Pforten der Heimkehr | Ernst Bloch „Geist der Utopie“

Pforten der Heimkehr

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft und humaner Weltgesellschaft
ist eine fundamentale, positive Lebenskraft in uns.
Ernst Bloch beschrieb sie als »Geist der Utopie«

 

In uns allein brennt noch dieses Licht, und der phantastische Zug zu ihm beginnt, der Zug zur Deutung des »Wachtraums«, des utopisch prinzipiellen Begriffs. Diesen zu finden, das Rechte zu finden, um dessentwillen es sich ziemt zu leben, Zeit zu haben, dazu gehen wir, rufen was nicht ist, bauen ins Blaue hinein, bauen uns ins Blaue hinein und suchen dort das Wahre, Wirkliche, wo das bloß Tatsächliche verschwindet – incipit vita nova.

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Es öffnet sich überall dort, wo neues Leben beginnt, jenes offene Fragen, Schäumen, verhüllte Enthüllen als der Erwartungszustand des Heraufkommens überhaupt. Als Kinder schon sind wir beständig unruhig, zu warten, uns unser selbst darin endlich zu versichern. Ebenso steht es mit dem Hoffen, das das Erlebte vorauf dreht, vor allem mit jenem, das in uns als »stillste«, »tiefste« Sehnsucht lebt, das uns als »Wachtraum« irgend einer namenlosen, einzig gemäßen Erfüllung begleitet.

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Was uns derart das Leben versprach, das wollen wir dem Leben halten: und niemals läßt sich dies »Unbewußte« ganz anderer Art, dies voraufgerichtete Leben, Hoffen, Ahnden, aus dem Dunklen ins Helle Strebende, dieses in Wahrheit noch nicht bewußte Wesen, auf die Mondscheinlandschaft des Gewesenen reduzieren.

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Die bestehende Welt ist die vergangene Welt; aber die menschliche Sehnsucht in beiderlei Gestalt: als Unruhe und als »Wachtraum«, ist das Segel in die andere Welt. Dieses Intendieren auf einen Stern, eine Freude, eine Wahrheit gegen die inhumane Welt, ist der einzige Weg, noch Wahrheit zu finden; die Frage nach uns ist das wichtigste Problem, die Resultante aller Weltprobleme, und die Fassung dieses Selbst- und Wirproblems in allem, die Eröffnung der Pforten der Heimkehr ist das letzthinnige Grundprinzip jeder Utopie.

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Es erscheint als jenes mächtige Ursymbol, allernächst und doch tief in uns drinnen, visio vespertina und zugleich hellste Kapelle des Herzens, die Eckardt meint, im Sermon von der ewigen Geburt und dem einen verborgenen Wort, das inmitten in der Nacht kam, da alle Dinge in tiefer Stille schwiegen: »Seht, gerade weil es verborgen ist, soll und muß man hinter ihm her sein.«

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Dazu aber ist zugleich der äußere Weg frei zu legen. Folglich auch entspringt der Selbstbegegnung, damit sie allen eine werde, unweigerlich das politisch-soziale Tun, das Tun zu aller wirklicher persönlicher Freiheit, damit die »Wiranschauung«, der Inhalt ihres »Freiheitsbriefs«, verantwortlich in die Welt einströmt.

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Textauswahl: Andreas Wagner
aus Ernst Bloch: Geist der Utopie (1923). Suhrkamp Verlag

 

 

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