Thomas Morus‘ »Utopia« | Ein Buch, 400 Jahre seiner Zeit voraus

Bild: „Utopien Arche 04“ (2010) des Waldviertler Künstlers Makis E. Warlamis (1942-2016) / Kunstmuseum Waldviertel [wikimedia / CC BY-SA 3.0]

Thomas Morus‘ »Utopia«

Ein welthistorisches Buch, dessen Vision einer besseren Gesellschaft 400 Jahre seiner Zeit voraus war und noch heute frische demokratische Ideen für uns bereit hält

von Andreas Wagner (Brennstoff)

Was wir »Utopie« nennen, geht auf Thomas Morus‘ Schrift »Utopia« des Jahrs 1516 zurück. Das weltberühmte Büchlein des englischen Humanisten beschrieb vor 500 Jahren das Leben einer erfundenen Gesellschaft (auf einer erfundenen Insel), die besser, gerechter und menschlicher ist; und wurde damit zum großen Vorbild für (im positiven, besten Sinne) „utopisches Denken“, das einen gedachten Vorentwurf eines besseren gesellschaftlichen Zusammenlebens umschreibt und zum Ausdruck bringt; oder auf ein solches hinwill und ein solches real für möglich hält.

Utopie – keine „bloße Träumerei“

Dass »U-topia“, übersetzt, der »Nicht-Ort« heißt, hat zu der falschen Meinung geführt, als ginge es bei „Utopien“ um „bloße Träumerei“. Doch Thomas More, wie sein englischer Name lautete, zeichnete mit seiner „Utopia“ das Bild einer offenen, humanen, liberalen und demokratischen Gesellschaft als orientierende Leitidee und Gedankenentwurf, der seiner damaligen Zeit der diktatorischen Monarchien und willkürlichen Aristokratie in Europa, wo nur eine winzige soziale Oberschicht die politische und ökonomische Herrschaft, das Sagen und Entscheiden, alleine innehatte, unendlich weit voraus war.

In Thomas Mores „utopischer Gesellschaft“, der der Insel „Utopia“, waren nur einige Dinge des Zusammenlebens der Menschen anders geregelt als in der historischen Wirklichkeit seiner Zeit. Auf diese Angelpunkte, Regeln, Prinzipien und Formen und Strukturen des Zusammenlebens und der gemeinschaftlichen Entscheidungen (des Politischen im eigentlichen Sinne) lenkte er mit seinem Buch die Aufmerksamkeit.

Vernunft und Verstand als gestalterische Lösungskraft

Er vertraute damit auf die Fähigkeit des menschlichen Verstandes, durch rationale Erwägung, durch Rationalität und Bewusstsein, bessere Prinzipien und Regeln für das Zusammenleben der Menschen zu ersinnen. Der Gedanke der Vernunft, dieser große gestalterische Glaube der Aufklärungszeit (im 18. Jahrhundert) an die positive Lösungskraft menschlicher Rationalität, ist bei Thomus Morus schon klar erkennbar.

»Wenn ich aber alle heutigen Staaten prüfe, so finde ich nichts anderes als eine Art von Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen. Alle möglichen Schliche und Kniffe ersinnen und erdenken sie, um zunächst einmal das, was sie durch üble Machenschaften zusammengerafft haben, ohne Furcht vor Verlust zusammenzuhalten, dann aber alle Mühe und Arbeit der Armen so billig wie möglich zu erkaufen und ausnützen zu können. Sobald die Reichen erst einmal im Namen der Allgemeinheit, das heißt also auch der Armen, den Beschluß gefaßt haben, diese Methoden anzuwenden, so erhalten sie auch schon Gesetzeskraft.«
Thomas Morus: Utopia (1516)

Klar erkennbar bei Thomas More zu einer Zeit, da in Deutschland, Österreich und der Schweiz, dann in ganz Europa, die protestantische Glaubensreformation und die katholische Gegenreformation anhob. Beide neue eifrige Religiosität und Kirchlichkeit, die in der Folge mit der absoluten Priorität der Frage, welcher religiöse Glaube der einzig wahre sei – (und dem Dogma, dass Rationalität dem Glauben (dem Gottvertrauen, der religiösen Pflicht, dem spirituellen Herzen und Gefühl) unterzuordnen sei) –, alles große gesellschaftliche Fragen und Hinausdenken ausradierte aus dem Bewusstsein der Zeit und ihrer Menschen. Mehr als ganze zweihundert Jahre lang.

Erst um 1750, mit dem Höhepunkt des Zeitalters der „Aufklärung“ (nur der Engländer John Locke schon früher), hob, wie es Thomas More schon 1516 gemacht hatte, die große Frage nach dem besseren menschlichen Leben für alle, nach dem demokratischen Leben, in großem Maßstab wieder an: als rationale, im tieferen Sinne politische Frage nach den Strukturen einer besseren Gesellschaft (ihren Formen, Prinzipien und Regeln), nicht bloß als Frage nach der Ethik und individuellem Verhalten. Damit begann der Weg in unser „demokratisches Zeitalter“, der jedoch auch ein langer werden sollte.

Verwirklichung seiner Ideen: 400 Jahre später und bis heute

Wer Thomas Morus‘ »Utopia« heute liest, wird wirklich überrascht. (Man muss dazu kein Historiker sein.) Die Ideen seiner „utopischen Gesellschaft“ waren seiner Zeit tatsächlich weit voraus. Und doch wurden viele von ihnen in Europa schließlich verwirklicht und umgesetzt; allerdings erst 350-450 Jahre (!!) später, als Morus sein Buch geschrieben hatte. So u.a.: die Gleichstellung von Frauen und Männern (in allen Rechten, in Berufsarbeit und Bildung); das Scheidungsrecht; Demokratie und Gewaltenteilung; Wohlfahrtsstaat; und kulturelle und religiöse Toleranz.

Andere seiner Ideen sind heute noch im Schwange; also erst noch im möglichen Werden: Auf sechs Stunden hatte »Utopia« die Tagesarbeitszeit für alle Menschen reduziert. Wenn das gemeinsam Erwirtschaftete tatsächlich fair geteilt wird, so Morus‘ »Utopia«, kann jeder dabei ein gutes Einkommen haben. Wenn keine Wegwerfware produziert wird, die schnell verschleißt, kann insgesamt Arbeitszeit gespart und Arbeit produktiver eingesetzt werden. Usw.

Oder: Jeder Bürger, auch jeder Städter, erlernt das Arbeiten in der Landwirtschaft; zwei Jahre lang auf einem Bauernhof, um die Nahrungsproduktion auch selbst zu kennen. Der Bauernstand rotiert auf diese Weise, und so erfährt jeder Bürger, wie ein Bauer lebt. Wer will, bleibt länger Bauer. Oder: In den großen Gremien der Politik müssen (so »Utopia«) Bürgergruppen direkt mitentscheiden. Beamte und Politiker müssen regelmäßig von anderen Bürgern abgelöst werden, rotieren, um Machtmissbrauch auszuschließen.

Der Unterschied: „demokratische“ Utopie und „totalitäre“ Utopie

Es lässt sich also sagen: Thomas Morus‘ „utopisches Denken“ war Ideengeber der Demokratisierung in Europa, eine ihrer großen Inspirationsquellen; denn er wurde in den kritischen intellektuellen Schichten (West-)Europas jahrhundertelang gelesen. Vielleicht mit noch größerem Staunen als wir heute. Was er mit den Mitteln des denkenden Verstandes als „utopische Gesellschaft“ beschrieb, ließe sich auch einfach sagen, ist eine Gesellschaft, in der gemeinschaftliches Zusammenleben, Gemeinwohl und persönliche Freiheit keine leeren Worte sind.

Morus schuf mit seinem weltberühmten Buch die Tradition der „demokratischen Utopie“, denn nirgends spricht er von Zwang zur Durchsetzung seiner Ideen und diese selbst sind liberal-demokratisch. Sein Utopismus ist daher ein „demokratischer Utopismus“, der sich von den sog. „totalitären Utopien“ (Faschismus und Kommunismus) komplett unterscheidet, die nämlich die Ausübung von Gewalt und Diktatur als uneingeschränkt erlaubte (legitime) Mittel sahen, politische Macht und Herrschaft durchzusetzen. Und das – Gewalt und Diktatur als erlaubte Mittel oder nicht – ist der entscheidende Unterschied zwischen totalitärer und demokratischer Utopie.

Utopie heute – wofür?

Wozu demokratische Utopie heute? Wie unsere bessere Welt und unsere Zukunft werden soll, muss genannt und benannt werden. Nur so entsteht ihre Rationalität – als Gespräch, Diskussion, Korrektur, Differenzierung und begriffliche Reflexion. Nur so entsteht eine gemeinsame Geschichte und Erzählung und wird ihre Lösung eines Tages dann (wie der Philosoph G.W.F. Hegel es ausdrückte) sonnenklar.

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Autor: Andreas Wagner (Brennstoff)

 

Artikelbild: „Utopien Arche 04“ (2010) des Waldviertler Künstlers Makis E. Warlamis (1942-2016) / Kunstmuseum Waldviertel [wikimedia / CC BY-SA 3.0]

 

 

 

 

 

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