Meine Vision ist die Literatur, die die Revolution hervorbringen wird | Anaïs Nin

Anaïs Nin:
Meine Vision ist die Literatur, die die Revolution hervorbringen wird

Große gesellschaftliche Veränderungen bedürfen der Vorarbeit auf vielen Ebenen, um die Ängste der Menschen zu überwinden. Auch der Vorarbeit durch die Literatur.  — Die weltberühmte Schriftstellerin Anaïs Nin (1903-1977) über die Aufgabe der Literatur, Menschen mit ihrer Freiheit und Selbstbestimmung vertraut und zukunftsfähig-gestalterisch zu machen:

»Jede Zelle der von ihren eigenen Schwächen gefesselten Seele muss dazu gebracht werden, zu atmen, zu berühren und in eine größere, weitere Welt zu gehen.«

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»Meine nächste Vision ist die Literatur, die die Revolution hervorbringen wird. Ich will sie definieren, ich will die Menschen in sie hineinführen, ich will den Weg weisen.

Ich weiß, was sie geistig sein sollte. Ich lasse mich nicht von der Massenliteratur, von den wartenden Massen oder von der Revolution selbst täuschen. Die Literatur, die sie hervorgebracht haben, ist Propaganda; wie alle schlechten Künstler sich zu sehr der Öffentlichkeit bewusst sind.

Dabei kommt es nur auf den wahren unbewussten Inhalt an oder die Natur; den direkten Ausdruck oder die Aufrichtigkeit; die Treue zum Ich, zur Natur im Ich, auf die Ausschaltung des Intellekts als leitende Motivation, das Beenden der Handlungsparalyse des Neurotikers.

Die Literatur, die mit den konventionellen Rahmen religiöser Dogmen bricht (aber sich mit Gott vereinigt), mit der herkömmlichen Form der Ehe (aber Liebe beschreibt, deren einer Aspekt oder Ausdruck die Ehe ist), die mit allen Konventionen bricht und der Natur Freiheit gewährt, – vermittelt die großen, sich über die herrschende Moral hinwegsetzenden kreativen Gesetze des Künstlers, – weckt in den Menschen die Selbstdisziplin, die dem Künstler innewohnt und durch ihn offenbar wird, – berührt in jedem das Ich, das nur, weil es schläft, den Sklaven und Märtyrer zuließ, – weckt eine neue psychologische Freiheit — das ist die Literatur von morgen.

Revolution ist nur eine symbolische Verbrennung von menschlichen Fesseln. Aber der Künstler muss die Feinarbeit tun, das Uhrwerk richten, damit sich die Seele auf die Revolution draußen einstellt, oder sie wird eine Geste bleiben.

Der Schriftsteller muss auf geheimnisvollen Sprachwegen helfen, das zu formulieren und wachzurütteln, was die Kämpfer für eine humanere Welt und die Mystiker mit Feuer und Blut an den Himmel geschrieben haben. Jede Zelle der von ihren eigenen Schwächen gefesselten Seele muss dazu gebracht werden, zu atmen, zu berühren und in eine größere, weitere Welt zu gehen.

Ein Mensch, der gefesselt war und befreit wurde, ist immer noch voller Ängste. Nur das Wort wird seine Seele von der Angst befreien. Seine Ketten sind sichtbar zerbrochen, aber es ist der Künstler, der die neuen Horizonte öffnen muss, das Land skizzieren, das dieser Mensch noch nie sah, er muß ihm die Augen öffnen für die neue Weite, die ihn umgibt, und für die Möglichkeiten einer neuen Welt.

Wenn auch die Literatur die Fesseln von Unterdrückung und Heuchelei sprengt, von Ängsten und Tabus, wird er mit einer Welt verschmelzen, die seine Erweiterung nicht blockiert, seine Träume nicht bei jedem Schritt vereitelt.

Der Dichter darf nicht das Zerbrechen der realen Ketten ausdrücken oder die Taten der Revolution, sondern er muss die Vision herstellen, die dem Menschen die Kraft gibt, aus seinen Ängsten herauszukommen.

Die Revolution in der Wirklichkeit muss mit den Menschen gemacht werden, die sich mit konkreten Dingen befassen. Der Künstler muss das Unsichtbare nähren und erzeugen, aber nicht mit der Sprache der Propagande, nicht mit denselben Elementen der Wirklichkeit.

Anders gesagt, der Geist verlangt seine eigene Nahrung. Sein Hunger war nie mit einer Sprache der Wissenschaft, der Fabrik, des Büros zu stillen, und auch nicht mit der der Intellektuellen.«

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(Textauswahl: Andreas Wagner
aus: Anaïs Nin: Nächte unterm Venusmond, Fischer 2013)

 

 

Artikelfoto: Forisana / istock-photo

 

 

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