Wann ist „Fülle der Zeit“? Da die Vielheit in dir zur Eins geworden | Meister Eckhart

Meister Eckhart:
Wann ist „Fülle der Zeit“?

Da die Vielheit in dir zur Eins geworden. Denn solange als mehr und mehr  in dir ist, kann Gott nimmer in dir wohnen noch wirken

Impletum est tempus Elisabeth (Luc.1,57)„Für Elisabeth erfüllte sich die Zeit, und sie gebar einen Sohn. Johannes ist sein Name. Da sprachen die Leute: „Was Wunders soll werden aus diesem Kinde? Denn Gottes Hand ist mit ihm“ (Luk.1, 57/63/66).

»Gottes höchstes Streben ist: gebären. Ihm genügt es nimmer, er gebäre denn seinen Sohn in uns. Auch die Seele begnügt sich in keiner Weise, wenn der Sohn Gottes in ihr nicht geboren wird.

Und da entspringt die Gnade. Die Gnade wird da eingegossen. Die Gnade wirkt nicht; ihr Werden ist ihr Werk. Sie fließt aus dem Sein Gottes und fließt in das Sein der Seele, nicht aber  in die Kräfte.

Als die Zeit erfüllt war, da ward geboren „Gnade“. Wann ist „Fülle der Zeit“? – Wenn es keine Zeit mehr gibt. Wenn man in der Zeit sein Herz in die Ewigkeit gesetzt hat und alle zeitlichen Dinge in einem tot sind, so ist das „Fülle der Zeit“. Ich sagte einst: Der freut sich nicht aller Zeit, der sich freut in der Zeit.

Sankt Paulus spricht: „Freut euch in Gott alle Zeit!“ (Phil. 4,4). Der freut sich aller Zeit, der sich über der Zeit und außerhalb der Zeit freut.

Eine Schrift sagt: Drei Dinge hindern den Menschen, so dass er Gott auf keinerlei Weise erkennen kann. Das erste ist Zeit, das zweite Körperlichkeit, das dritte Vielheit. Solange diese drei in mir sind , ist Gott nicht in mir noch wirkt er in mir in eigentlicher Weise.

Sankt Augustinus sagt: Es kommt von der Begehrlichkeit der Seele her, dass sie vieles ergreifen und besitzen will, und so greift sie nach der Zeit und nach der Körperlichkeit und nach der Vielheit und verliert dabei eben das, was sie besitzt. Denn solange als mehr und mehr  in dir ist, kann Gott nimmer in dir wohnen noch wirken.

Diese Dinge müssen stets heraus, soll Gott hinein, es sei denn, du hättest sie in einer höheren und besseren Weise so, dass die Vielheit zur Eins in dir geworden wäre. Je mehr dann die Vielheit in dir ist, umso mehr Einheit ist vorhanden, denn das eine ist gewandelt in das andere.«

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(Textauswahl: Andreas Wagner
aus: Meister Eckhart: Predigten u. Traktate. hg. v. Josef Quint. Diogenes)

 

 

 

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