Reinhold, mein Freund

Reinhold, mein Freund

Das Leben ist oft rätselhaft

Reinhold schrieb mir im Juni 1972 einen Brief, dass er nicht mehr weiterstudieren möchte, er möchte nach Afrika. Seinen Wunsch unterstrich er mit dem Satz von Antoine de Saint-Exupéry: „Die Erde schenkt uns mehr Selbsterkenntnis als alle Bücher, weil sie uns Widerstand bietet. Und nur im Kampf findet der Mensch zu sich selbst.“

Am Ende des Briefes fragte er, ob ich nicht mit ihm nach Afrika fahren möchte? Ich schrieb eine Postkarte zurück mit einem einzigen Wort: JA. Somit war „alles“ klar. Wir fanden Arbeit bei der Olympiade in München. Dort verdienten wir das Geld, mit dem wir zwei Puch-Mopeds (50 ccm / Höchstgeschwindigkeit 40 kmh) kaufen konnten. Am 12. Dezember 1972 fuhren wir los. Es war saukalt. Die Mopeds waren jeden Tag mehr oder weniger kaputt. Dadurch lernten wir die Mopeds besser kennen. Zu Silvester fuhren wir mit der Fähre von Palermo nach Tunis. Von dort ging es durch die Sahara nach Westund durch Zentralafrika in den Osten, nach Tansania. Dort kannten wir Dr. Watschinger. Er und sein Spital waren unser Ziel. Reinhold, wenn ich an Afrika denke, vermisse ich dich. Ich werde dir bis zum Sterben für diese gemeinsame Reise dankbar sein.

Einmal habe ich in unser Weihnachts-Album hineingeschrieben: schenk dir und deinen Freunden zu Weihnachten ein Gedicht. Lerne es auswendig, dann hast du es inwendig immer dabei. Trage es auswendig vor. Teile es mit deinen Freunden und scheue dich nicht manche Verse zu wiederholen, vielleicht auch ganze Strophen, denn meist ist es gar nicht möglich die Tiefe eines Gedichtes auf’s erste Mal Zuhören zu erfassen. Wiederholungen schwächen nicht. Sie helfen. Nun. Ohne Zweifel ist Rilkes Panther voll tiefer Traurigkeit. Und doch ist es so, dass dieses Gedicht so bekannt und „erfolgreich“ wurde, weil es einen Aspekt unserer Wirklichkeit präzis beschreibt. Wir spüren eine Kraft in uns, und wir wissen, dass es tausend Möglichkeiten gibt, aber die Wirklichkeit der „Stäbe“, der inneren und äußeren, ist stärker als …. ?
Drum bitte, – wenn du dieses Gedicht Freunden vorträgst, sag auch diesen Gedanken dazu.

Dem Reinhold würde ich jetzt gerne von Afrika erzählen. Oft und oft sagte Reinhold, dass diese Reise das Schönste in seinem Leben gewesen sei. 1980 nahm er sich das Leben. Er hatte dieses Gedicht von Rilke dabei.

DER PANTHER
Im Jardin des Plantes, Paris
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.Rainer Maria Rilke, 6.11.1902, Paris

REINHOLD KRAUS
1952 – 1980
Wir gingen miteinander in den Kindergarten, in die Volksschule und bis zur Matura waren wir gemeinsam im Internat.

Ein Jahr nach der Schule fuhren wir nach Afrika.
Nach der Afrikareise begannen wir beide ein Medizinstudium. Reinhold wurde Arzt, ich landete bei den Schuhen.

Reinhold war so ein stiller und doch ein verwegener Mensch. Ein interessanter, ein sensibler Mensch.
Vor 40 Jahren nahm er sich das Leben.

Reinhold’s Botschaft an die Lebenden hieße wohl:
Spring´! Spring´ über die Stäbe.
Mit der Kraft der Mitte.
Spring´ bitte!

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