Sahara-Temperaturen für 3,5 Mrd. Menschen im Jahr 2070 | Klimawandel

Klimakrise / Klimawandel

Sahara-Temperaturen für 3,5 Mrd. Menschen im Jahr 2070

Schon 2070 werden die Lebensregionen von 3,5 Mrd. Menschen lebensfeindliche Sahara-Jahrestemperaturen von +29 °C und mehr haben, wenn die Klimapolitik in allen Staaten der Welt so weiterläuft wie bisher, besagt eine neue Klimastudie. Auf jenen Landflächen unseres Planeten, wo die Mehrzahl der Menschen lebt, wird die Erderwärmung überdurchschnittlich hoch sein und bereits bis 2070 im Schnitt +7,5 °C betragen.

Die Menschen haben die Erde nicht gleichmäßig besiedelt. Viel­mehr gibt es zwei klimatische „Korridore“ („climate niches“), in denen der Großteil der Welt­bevölkerung lebt. Für diese „Korridore“ haben Klimawandel und Erderwärmung aber besondere Folgen. Ein Team von internationalen Klimaforschern hat das nun neu untersucht, zu denen auch der niederländische Ökologe Marten Scheffer (Universität Wageningen, Niederlande) gehörte.

Sahara-Temperaturen für 3,5 Mrd. Menschen im Jahr 2070

Ihre Studie kommt zu einem schockierenden Ergebnis: Wenn die weltweiten Treibhausgas-Emissionen weiter zunehmen wie bisher, würden im Jahr 2070 rund 3,5 Mrd. Menschen in Weltregionen geboren und zuhause sein, wo dann die Jahresdurchschnittstemperatur bei +29 °C und darüber liegt. Das heißt bei Temperaturen, die es heute in der Sahara gibt.

»Specifically, 3.5 billion people will be exposed to MAT ≥29.0 °C, a situation found in the present climate only in 0.8% of the global land surface, mostly concentrated in the Sahara, but in 2070 projected to cover 19% of the global land.«
(aus dem Report: „Future of the human climate niche“, Mai 2020)
MAT: mean annual temperature (= Jahresdurchschnittstemperatur)

Ist es nötig, zu sagen, dass Sahara-Temperaturen (von 29 °C und darüber im Jahresschnitt) für den Menschen lebensfeindlich sind? Dass es dann an Wasser fehlt? Und dass Landwirtschaft, die diese große Zahl an Menschen dort bisher (mehr oder weniger) ernährte, nicht mehr möglich ist?

„Rund 3,5 Milliarden Menschen (rund 30 Prozent der Weltbevölkerung zu dieser Zeit) würden in andere Weltregionen abwandern müssen“, wenn man die bisherige klimatische Anpassungsfähigkeit der Menschen voraussetzt, heißt es dazu (etwas akademisch gedrechselt) in der Studie, die Anfang Mai unterm Titel „Future of the human climate niche“ in der angesehenen Wissenschaftszeitschrift der „Nationalen Wissenschaftsakademie“ der USA (PNAS) veröffentlicht wurde.

Zwei klimatische „Korridore“ als Hauptlebensräume des Menschen

Was sind lebensfähige Temperaturen für den Menschen und die Landwirtschaft, die ihn ernährt? Die Studie legt dar, dass, wie schon angesprochen, die Welt­bevölkerung zum Großteil in zwei klimatischen „Korridoren“ („climate niches“) lebt. Der eine „Korridor“ (mit menschlichen Hauptsiedlungsregionen) liegt bei durchschnittlichen Jahrestemperaturen zwischen +11 und +15 ° C; der zweite klimatische „Korridor“ (mit Hauptsiedlungsregionen) liegt im Temperaturbereich von +20 bis +25 °C. (Beide Korridore waren mindestens 6000 Jahre geographisch stabil; jetzt beginnen sie eben zu driften.)

Die Analyse der spezifischen Folgen des Klimawandels für diese klimatischen „Korridore“ der Weltbevölkerung ist von Interesse, da diese (in der Gesamtsicht der Weltbevölkerung) nicht nur die Haupträume menschlicher Besiedelung, sondern zugleich auch (vor den „Toren der Städte“) die Haupträume ihrer primären landwirtschaftlichen Versorgung sind.

Der „klimatische Untergang“ – eine unvorstellbare Katastrophe

Wenn also die Lebensräume von 3,5 Mrd. Menschen im Jahr 2070 durch den Klimawandel, wie er bisher verläuft, in eine Temperaturzone von +29 °C und darüber rutschen, bedeutete dies den „klimatischen Untergang“ dieser Regionen für den Menschen. Ihre landwirtschaftliche Ernährung und ihre Wasserversorgung würden versiegen. Die Abwanderung der betroffenen Menschen wäre unausweichlich. Eine unvorstellbare humanitäre Krise wäre damit verbunden.

Die bisherige Klimapolitik ist ein Desaster

Das Forscherteam, so Science ORF.at, sieht die Ergebnisse der Studie als weiteren Beleg und dringenden Appell, dass die weltweite Klimapolitik erheblich beschleunigt und in ihren Maßnahmen drastisch verschärft und verstärkt werden muss.

Ihren Berechnungen für das Jahr 2070 legten die Forscher den Entwicklungspfad RCP8.5 des „Weltklimarats“ (IPCC) zugrunde, der die Treibhausgas-Anreicherung in der Atmosphäre beschreibt, wenn Emissionen, fossile Wirtschaft und Verkehr und die Klimapolitik so weiter laufen wie bisher; wenn also Klimapolitik, wie bisher, nur in kleinen Schritten und als „business-as-usual“ betrieben wird. (Dass dies jetzt schon dreißig Jahre lang, seit 1990 so gelaufen ist, sollte uns – wie eben die Jugendlichen von „Fridays for Future“ – tatsächlich äußerst beunruhigen.)

Sahara-Temperaturen auf 19 Prozent der globalen Landflächen

Drückt man das Studienergebnis in Fläche aus, so heißt dies: dass sich die Sahara-Temperaturen von jetzt 0,8 Prozent der globalen Landflächen auf dann 19 Prozent ausbreiten. Davon betroffen wären große Regionen Südamerikas, Afrikas, Indiens, Südostasiens und Nordaustraliens. Allein in Indien träfe dies 1 Mrd. Menschen.

Erderwärmung um +7,5 °C in den klimatischen „Korridoren“ des Menschen

Aber auch im gemäßigteren klimatischen „Korridor“, der „climate niche“ mit einer Jahrestemperatur zwischen +11 und +15 °C, wo ein weiterer Großteil der Weltbevölkerung lebt, würde die Erderwärmung bis 2070 höher liegen als der prognostizierte globale Durchschnittswert. „Die meisten der Regionen“, bemerkt die Studie, „die heute noch nahe am historischen ca. +13 °C-Modus sind, werden in 50 Jahren eine Durchschnittstemperatur von ca. +20 °C haben.“ Also um durchschnittlich +7 °C höhere Temperaturen, wie diese heute in Nordafrika, Südchina und am Mittelmeer herrschen.

In ihrer gewichtenden Prognose (Schwerpunktflächen der menschlichen Besiedelung und dortige Entwicklung der Erderwärmung) hält die Studie außerdem fest, dass sich die „mittlere von Menschen erfahrene Temperatur“ bis 2070 um +7,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau erhöhen wird; während die globale Erderwärmung derzeit im Gesamtmittel (aller ihrer Flächen) auf einen Temperaturanstieg von +4 bis +6 °C bis zum Jahr 2100 zuläuft. „Dieser Unterschied“, so die Studie, „ist hauptsächlich dadurch bedingt, dass sich die Landgebiete sehr viel schneller erwärmen werden als die Ozeane; aber auch dadurch, dass das zu erwartende Bevölkerungswachstum vor allem in den heißeren Regionen stattfinden wird.“

Die Klimastudie wurde von den Wissenschaftern Marten Scheffer (Niederlande), Timothy A. Kohler (USA, Japan), Timothy A. Lenton (UK), Jens-Christian Svenning (Dänemark) und Chi Xu (China) durchgeführt, die an verschiedenen Universitäten und Wissenschaftseinrichtungen in Europa, den USA und in Asien forschen und unterrichten.

Jahrestemperaturen in Deutschland und Österreich?

Die Jahresdurchschnittstemperatur (Tagesmittelwerte) lag im Jahr 2019 in Österreich bei +8,5 °C und in Deutschland bei +10,3 °C. Dies war in Deutschland das zweitheißeste Jahr seit Messbeginn (zugleich 2,1 °C über dem Schnitt der Jahre 1961-1990) und in Österreich das drittheißeste Jahr seit Messbeginn (zugleich + 2,3 °C über dem Schnitt der Jahre 1961-1990).

Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1881 hat sich die mittlere Jahrestemperatur in Deutschland um +1,6 °C oder +0,11 °C pro Jahrzehnt erhöht. Seit 1970 stieg die Temperatur pro Jahrzehnt in Deutschland im Gesamtschnitt aber um +0,37 °C. So die neuesten Zahlen der beiden nationalen meteorologischen Institute, DWD und ZAMG.

In Hinsicht auf die Studie würde dies bedeuten, dass Deutschland und Österreich unterhalb des klimatischen Hauptkorridors (der „climate niche“) liegen, weil ihre Bevölkerungszahlen im Verhältnis zur Weltbevölkerung zu gering sind bzw. die übergroße Mehrheit der Weltbevölkerung in wärmeren Regionen lebt. Oder es bedeutet, dass die Studie auf anderen Datenreihen aufsetzt, die z.B. Messdaten nur aus bestimmten Lagen (z.B. nur in bestimmten Seehöhen) benutzen.

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Artikelbild: © Travel Wild / istock-photo

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