir sind, bleibt offen

Dass Menschen Musik schaffen und wahrnehmen können, ist ein Spiegel der Tatsache, dass sie selbst aus etwas bestehen, das der Musik ähnlich ist.

Der größte Feind der Erkenntnis ist die Illusion des Wissens. Der Sinn dieses Buches ist es, in die Wand unseres eingebildeten Wissens eine Bresche zu schlagen, eine Öffnung, die uns erlaubt, die Welt und uns selbst wieder mit jenem staunenden Blick zu betrachten, der Kindern oft eigen ist. Der technokratische Mythos erzählt davon, dass die Welt unserer Wahrnehmungen, unserer Gefühle, unserer erlebten Beziehungen eine Vorspiegelung sei, hinter der sich eine harte, kalte, mechanische und letztlich banale Wirklichkeit verberge. Doch tatsächlich ist genau das Gegenteil der Fall: die Banalität, die Kälte, die Mechanik – all das sind nur Projektionen unserer gesellschaftlichen Prägungen auf eine Welt, die zutiefst rätselhaft ist und sich einer mechanischen Erklärung vollkommen entzieht.

»Wüsst’ ich genau, wie dies Blatt aus seinem Zweig herauskam, schwieg ich auf ewige Zeit, denn ich wüsste genug.«
Hugo von Hofmannsthal

Wer und was wir sind, ist heute um keinen Deut weniger geheimnisvoll als zur Zeit der ersten Menschen. Die Wissenschaften haben dieses Rätsel nicht gelöst, sondern vertieft. Um die Worte des Quantenphysikers Richard Feynmann zu wiederholen: „Die Wissenschaft kann dem Mysterium einer Blume nie etwas wegnehmen, sondern nur etwas hinzufügen.“ Das Rätsel etwa, dass aus einer winzigen Zelle ein menschliches Wesen wird, das in sich ein eigenes Universum aus Gedanken, Gefühlen, Bildern und Musik entwickelt, wird durch Kenntnisse der Biologie und Quantenphysik keineswegs gelüftet, sondern im Gegenteil um das Staunen darüber bereichert, wie unvorstellbar komplex und reich selbst das kleinste Detail unserer Existenz ist.

»Staunen ist der erste Grund der Philosophie.«
Aristoteles

Das selbstorganisierte Zusammenspiel von unzähligen Teilen im harmonischen Ganzen einer Zelle stellt jede Sinfonie weit in den Schatten. Oder um es anders zu sagen: Dass Menschen Musik schaffen und wahrnehmen können, ist ein Spiegel der Tatsache, dass sie selbst aus etwas bestehen, das der Musik ähnlich ist.

»Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang.«
Rainer Maria Rilke

Artikel dieser Ausgabe
Heini Staudinger

Editorial zur Ausgabe Brennstoff No. 59

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Christian Koller

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Fabian Scheidler

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