Nicht müde werden, sondern dem Wunder … die Hand hinhalten | von Hilde Domin

Nicht müde werden

Nicht müde werden, sondern dem Wunder
leise wie einem Vogel die Hand hinhalten

von Hilde Domin

 

Dichtung und Liebe haben nicht nur die
Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit
gemeinsam: beide sind zweckfrei.
Dienen keinem „Um zu“, sondern sind
um ihrer selbst willen da, wie alles,
worauf es in Wahrheit ankommt.

Schreiben – und demnach auch Lesen – setzt dies Innehalten voraus, das Sich-Befreien vom „Funktionieren“. Nur im Innehalten, nur wenn die programmierte und programmierende Zeit stillsteht, kann der Mensch zu sich selber kommen, zu jenem Augenblick der Selbstbegegnung, der im Gedicht auf ihn wartet. Für diesen Augenblick muss er bereit sein.

Wenn wir betrachten, was an unserer Wirklichkeit das Schlimmste ist, so ist es der Verlust des Selbst: die Art, wie wir ausgelöscht werden oder doch in Gefahr sind ausgelöscht zu werden. Ich rede hier, ausnahmsweise, nicht vom Weltende, nicht von der atomaren Apokalypse, denkbar undenkbar, wie sie für uns Heutige ist. Ich rede von einer subtileren, nicht bevorstehenden Gefahr: der „Verdinglichung“, die man zwar fürchtet, die aber doch keiner auf sich bezieht. Als sei sie ein Schnupfen, den andere bekommen und gegen den man selbst immun ist. Es ist ja auch nicht einfach, an sich selbst zu überprüfen, wie programmiert einer schon ist, wie entpersönlicht. Das kränkt das Selbstgefühl.

Vorläufig halte ich diese Programmierung, die Verwandlung des Menschen in den Apparat, für ein größeres Hemmnis, ein bewusstes Leben zu leben, als die Furcht vor der ökologischen und der atomaren Apokalypse, für die wir aber gerade programmiert werden: hinein in die passive Hoffnungslosigkeit, statt in aktive Wachsamkeit, wie diese Erde noch zu retten sei, wie die Katastrophe aufhaltbar wäre.

„Hinhören auf die stimmlose Stimme des Herzens heißt, sich selbst nicht belügen“ (ich zitiere Ihnen Konfuzius). Diese Stimme aber hört man nicht, außer im Innehalten, in der ‚aktiven Pause‘, denn es ist eine aktive Pause, keine leere, in der der Mensch, sobald er wirklich er selbst ist, zugleich aber auch am selbstvergessendsten ist. Wollen und Funktionieren haben aufgehört. Ein Augenblick der Katharsis, der Reinigung, der aber kein Augenblick des Handelns ist. Sondern nur eine Festigung des Menschen, der dann der Wirklichkeit anders gegenübertreten wird.

Um seine Erfahrung zu formulieren, dazu braucht der Schreibende Mut. Das ist kein Programm von außen. Es ist wie auch das Handwerkliche, ein Geheimbefehl, den er sich selbst gibt.

Der Mut, den er braucht, ist dreierlei Mut:

Erstens: Der Mut zum Sagen, der der Mut ist, er selbst zu sein, der Mut zur eigenen Identität.

Zweitens: Der Mut zum Benennen, der der Mut ist, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen, ihr Zeuge zu sein: das heißt, nichts weg- oder umzulügen, was ja opportun sein könnte.

Drittens: Der dritte Mut ist der, an die Anrufbarkeit der Anderen zu glauben. Denn wenn er auch nicht für ‚andere‘ im strikten Sinne schreibt, überhaupt nicht ‚um zu‘, so müsste er doch verstummen, wäre nicht in ihm der Glaube an den Menschen, ohne den kein Wort geschrieben werden könnte. Noch im negativsten Gedicht ist dieser Glaube, dass das Wort ein Du erreicht. Dichtung setzt die Kommunikation voraus, die sie stiftet.

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Der Artikel ist auch im Brennstoff Nr. 56 erschienen.

 

 
 

 

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