Schöne Neue Digitale Welt … oder: »2027 – with a little BIT of luck«

Schöne Neue Digitale Welt … oder:
„2027 – with a little BIT of luck“

Als sich die (un)heimlichen Herrscher der Welt die digitale Übermacht gesichert hatten. Eine kleine Dystopie

Der „postmoderne“ Klassenkampf war ein Krieg um Information. Und die anderen haben ihn gewonnen.

von Huhki Henri Quelcun

Als Pensionist einkaufen gehen – für mich eine Notwendigkeit, denn es spart immer einige Bytes für die Zustellung. Nur wenige Kunden schlurfen durch den Digimarkt. Einkaufsliste braucht längst niemand mehr. Mein Smartplug im linken Ohr suggeriert mir mit einer einschmeichelnden Frauenstimme, was ich mir leisten kann, was ich für meinen Vitaminhaushalt brauche und lotst mich diskret zu den entsprechenden Produkten. Und warnt mich rechtzeitig, damit ich nicht mit einem Autostacker zusammenstoße.

Ja, die Regalschlichterinnen waren die letzten menschlichen Dienstleister, die aus den Läden verschwanden. Kurz nach den Kassen- und Thekenkräften. So um 2025. Vor zwei Jahren…Die sind jetzt alle 1-Euro-Jobber, wie man früher sagte, denn die Bargeld-Ära ist ja auch endgültig Geschichte. Und fristen ihr „Leben“ in Minimalversorgung. Ihre Bedürfnisse werden vom transnationalen Blockchain-Verbund, einer Art universellen und unhackbaren Welt-Daten-Bank festgelegt. Das ist vollendet-umgekehrte Planwirtschaft: Nicht die Bedürfnisse werden automatisch der Produktion angepaßt, der Algorithmus weist einem seine Bedürfnisse entsprechend des gerade vorhandenen „Angebots“ zu…

Ja, vor zehn Jahren hätten wir die Weichen anders stellen sollen. Für eine menschliche Zukunft mit freiem Informationszugang und Wohlstand für alle. Damals, als Datenguthaben im PC und Bankguthaben noch unterscheidbar waren. Als wir die Chance hatten, uns weltweit zu organisieren. Statt dessen haben wir die „sozialen Netzwerke“ dazu verwendet, tröstliche Kalendersprüche oder Photos vom Cappucino in Venedig auszutauschen…

Währenddessen haben sich die (un)heimlichen Herrscher der Welt die digitale Übermacht gesichert. Vor zehn Jahren erreichte der außerbörsliche Aktienhandel im Internet schon das dreifache Volumen des größten Börsenverbunds, der „World Federation of Exchange“. Aber bevor noch die WFE mit ihren sieben kleineren Schwestern fusionieren konnte, kam die Geschichte mit der Blockchain und Etherium.

Heute gibt es „Banken“ und „Börsen“ nur noch als Attrappen; und so mancher Karrierist von gestern vegetiert heute als Prekariarist. Dafür besitzt jetzt ein Mann – der Erfinder der Universal-Blockchain „Infinitum“, welche alle Funktionen vom früheren „Finanzamt“ über Kranken- und Pensionskassen bis hin zu monatlichen Anweisungen, wie wir unsere Datenguthaben auszugeben haben, in sich vereint – mehr als die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen.

Vor zehn Jahren waren es noch acht Hypermilliardäre, die gemeinsam die 50% Looser aufwogen. Und ein Promille hat einen Reichtum angesammelt, der den Besitz aller übrigen 99,9% übersteigt.  Kernkraftwerke gibt’s überall auf der Welt, fünfmal soviele wie 2017. Die erste Mega-Blockchain für die EU – geplant noch von Vitalik Buterin, den sie den „digitalen Lenin“ nannten – verschlang ja schon so viel Strom wie ganz Frankreich als Industrienation … Zwentendorf ist in Betrieb! Wer hätte das geglaubt, vor zehn Jahren?

Ich verlasse das Geschäft, vorbei am 360-Grad-Magellan-Scanner. Den gibt’s schon seit dreißig Jahren. Aber sein Einsatz lohnt sich erst, seit die Preise für Chips plötzlich enorm gefallen sind. Alle Waren in meiner Einkaufstasche werden zugleich gescannt und von meinem Reward Data Account abgebucht. Technisch ganz einfach, denn jedes Kleidungsstück ist mit einem repersonalisierbaren Chip ausgestattet; für Pensionisten und viele andere ist das RFID-Dings unter der Haut ja nicht Vorschrift…Ich könnte mir die eingekauften Produkte auch einfach einstecken. Durch die Magellan-Scanner gibt es keine „Ladendiebe“ mehr; und natürlich auch keine Ladendetektive.

Jetzt geh ich mich aufregen. Ins nächste Kritik-Café. Dort bin ich ja schon lange Empörungs-Controller der Rentnergruppe. Dort darf man schimpfen über dieses Drecks-System, unter Anleitung zweier „Kritischer“ Psychologinnen, so lange man will. Wird alles protokolliert. Und angeblich systemrelevant berücksichtigt. Kostet natürlich ein paar Bits vom Konto, aber die sind sowieso für „Ausübung geführter Meinungsfreiheit“ allen Pensionisten ausreichend zugeteilt. Und für Äußerung besonders konstruktiver Kritik gibt’s für mich regelmäßig einen Extrabonus!

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Artikel-Bild oben: © Scodonnell / istock

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