Von der Selbsterkenntnis | Khalil Gibran

Von der Selbsterkenntnis

Khalil Gibran

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Und ein Mann sagte: Sprich zu uns von der Selbsterkenntnis.
Und er antwortete und sagte:
Euer Herz weiß schweigend um die Geheimnisse der Tage und der Nächte.
Doch eure Ohren dürsten nach dem Klang des Wissens eures Herzens.
Ihr möchtet in Worten wissen, was ihr immer schon in Gedanken gewusst habt.
Ihr möchtet mit euren Fingern den nackten Körper eurer Träume berühren.
Und das ist auch gut so.

Die verborgene Quelle eurer Seele muss aufsteigen und murmelnd zum Meer fließen;
Und der Schatz eurer unendlichen Tiefen möchte euren Augen offenbart werden.
Legt jedoch eure unbekannten Schätze nicht auf die Waagschale;
Und versucht nicht, die Tiefen eures Wissens mit Elle oder Lot zu ergründen.
Denn das Selbst ist wie ein Meer, grenzenlos und unermesslich.

Sagt nicht: »Ich habe die Wahrheit gefunden«, sondern: »Ich habe eine Wahrheit gefunden.«
Sagt nicht: »Ich habe den Pfad der Seele gefunden«, sondern: »Ich bin auf meinem Pfad der Seele begegnet.«
Denn die Seele wandelt auf allen Pfaden.
Die Seele wandelt nicht nur auf einer Linie, und genauso wenig wächst sie wie ein Schilfgras.
Die Seele entfaltet sich wie eine Lotosblüte mit unzähligen Blütenblättern.

 

*****

 

(Textauswahl & Redaktion: Andreas Wagner (Brennstoff)
aus: Khalil Gibran: Der Prophet. Diogenes)

 

Foto: Lotosblatt mit Wassertropfen – Stedenmi / istoc

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