„Schreite ins Reich des Unbegrenzten und nimm deine Ruhstatt darin“ | Tschuang-Tse

»Schreite ins Reich des Unbegrenzten und nimm deine Ruhstatt darin«

„Der Berufene setzt sich zu Mond und Sonne und trägt Raum und Zeit in seinem Arme.“

Eine Rede des Tschuang-Tse, des zweiten großen Meisters des chinesischen Daoismus, in der Übersetzung von Martin Buber

 

»Khü-Thsiao sagte zu Thschang-Wu-Tse:

„Fu-Tse sprach in meiner Gegenwart: ,Ich hörte sagen, der Berufene schenke den weltlichen Dingen kein Augenmerk. Er suche nicht den Gewinn und meide nicht die Unbill. Er begehre nichts aus den Händen der Menschen. Er hänge, ohne zu fragen, dem Dao* an. Er könne sprechen, ohne zu reden; er könne reden und doch nichts sagen. So schweife er jenseits des Staubes umher. Dies’, so sprach Fu-Tse weiter, ,sind unbesonnene Worte.’ Mir aber erscheinen sie als die kundige Darstellung des Dao. Welches ist deine Meinung, Herr?“

Thschang-Wu-Tse antwortete:

„Wie sollte Fu-Tse Dinge verstehen, die dem Gelben Kaiser** nicht offenbar waren? Du gehst zu schnell. Du siehst ein Ei an und möchtest es schon krähen hören. Du siehst deine Armbrust an und möchtest schon Entenbraten vor dir stehen haben. Ich will dir etliche Worte aufs Geratewohl sagen, und du höre aufs Geratewohl zu.

Wie ist das, dass der Berufene sich zu Mond und Sonne setzt und Raum und Zeit in seinem Arme trägt? Er hat alle Dinge in sich zur Einheit beschlossen, er hat das Wirrsal des Dies und des Das verworfen. Außer Rang und Ordnung, geeint, steht er vor der Menge als ein Tor. Das Rollen von zehn Jahrtausenden rührt seine Einheit nicht an. Die Welt der Dinge mag laufen und vergehen, der Weise wird dauern.

Ist Liebe zum Leben im Grunde nicht ein Wahn? Ist, der zu sterben fürchtet, nicht wie ein Kind, das sich verirrt hat und den Weg nach Hause nicht findet?

Bald, bald kommt das große Erwachen, und dann entdecken wir, dass dieses Leben ein großer Traum war. Narren vermeinen, sie seien jetzt wach, und glauben zu wissen, ob sie in Wahrheit Fürsten oder Knechte sind. Fu-Tse und du, ihr beide seid Träumende; und ich, der dies sagt, ich selber bin im Traum. Dies ist ein Widersatz. Morgen wird ein Weiser aufstehen und ihn erklären; morgen: wenn zehntausend Geschlechter vergangen sind.

Lass dies nun gesetzt sein, wir stritten miteinander um Meinungen. Wenn du mich besiegst und nicht ich dich, bist du notwendigerweise im Recht und ich im Unrecht? Oder wenn ich dich besiege und nicht du mich, bin ich notwendigerweise im Recht und du im Unrecht ? Oder sind wir beide zu einem Teil im Recht und zum anderen im Unrecht? Oder sind wir beide ganz im Recht und ganz im Unrecht? Du und ich, wir können es nicht wissen, und so wird die Welt der Wahrheit entbehren.

Da nun du nicht entscheiden kannst, und ich nicht, und kein Mensch, müssen wir da nicht einem andern anhangen? Solch eine Abhängigkeit ist, als sei sie keine Abhängigkeit. Wir sind in der alles auslöschenden Einheit des Himmels umfangen. Da ist vollkommene Anpassung an alles, was immer geschehen mag; und so vollenden wir die uns zugemessene Spanne. Achte nicht auf die Zeit, und nicht auf Rechthaben und Unrechthaben. Schreite ins Reich des Unbegrenzten und nimm deine Ruhstatt darin.“«

*****

(Textauswahl: Andreas Wagner)
* Dao bzw. Tao: übersetzbar mit „der Weg“, „der Pfad“, das „Gesetz der Dinge“, der „Urgrund des Seins“, die „Weltseele“, der „Ursinn des Seins“

** Gelber Kaiser: Legendäre Figur in den Werken des Lao-Tse

 

 

Artikelfoto: Anastasia My / istock-photo

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