Über die Grenzen

Artikelfoto: Franz Paul Horn

Über die Grenzen

Wien – Teheran. 5.000 Kilometer in 70 Tagen

Wien, 4. Juni 2015
Wer von Wien aus in den IRAN will, muss zuerst durch die Türkei und davor durch ganz Südosteuropa. Man könnte sagen: erst Balkanroute, dann Seidenstraße. Wie? Natürlich mit dem Fahrrad. Wir planen diesen Trip aus Jux und Tollerei. Die letzte halbwegs sichere Route, die noch weit in den Osten führt. Das ist die verlockende Reise, das ist die Aussicht, mit der mir Sebastian und Thomas seit Wochen den Mund wässrig machen. Ein Radausfug bis nach Teheran, wenn wir es schaffen, nur mit Zelt, Schlafsack und Matte. Am Vorabend der Reise mache ich endlich Nägel mit Köpfen. Ich teste, ob der geborgte Gepäckträger auf meinen Fahrradrahmen passt. Antwort: nein. Die Lösung ist rohe Gewalt. Wir biegen die Sache hin. Buchstäblich.

Wien – Teheran
Ihre Route führt die drei jungen Österreicher entlang der Donau. Am Balkan inhalieren sie Lebensfreude. Mit dem kroatischen Gipsy-King trinken sie drei Tage lang Slivovic, ziehen mit Dschingis Khans schönster Tochter durch Belgrad. In Bulgarien werden sie von einem LKW-Fahrer gerettet. Erst in Anatolien beginnen die drei, die Belastung von Hitze, Einsamkeit, Langeweile wirklich zu spüren. Zudem gefährdet der Kriegsausbruch in der kurdischen Osttürkei die gesamte Unternehmung. Der Iran entpuppt sich dann als Paradies, denn es gibt dort anscheinend nichts besseres, als Ausländer zu sein.

Afghanistan, Provinz Kunar
Zur gleichen Zeit verlassen Malek aus Afghanistan und Filip aus Syrien ihre Heimat. Sie flüchten, um ihr Leben zu retten. Auszüge aus Maleks Reisebericht:

Man kann nicht sagen, dass wir ein schönes Leben hatten, erzählt Malek, aber wir hatten ein mittelgutes Leben in Afghanistan. Wir hatten keinen Luxus, keinen Strom, kein
elektrisches Licht, keinen Kühlschrank. Aber wir konnten leben.

Am Schulweg wird der 15-Jährige gekidnappt und in ein Taliban-Lager verschleppt. Nach drei Monaten Drill, Gehirnwäsche und öffentlichen Hinrichtungen eröffnet ihm der Mullah seine Bestimmung:

“Du bist einer der besten Schützen Malek, du bist schnell, schwer zu treffen und du bist schlau genug, den Plan richtig umzusetzen. Gott hat dich für Großes ausgewählt. Wir haben eine Sprengstoffweste für dich“, sagt er und hebt eine schwere Weste in die Luft. 15 Kilogramm Plastiksprengstoff seien eingenäht. Ich bin völlig taub, mein Mund ist trocken und mir ist schwindelig. Der Mullah nimmt mich an der Schulter: „Das Paradies erwartet dich.“ Mir wird schlecht.

Im letzten Moment gelingt Malek die Flucht. Er versteckt sich zehn Tage lang im Erdkeller seines Vaters, bis ihn der einem Schlepper übergibt.

Mein Vater küsst dem Schlepper gebeugt die Hand. Er blickt ihn bittend an. „Bruder“, sagt mein Vater mit weicher, flehender Stimme, „kannst du meinen Sohn in Sicherheit bringen?“

Afghanistan – Wien
Malek spült es daraufhin durch die Welt. Er verlässt, ohne sein Ziel zu kennen, Afghanistan. Mit 90 Dollar in bar und einem Handy, auf dem ihn sein Vater anrufen wird. Er reist in vollgestopften Kastenwägen und versteckt unter LKWs. Er durchquert Minenfelder, besteht Polizeikontrollen, überschreitet Gebirge und entkommt schießenden Kidnappern. Er sieht Menschen sterben und kann nicht helfen. Er hungert, friert, dürstet.

In harten Schnitten wechseln lustvolles Vagabundenleben und existenzielle Flucht einander ab. Paul aus Salzburg, Malek aus Afghanistan, Filip aus Damaskus: Drei jungen Männer reisen auf derselben Route, zur gleichen Zeit, in entgegengesetzte Richtungen. Sie überqueren dieselben Grenzen, rasten in denselben Städten und doch könnte der Unterschied größer nicht sein. Ausgelassenes Rad-Abenteuer trifft in harten Schnitten auf existentielle Flucht. Und das Besondere? Alles ist tatsächlich so passiert.

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