#metoo

Ermächtigungen brauchen Macht­lose, denn wer schon Macht hat, braucht kei­ne Ermächtigung.

Seit 3 Mona­ten bringt #metoo Be­wegung in die Pro­mi-Szene: fast täglich erzählen Frauen – Schauspielerinnen, Politiker­in­nen usw. – über sexuelle Belästigungen und Gewalt. Einige wichtige oder be­deutende Männer mussten sich deswegen aus der Öf­fentlichkeit zurückziehen, bei an­deren steht eine Klage ins Haus. Bisher war es ein offenes Geheimnis, dass viele Frauen im Alltag wie selbstverständlich mit se­xuellen Anspielungen, Belästigun­gen und auch sexuell motivierter Gewalt zurecht kommen müssen. In einer durch patriarchale Machtan­sprüche dominierten Ge­sell­schaft steht #metoo für Selbst­ermächtigung: Frauen bestimmen selbst die Form ihrer Beziehungen zu Män­nern und sind nicht deren Belieben unterworfen.

#metoo steht für den Anspruch auf körperliche und seelische Integrität von Frauen und für die Gleich­berechtigung von Menschen überhaupt.

Der Hashtag wurde erstmals 2006 von der Aktivistin Tarana Burke verwendet, um auf sexuelle Gewalt ge­gen Mädchen aufmerksam zu machen. Ein junges Mäd­chen hatte Burke von den sexuellen Übergriffen ihres Stiefvaters erzählt. Burke war zunächst sprachlos: erst später wurde ihr klar, dass sie besser gesagt hätte: »me too«, ich auch.

Öffentlich wurde die Aktion zunächst so gut wie ignoriert. Doch nahmen immer wieder medial präsente Frauen das Thema auf. Die Sängerin Beyoncé etwa projizierte bei ihren Auftritten in großen Lettern »feminist« auf die Bühne. Die Stimmen mehrten sich, bis das Thema schließlich öffentlich wurde und die Über­griffe für die Täter Konsequenzen hatten.

Seite aus BRENNSTOFF 51
INSTALLATION Heri Dono (Indonesien)
TITEL Voyage – Trokomod (Ausschnitt)
FOTO Thomas Priebsch, Biennale, Venedig 2015
TEXT Quelle unbekannt
TYPO Moreau

Das Wort Selbstermächtigung suggeriert, dass sich ein Individuum, ein einzelner Mensch, auf die eigenen Mög­­lichkeiten und Ansprüche besinnt. Doch es sind viele Stimmen nötig, damit etwas in Bewegung kommt. Zustimmung und Aktivitäten, Bewusstseinsbildung, aber auch Ablehnung von anderen Teilen der Gesell­schaft sind notwendige Faktoren, um Selbster­mäch­ti­gung politisch wirksam werden zu lassen. Das zeigen die Anti-Apartheid-Bewegung in Südafrika, die Bür­gerrechtsbewegung in den USA oder die Aidsaktivisten (aktuell in dem Film »BMP 120« zu sehen).

Selbstermächtigung entsteht aus Mitgefühl und Soli­dari­tät und genauso aus Ärger und Ungenügen an der Situation, aus Schmerz über die Verletzung der persönlichen Integrität. So hat es Susanna in Mozarts »Figaros Hochzeit« (1786) satt, vom Grafen angemacht zu werden. Dies allerdings ist sein Recht als Feu­dalherr, denn das ius primae noctis gibt ihm das Recht, jede Frau unter seiner Herrschaft als erster zu beschlafen. Der Graf hat also nicht nur die Macht, sondern auch das Recht auf seiner Seite. Doch Susanna und Figaro inszenieren ein wohlausgeklügeltes Verwirr­spiel, an dessen Ende der Graf der Düpierte ist. #metoo ist die konsequente Fortführung.

»Empowerment«, Ermächtigung, ist als Wort viel jün­ger als der »Figaro«. In den 1970er Jahren sahen in den USA Sozialarbeiter das Potential der Menschen in den afroamerikanischen Ghettos. Doch die Gesellschaft ermutigte sie nicht, ihre Möglichkeiten zu nützen. Da­gegen stand »Empowerment«, sozusagen als Gegenteil der nicht nur in Österreich beliebten Maxime »Da kann man nix machen«, einer selbsterfüllenden Prophe­zeiung der Sonderklasse. Denn, »wenn man nichts ma­chen kann«, wird man nichts machen. Das gilt für’s eigene Leben (»Selbstermächtigung«) genauso wie für die Gesellschaft im Ganzen.

Folge deinem Herzen, auch wenn es dich vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt.WILHELM REICH, Rede an den kleinen Mann

Empowerment, Ermächtigung, ist jedoch nicht davor gefeit, zum trivialen Ego-Trip zu werden. »Shopping-Paradiese« aller Art z.B. machen das Erwerben von Konsumartikeln zu einem Akt nicht nur weiblicher Selbstermächtigung: »Verwirkliche mit X deine einmalige Individualität schöner und genussvoller (als deine Freunde)!« lautet der Kaufappell. Wenn (Selbst-) Ermächtigung sich auf das Individuum bezieht (und auch Gruppen können als Individuen fungieren) und wenn die Beziehungsgewebe, in denen sich unser Leben abspielt, ausgeblendet werden, dann liegt der Verdacht nahe, dass es sich um ein Ego-Projekt handelt. Das Kriterium ist einfach: »Trägt meine Hand­lung zu mehr Gerechtigkeit, Frieden und Liebe für alle bei?« Zum Beispiel beim Shoppen als einem Ausdruck »im­perialer Lebensweise« (Ulrich Brand) ist die Antwort ein klares »Nein«.

Wer die eigene Power, Vermögen und Handlungsmacht wahrnimmt, kann den nächsten Schritt tun – zur Kunst der Selbstverfeinerung oder Selbstkultivierung. Früher sagte man dazu »Herzensbildung«. Das klingt altmodisch, doch wie bei der Übung der »Achtsamkeit« geht es um die Verbindung des Beziehungsgewebes »Welt« mit dem eigenen Herzen. Dies immer tiefer zu realisieren, ist – wie gesagt – eine Kunst, deren Übung nicht endet.

 

Artikel dieser Ausgabe
EditorialHeini Staudinger

Ausgabe 51

2 Minuten

EssaiUrsula Baatz

#metoo

3 Minuten

EssaiHuhki Henri Quelcun

Null Toleranz für Selbstentmächtigung

4 Minuten

Short CutsGene Sharp

Die Fabel vom Affenmeister

2 Minuten

RedeMilo Rau

Die Rückeroberung der Zukunft

22 Minuten

InterviewHumberto Maturana und Bernhard Pörksen

Die Ohnmacht der Macht

9 Minuten

BuchrezensionAlexander Behr

Der »Seneca-Kollaps« unserer Gesellschaft

6 Minuten

BuchrezensionAlexander Behr

Wenn Entwicklungshilfe dem Grenzschutz dient

5 Minuten

Short CutsVirginia Satir

Mein Bekenntnis zur Selbstachtung

3 Minuten

Short CutsMarianne Williamson

Unsere tiefste Angst

1 Minute

GEA MAMAChristian Pomper

Wirtschaften geht jetzt auch gemeinsinnig

3 Minuten

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