Wären nur die Täler eure Straßen und die grünen Pfade eure Alleen | Khalil Gibran

Wären nur die Täler eure Straßen und die grünen Pfade eure Alleen …

Habt ihr Schönheit, die das Herz von den Dingen, die aus Holz und aus Stein geformt sind, hin zum heiligen Berge führt?

von Khalil Gibran

 

»Dann trat ein Steinmetz hervor und sagte: Sprich zu uns von den Häusern.
Und er antwortete und sagte:

Baut in eurer Vorstellung eine Laube in der Wildnis, bevor ihr ein Haus innerhalb der Stadtmauern errichtet.
Denn so wie ihr in der Dämmerung heimkehrt, so kehrt auch der Wanderer in euch heim, der ewig Einsame und Ferne.

Euer Haus ist die Erweiterung eures Körpers.
Es wächst in der Sonne und schläft in der Stille der Nacht; und es ist nicht traumlos. Träumt euer Haus nicht? Verlässt es nicht träumend die Stadt in
Richtung Hain oder Hügel?

Könnte ich nur eure Häuser in meiner Hand sammeln und sie wie ein Sämann in Wald und Wiesen verstreuen;
wären nur die Täler eure Straßen und die grünen Pfade eure Alleen, auf dass ihr einander in den Weingärten besuchen könntet und mit dem Duft der Erde in euren Gewändern heimkämt!

Aber das wird noch nicht so bald geschehen.
In ihrer Angst drängten euch eure Vorväter zu nahe zusammen. Und diese Angst wird noch ein bisschen länger andauern. Und ein bisschen länger noch werden eure Stadtmauern eure Herzen von euren Feldern trennen.

Und sagt mir, Menschen von Orphalis, was habt ihr in diesen Häusern? Und was verwahrt ihr hinter euren verschlossenen Türen?

Habt ihr Frieden, das stille Bedürfnis danach, das eure Macht offenbart?
Habt ihr Erinnerungen, die flimmernden Bögen, die die Gipfel des Geistes miteinander verbinden?
Habt ihr Schönheit, die das Herz von den Dingen, die aus Holz und aus Stein geformt sind, hin zum heiligen Berge führt?

Sagt mir, habt ihr diese Dinge in euren Häusern?
Oder habt ihr bloß Bequemlichkeit und das Verlangen nach Bequemlichkeit, jenes heimliche Ding, das das Haus als Gast betritt und dann zum Gastgeber und schließlich zum Herren wird?

Ach, und irgendwann ist sie dann ein Dompteur, und mit Haken und Peitsche macht sie Marionetten aus euren weiteren Wünschen.
Obwohl ihre Hände zart wie Seide sind, ist ihr Herz aus Eisen.

Sie wiegt euch in den Schlaf, nur um neben eurem Bett zu wachen und die Würde des Fleisches zu verspotten.
Sie macht sich lustig über eure intakten Sinne und hüllt sie in Watte wie zerbrechliche Gefäße.
Wahrlich, das Verlangen nach Bequemlichkeit tötet die Leidenschaft der Seele und erscheint dann grinsend bei deren Begräbnis.

Ihr aber, Kinder des Weltenraums, die ihr ruhelos in der Ruhe seid – nichts soll euch in die Falle locken, nichts soll euch zähmen.

Euer Haus soll kein Anker sein, sondern ein Mast.
Es soll keine glänzende Schicht sein, die eine Wunde bedeckt, sondern ein Lid, das das Auge beschützt.

Ihr sollt eure Flügel nicht zusammenfalten, nur um durch die Tür zu kommen, ihr sollt auch nicht euer Haupt senken, um nicht gegen die Decke zu stoßen, und auch nicht Angst haben zu atmen, um die Wände nicht zu sprengen und zum Einsturz zu bringen.

Ihr sollt nicht in Gräbern leben, die von den Toten für die Lebenden errichtet wurden.
Und trotz aller Herrlichkeit und Pracht soll euer Haus nicht euer Geheimnis bergen und auch nicht eure Sehnsucht beheimaten.

Denn das Grenzenlose in euch lebt im Hause des Himmels, dessen Tor der Morgennebel ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der Nacht sind.«

*****

 

(Textauswahl: Andreas Wagner)
aus: Khalil Gibran: Der Prophet. Diogenes

 

Artikelfoto: Olindana / istock-photo

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