Totalverbot für Glyphosat in Österreich! | Ein überfälliger Öko-Beschluss des Parlaments

Foto oben: Anti-Glyphosat-Protest von Greenpeace vor der Wiener Hofburg Anfang Juli
© Ernst Weingartner / picturedesk.com

Totalverbot für Glyphosat in Österreich!

Ein überfälliger Öko-Beschluss des Parlaments

Österreich hat als erstes Land in der EU ein Totalverbot des höchst umstrittenen Herbizids („Unkrautvernichters“) „Glyphosat“ beschlossen. Für den dazu Anfang Juli im Nationalrat eingebrachten Antrag der SPÖ stimmten SPÖ, FPÖ, Neos und die Liste Jetzt (Liste Pilz). Allein die konservative ÖVP (von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz) votierte dagegen.

Glyphosat ist „ein gefährliches Gift“

Österreichs Umweltorganisationen Greenpeace und Global 2000 begrüßten die Entscheidung euphorisch. Laut Global 2000 wurden in Österreich zuletzt 90 Prozent des Glyphosats in der Landwirtschaft ausgebracht. Von einem „historischen Beschluss“ sprach SPÖ-Agrarsprecher Erwin Preiner, der (laut ORF online) betonte, dass es zu Glyphosat genügend Alternativen gebe, die weder für Menschen noch für Tiere giftig seien. Wolfgang Zingl von der Liste Jetzt begründete die politische Entscheidung: „Es ist einfach ein Gift, ein gefährliches Gift und charakterisisch für altes Denken in der Landwirtschaft.“ Den Boden zu vergiften, um wettbewerbsfähig zu bleiben, könne nicht sein.

Die Enttäuschten: ÖVP, Bauernbund und Chemiekonzern Bayer

Der deutsche Chemiekonzern Bayer, der im Juni 2018 den US-Konzern und Glyphosat-Hersteller Monsanto gekauft hatte, kritisierte die Entscheidung; ebenso wie die österr. Volkspartei (ÖVP), der ÖVP-nahe „Bauernbund“ und die Interessengemeinschaft der österr. Pflanzenschutzmittelindustrie. Sie sehen unisono die Wettbewerbsfähigkeit der österreich. Bauern gefährdet; und betonen, dass die Entscheidung gegen EU-Recht verstoße.

Drei US-Gerichtsurteile: Glyphosat „krebserregend“

Zahlreiche Medien in Deutschland und Österreich kommentierten die Verbots-Entscheidung ablehnend, aber mit entsetzlicher Unkenntnis der Sachverhalte: mit dem üblichen, stereotypen Hinweis auf die „mangelnde Wissenschaftlichkeit“ der Einstufung von Glyphosat als „krebserregend“. In den USA gab es 2018 und 2019 jedoch bereits drei Gerichtsurteile, die Glyphosat (mit Berufung auf wissenschaftliche Studien) als krebserregend bewerteten und Monsanto als Glyphosat-Hersteller zu erheblichen Straf- und Schadenszahlungen verurteilten (zuletzt im Mai 2019 in Kalifornien zu 2,05 Mrd. Dollar zugunsten des Klägers).

Mittäter Glyphosat: Boden-, Insekten- und Vögelsterben

Komplett ignoriert wurde in den Medien und den Stellungnahmen der Verbots-Gegner der große zweite Aspekt der (wissenschaftlichen) Debatte um Glyphosat: nämlich die Vergiftung und Zerstörung der landwirtschaftlichen Böden und seine negative Auswirkung auf die Biodiversität und die (für uns selbst, für den Menschen) lebenswichtigen Kreisläufe der Biosphäre.

Glyphosat bringt als „Totalherbizid“ alle Pflanzen zum Absterben, die damit besprüht werden; außer solchen, die gentechnisch verändert wurden und dadurch eine Glyphosat-Resistenz besitzen. Der Einsatz von Glyphosat erfordert demnach gentechnisch veränderte Nutzpflanzen auf den Äckern.

Glyphosat wirkt aber nicht nur auf Pflanzen, sondern als Abtötungsgift auch auf die Vielzahl von Kleinstorganismen (Mikroben) in den Böden (insb. Baktieren, Pilze), die für die Regeneration der Böden und die Bodenfruchtbarkeit entscheidend sind. Mit der Folge, dass die Böden zunehmend nährstofflich verarmen und einen erhöhten künstlichen Düngebedarf entwickeln. Eine Studie der österr. Universität für Bodenkultur (BOKU) ergab zudem, dass Glyphosat auch Regenwürmer im Boden schädigt und vermindert, die für die Bodenfruchtbarkeit ebenfalls eine sehr wichtige Funktion haben.

Glyphosat gelangt außerdem ins Grundwasser und weiter in Bäche und Flüsse. Es wird in der Wissenschaft angenommen, dass es auch Amphibien (Frösche, Kröten, Molche) angreift und zu ihrer fortschreitenden Bestandsverminderung beiträgt.

Und schließlich: Das Totspritzen aller Nebenpflanzen („Unkräuter“) durch den Einsatz von Glyphosat macht unsere Äcker zu ökologisch toten „grünen Wüsten“. Immer weniger Kleintiere sind dort zu finden. Denn mit der radikalen Ausmerzung aller Nebenpflanzen auf immer mehr Ackerflächen verliert eine Unzahl an Insekten ihre natürlichen Nahrungs- und Brutpflanzen. Die Glyphosatbehandlung, die „saubere“ Äcker bringt, trägt damit unmittelbar zum Rückgang der Insekten und ihrer Artenvielfalt bei.

Somit ist auch das Herbizid Glyphosat (als ein wesentlicher Bestandteil der immer noch dominanten „industriellen Landwirtschaft“) eine der wesentlichen Ursachen für das inzwischen dramatisch voranschreitende Aussterben von Insekten und (in der Folge auch von) Vögeln; d.h. für das dramatische „Artensterben“, das in der Natur bereits stattfindet und vor dem die Wissenschafter immer eindringlicher warnen. Da es schon bald zum endgültigen „Sterben der Natur“, zum Kollaps der gesamten „Biosphäre“ und damit zum Kollaps der Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion für eine große Mehrheit der Menschen führen könnte. Derartige Prognosen von Wissenschaftern liegen heute bereits auf dem Tisch (s. unseren Artikel: Die Biokalypse im Anmarsch. Michael Schrödls Buch „Die Natur stirbt“).

Das Votum der Politiker des österreichischen Nationalrats (mit Ausnahme der ÖVP) für ein Glyphosat-Totalverbot hat all diese Hintergründe zu Recht in Betracht gezogen. Es war, obschon längst überfällig, ein höchst verantwortungsvoller politischer Beschluss unseres Parlaments für die Zukunft unserer Erde und unserer Nachkommen. Gut so! Weiter so!

Glyphosat: weltweit wichtigster Inhaltsstoff von Herbiziden

Glyphosat wurde in den 1970er-Jahren vom US-Konzern Monsanto (jetzt: Bayer) auf den Markt gebracht. Es ist heute weltweit der mengenmäßig bedeutendste Inhaltsstoff von Herbiziden (sog. „Unkrautvernichtern“). Es lässt, wie schon geschrieben, alle behandelten Pflanzen absterben; außer solchen, die gentechnisch verändert sind und dadurch eine Glyphosat-Resistenz besitzen. Zu den vielen ökologischen Folgeproblemen von Glyphosat gehört auch noch, dass sich mittlerweile glyphosatresistente „Superunkräuter“ auf den (süd- und nord-)amerikanischen Großfarmen entwickelt haben, da dort Glyphosat in Unmengen ausgebracht wird.

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Foto: Anti-Glyphosat-Protest von Greenpeace vor der Wiener Hofburg Anfang Juli
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