Was ist der Mensch? – Zuruf aus dem Sperrgebiet

Früher zog ich Philosophen, Religionswissenschaftler, Anthropologen und andere zuständige Auskunfts-personen zu Rate. Inzwischen habe ich mir angewöhnt, auf der Suche nach den Konstanten des Menschseins hauptsächlich Kunstwerke zu befragen. Sie gelten mir als die zuverlässigsten Zeugen für das wechselvolle Selbstverständnis des Menschen im Universum. Nichts spiegelt die Grundfragen unse-rer Spezies zuverlässiger wider als bedeutungsvermittelnde Kunstwerke und Artefakte. Über zehntau-sende Jahre hinweg gewähren sie uns Einblick in Weltbild und Lebensweise ihrer Hersteller, ohne je ge-schwätzig zu sein.

Deshalb habe ich vor etwa 50 Jahren begonnen, Kunst zu sammeln. Das kam so: Ich steckte damals in einer Lebenskrise, wusste nicht, wie es mit mir weitergehen sollte. Nach fünf Jahren als außenpolitischer Redakteur der „Salzburger Nachrichten“ war ich in einem Mansardenzimmer in London gestrandet. Dort wurde mir bewusst, dass ich nicht in mein altes Leben zurückkehren würde. Es war mir unmöglich ge-worden, auf Ereignisse der Weltpolitik mit den gewohnten Sätzen zu reagieren. Ich suchte nach etwas Authentischem, wollte mich in einem anspruchsvolleren Umriss sehen. Die Welt als Information interes-sierte mich immer weniger, jetzt war ich hinter ihrem Geheimnis her.

Wer war ich eigentlich? Und wer waren die anderen? Worauf beruhte dieses seltsame, nie enden wollen-de Getriebe ringsum, das mich sprachlos und somit berufsunfähig gemacht hatte? Wochenlang streunte ich durch die Museen auf der Suche nach Orientierung. Erstmals machte ich die Entdeckung, dass Kunstwerke zu mir sprachen. Ich fühlte deutlich, dass sie mich betrafen, obwohl ich fast nichts über sie wusste! Es mag seltsam klingen, aber meine Ängste und Zweifel, meine Wut auf die Verhältnisse, mein Einzelgänger-Stolz, all meine verdrängten Träume und Sehnsüchte – sie traten mir auf einmal aus den Kunstwerken entgegen. Der romanische Pantokrator (Weltenherrscher) in seiner erratischen Frontalität, der lässig entspannte Bodhisattva (nach höchster Erkenntnis Strebender) aus der Tang-Dynastie, der keulenschwingende Nagelfetisch aus den Savannen Afrikas oder der mit Trommel und Rasseln bewaff-nete mongolische Schamane: Hier standen sie mir auf Augenhöhe gegenüber wie die nackte Lilith, die mich herausfordernd ansah, rasend in ihrer Teilnahme am Irdischen. Ich war also nicht allein. Ob Götter- oder Menschenbilder – in beiden fand ich Aspekte meiner eigenen Natur und verwegene Antworten auf das Rätsel menschlicher Existenz. Mit ihnen an meiner Seite würde mich nichts mehr an meiner Men-schwerdung hindern!

Was würde es für unser gesellschaftliches Gefüge bedeuten, so dachte ich oft, könnten diese ergreifen-den mythologischen Bildkräfte tatsächlich in uns wirksam werden? Weil sich Kulturen erst im Vergleich miteinander erschließen, wollte ich ihre sinnstiftenden Wahrheiten nicht wortwörtlich nehmen oder ge-geneinander stellen, vielmehr suchte ich in ihrer scheinbar widersprüchlichen Vielstimmigkeit den ge-meinsamen Grundton zu vernehmen. Ein Mythos teilt sich nicht in Begriffen und Definitionen mit, viel-mehr in Bildern, Gleichnissen und Entsprechungen.
Ich schmökerte in den Antiquariaten von Covent Garden, entdeckte Kupferstiche, die das opus magnum (das Große Werk) der Alchemisten auf der Suche nach dem Stein der Weisen illustrierten. Darin sah ich eine Metapher für meinen neuen Zugang zur Welt. Marsilio Ficino war schon im 15. Jahrhundert einer Matrix verschiedener Weltbilder, die er „Urwahrheit“ nannte, auf der Spur gewesen. Die Kirche freilich, die sich von jeher als die einzig legitime Vermittlungsinstanz zum Heil verstand, konnte mit einer Öffnung und Verschmelzung von Weltbildern keine Freude haben, waren doch alle Glaubensdinge von der Macht-frage durchwirkt.

Auf meiner Fensterbank standen die ersten antiken Gegenstände, die ich – einem unklaren Impuls fol-gend – aus meinen Ersparnissen gekauft hatte: Kultfiguren, Tierstatuetten, rituelle Gerätschaften, Amulet-te, Insignien der Macht … Ich versuchte irgendwie, eine Beziehung mit ihnen aufzunehmen. Mich reizte der anarchische Alleingang, die imaginäre Zwiesprache mit Menschen, die z. B. ein neolithisches Tonge-fäß mit einem rätselhaften Ritzmuster versehen hatten. Hielt ich dieses Gefäß in Händen, wusste ich mich unversehens mit Menschen aus der Jungsteinzeit verbunden. Das setzte ein Feuerwerk von Fragen in Gang. Es drängte mich, eine Zeitbrücke zu schlagen, den Zusammenhang zwischen mir und jenen frühen Töpfern zu erfassen, das Gemeinsame freizulegen, das uns über Jahrtausende verband.
Getrieben vom Eros des Aufspürens und der Entschleierung, fasziniert vom haptischen Erleben, ließ ich mich auf die Märkte hinaustreiben. Dabei fühlte ich die Erleichterung des Streunenden, der aufgehört hat, etwas werden zu wollen. Ich sah plötzlich Dinge, die sich denjenigen verschließen, die streben und wir-ken. Das Fremdsein in der uferlosen Stadt, in der Welt überhaupt, tat weh. Ich war 27, arbeitslos und oh-ne Krankenversicherung, aber auf eine sonderbare Weise stolz auf mich: Der Absturz war mir geglückt. Und ich hatte begonnen zu sammeln!

An den Kachelwänden der U-Bahn-Stationen fand ich mit Filzstift gekritzelte Kassiber, Manifeste menschlicher Sinnsuche und Heilsbedürftigkeit. Da gab es die Graffiti der Rastafa, der Neo-Druiden, der Hare-Krishna-Jünger, der Rosenkreuzer und anderer Suchender, dazwischen Inserate von Dirnen, ein irrwitziges Panoptikum. Der Anprall der Verheißungen war so heftig, dass ich fürchtete, ihm nicht ge-wachsen zu sein. Ich notierte Telefonnummern, versuchte Botschaften zu dechiffrieren. So irrte ich durch einen Wald von Zeichen. Hier unten befand sich gewissermaßen der lebendige Stoff, aus denen die Kunstwerke gemacht waren, die man dort oben in den bewachten Prunkräumen der Museen zur Schau stellte. In den Schächten der London Transport verstand ich plötzlich, dass Kunst keine Verzierung war, kein Schnörkel, um unser unergründliches Leben zu dekorieren. Kunst war Konfrontation mit der Endlichkeit, war rasende Daseinsbewältigung, aufwiegelnd und auf schwer begreifliche Weise unentrinn-bar. Sie kam über mich wie eine Initiation.

Seit jenen fernen Londoner Jahren erwarte ich von jedem Kunstwerk vor allem das eine: dass es mich vor ein Rätsel stellt, aus dem mir eine noch unbekannte Lebensmöglichkeit erwachsen könnte. Sammeln ist für mich immer eine Sinnsuche gewesen. Kunstwerke sind stofflich, konkret, greifbar, aber zugleich Annäherungen an das Unbegreifliche. Oft waren sie der einzige Halt, auf den ich zurückgreifen konnte – und sei es inmitten einer schlaflosen Nacht, wenn mir meine Unzugehörigkeit im Kopf dröhnte.

Es zählt zu den ältesten Erfahrungen der Menschheit, dass Leben in der Gegenwart die ständige Verbin-dung mit der Frühzeit voraussetzt. Über lange Zeiträume hat man dem vorher Dagewesenen ontologisch Priorität zuerkannt und das aus ihm Hervorgegangene geringer geschätzt, war es doch weiter vom Ur-sprung entfernt. Das schien unseren Begriff von Fortschritt auf den Kopf zu stellen. Auch der Ahnenkult von Stammesgesellschaften beruhte auf ebendieser Vorstellung einer zu den Anfängen zurückreichen-den Verwandtschaftslinie, die es unbedingt zu erhalten gilt, um drohendes Unheil abzuwenden. Die Er-neuerung dieser Verbindung mit dem Ursprung ist von jeher die Aufgabe der Schamanen und Mythener-zähler gewesen. Durch ihre kreative Art des Erinnerns wurden sie zu den eigentlichen Bewegern des Gemeinwesens. Im Zentrum von Mythos und Kultgeschehen stand immer die Vergegenwärtigung der Ursprungssituation.

Was man das „Urgeheimnis“ nannte, war von den Jägergesellschaften auf die frühen Bauernkulturen übergegangen, fand Eingang in die alten Schriften Chinas, Indiens, Persiens oder Ägyptens, seine Sym-bole wurden auf Papyri und Tontafeln weitergegeben. In der Antike vertrauten es die Mysterien-Schulen ihren Initianten unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit an, auf Verrat stand die Todesstrafe. Bei diesem Wissen handelte es sich um winzige Reste eines alten Erfahrungsguts, einer in Vergessenheit geratenen Weltsicht, die aus magischen Zeiten stammt und mit dem Begriff Natursichtigkeit nur mangel-haft bezeichnet ist. Die indische Kunst verwendet dafür das Symbol des dritten Auges (Stirnauges). Die Griechen, zwischen Rationalität und Mysterienspiel schwankend, stellten beides in den Dienst der Selbst-erkenntnis.
Ein wirkmächtiges Kompendium mythischen Geheimwissens aus dem hellenistischen Alexandrien ist beispielsweise die Tabula Smaragdina des legendären Hermes Trismegistos, den man mit Thot, dem ägyptischen Gott der Gelehrsamkeit, identifizierte. Im Mittelalter aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, sorgte das symbolische Analogiesystem der Smaragdtafel für einige Aufregung im Abendland. Hier waren kirchliche wie weltliche Machthaber jahrhundertelang bestrebt, gnostisches Wissen unter Ver-schluss zu halten, damit es nicht zur Waffe in den Händen Unbefugter werde: Die Sprengkraft der Über-lieferung hätte allemal ausgereicht, die bestehenden Ordnungen zu gefährden. Wo immer Einzelne sich dieser Kenntnisse zur Selbstermächtigung bedienten, entstanden Turbulenzen, die durch Repression nie-dergehalten wurden.

In unserer heutigen Gesellschaft ist diese Art von Repression überflüssig geworden: Unsere von soge-nannten Sachzwängen bestimmten Lebensformen und der mediale Ausstoß vorgefertigter Denkmuster sorgen ganz von selbst dafür, dass Sinnfragen kaum noch zum Zug kommen. Eine dem Hedonismus als Geschäftsmodell verpflichtete Massenkultur stellt mit geistlosen Spektakeln sicher, dass die Leute dahin und dorthin kommen, bloß nicht zu sich! Die Speisen auf den Tischen der Kunst erinnern oft nur noch entfernt an Nahrungsmittel. Auch in der Kunstszene ist der Gaumenkitzel zum Leitgedanken avanciert: Man goutiert und knabbert ohne eigentlichen Hunger, als wollte man die Idee des Essens persiflieren. Das modisch garnierte Häppchen, das man sich aus der Überfülle des Büffets nahezu beliebig erwählt, entspricht erschreckend genau vielen Kunstprodukten und ihrer Rezeption. Am Ende hat man gegen die Langeweile schnabuliert und ist dabei völlig leer geblieben.

Wie die geheimnisvollen geometrischen Zeichen auf Felsbildern und Kulthölzern der Eiszeit durch Nach-ahmung und allgemeinen Gebrauch allmählich zum profanen Ornament und schließlich zur bloßen Ver-zierung verkommen sind, die sich nicht mehr dechiffrieren lässt, so steht es auch mit unserem kulturellen Bedeutungstransfer nicht zum Besten. Die Postmoderne etwa kennt das Erhabene nur noch als Verball-hornung oder ironische Anspielung, und man merkt es den Zitaten an, dass der Urtext nicht mehr geläufig ist. Der Portikus, durch den wir unseren Einkaufswagen schieben, verweist eben nicht mehr auf Himmli-sches, bedeutet nicht mehr Elevation (Erhebung), nicht mehr Pfauenrad, nicht mehr Himmelsgewölbe. Das geistige Fundament, auf dem ein solcher Bogen ruht, ist nur noch ein Werbespruch wie „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“. Wir haben verlernt, die verborgene Bedeutung der Dinge, ihrer Formen, Far-ben oder Materialien zu lesen. Nichtsdestoweniger blüht die Kunst, mit ihr die Eitelkeit und – ganz im Stil-len – blüht die allgemeine Ratlosigkeit.

Ich glaube, die Nutznießer dieser Entwicklung zu kennen und ahne, weshalb wir im Belanglosen fast er-sticken müssen, während das Wesentliche, uns fundamental Betreffende, konsequent an die Ränder unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit abgedrängt wird, von wo es diese nicht mehr durchdringen kann. Ja, es gibt dieses Sperrgebiet noch immer, von dem man uns so fürsorglich fernhält! Und es beginnt ge-nau dort, wo wir das Feld der uns zugedachten Nützlichkeit und Idiotie verlassen. An uns läuft eine sanfte Dressur ab, die das Ziel hat, uns von den Ursprüngen abzukoppeln. Das Bewusstsein unserer Herkunft soll getilgt werden, damit wir unbelastet die Vorgaben einer globalisierten Ökonomie erfüllen können. Die großen geistigen Weltentwürfe und Menschenbilder zerbröckeln vor unseren Augen. Eine vom menschli-chen Maß abgehobene Technokratie hat weltweit den Siegeszug angetreten. Technokraten sind hoch-spezialisiert, auf Geistlosigkeit nämlich, und sie werden uns alles verordnen, was irgendwie machbar ist und ihnen Profit verheißt. In einem solchen Environment wird es uns immer schwerer fallen, unser histo-risches und mythisches Gedächtnis zu behalten, im eigentlichen Sinn des Wortes Menschen zu bleiben.

Doch auch der überwachte, verwaltete, von Algorithmen gelenkte und in heillosen Abläufen gefangene Mensch bleibt ein metaphysisches Wesen – rückverbunden durch seine Imagination, seine mythische Erinnerung (Mnemosyne), seine kulturelle Prägung und humane Identität. Aus allen Tröstungen der Reli-gionen herausgefallen, ist er letztlich doch in seiner Sehnsucht nach einem anderen – sinnhaltigen -Leben geborgen. Darin liegt eine große Hoffnung: Wir könnten dieser Sehnsucht Nahrung geben, bevor man uns auch dieses Licht ausbläst.
Ich betrachte es als den größten Gnadenerweis meines Schicksals, in jungen Jahren von meiner Spur abgekommen und in das Sperrgebiet gestolpert zu sein. Dort habe ich mich als ein Streunender angesie-delt. Nahezu alles, was mir heute kostbar und bedeutungsvoll erscheint, ist mir auf unbekannten, ziellos begangenen Wegen begegnet.

Schärfen wir unsere Sinne für das tägliche, lautlose Verschwinden von Bedeutungsvollem aus unserer Lebenswelt. Riskieren wir eigene Sinnstiftungen, ohne zu fragen, ob „die Rechnung aufgeht“. Fassen wir wieder den Mut zu träumen, solange wir noch Bilder zustande bringen, und erklären wir diese Bilder zur Realität. So haben es die frühen Menschen getan, als sie ihre Höhlenwände mit Traumbildern von Jagd-szenen bemalten – ein suggestiver Akt des schieren Überlebens. Das Ernstnehmen der eigenen Imagina-tion, diese selbstbewusste Gleichsetzung von Traumbild und Wirklichkeit, dürfte in der Steinzeit auf grö-ßere Akzeptanz gestoßen sein als im anthropozentrischen Zeitalter. Wir feiern lieber unseren Fortschritt und vertrauen uns weiterhin einer entfesselten Ratio an, die in wenigen Jahrhunderten die Grundlagen menschlicher Existenz irreversibel beschädigt und uns in Verwirrung zurückgelassen hat. Wir mögen un-sere Vorfahren für „primitiv“ halten, doch sie hatten dank ihrer intuitiven Weltwahrnehmung immerhin das, was man eine Zukunft nennt.

Artikel dieser Ausgabe
Heini Staudinger

Editorial zur Ausgabe Brennstoff No. 59

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Museum Humanum

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Christian Koller

Der Stein, ein guter Lehrer

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Fabian Scheidler

Wer wir sind, bleibt offen

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Felwine Sarr

Afrotopia

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