„Maximaler Schaden für eine Handvoll Euro“. Die Legende vom Nutzen der Industrielandwirtschaft | von Michael Schrödl

„Maximaler Schaden für eine Handvoll Euro“.
Die falsche Legende vom Nutzen der Industrielandwirtschaft

von Michael Schrödl (Universität München)

Ein Schelm, wer sich unser industrielles Landwirtschaftssystem ausgedacht hat. Ein noch größerer Komiker, wer es am Laufen hält und uns weismacht, es ginge nicht anders. Aber überlegen Sie selbst:

Monokulturen, Energiepflanzen, Massentierhaltung: Die industrielle Landwirtschaft ist Artenkiller Nummer eins, und Klimakiller Nummer zwei (hinter der Energiewirtschaft), zerstört, vergiftet und plündert riesige Flächen, sorgt für unendliches Tierleid und ist alles andere als nachhaltig – ein Auslaufmodell, das verbrannte Erde hinterlässt, sich selbst und alles Leben auffrisst. Wozu das alles? Für richtig viel Geld, oder?

Was meinen Sie, wie hoch ist der Gesamtertrag der deutschen Landwirtschaft pro Jahr? Billionen? Hunderte Milliarden? Müssen doch gigantische Summen sein, sonst würde man diese ganzen 
Kollateralschäden doch nicht in Kauf nehmen.

Hätte ich auch gedacht, stimmt aber nicht: Die Produktion an Pflanz und Tier erreicht nur etwa 50 Milliarden Euro Marktwert, im Jahr, also rund ein Prozent des bundesdeutschen BIPs. Nach Abzug der Kosten bleibt wenig übrig: Für nur 17,4 Milliarden Euro Brutto-WertSchöpfung in der gesamten deutschen Landwirtschaft (in der Saison 2014/15) quälen wir Hunderte Millionen Masttiere und ruinierenfast die Hälfte der Fläche der Republik! Mit gravierenden Auswirkungen darüber hinaus, über verseuchtes Grundwasser, überdüngte und verschlammte Gewässer und Pestizidstäube. Dafür gibt’s billige Lebensmittel beim Discounter. Ja, noch.

Doch für einen Teil der Umweltkosten unserer Industrielandwirtschaft müssen wir jetzt schon bezahlen: Die Nitratbelastung des Trinkwassers kostet uns zehn Milliarden Euro pro Jahr, zahlbar über die Wasserrechnung. Für die Verseuchung von Luft, Böden und Gewässern mit multiresistenten Keimen zahlen wir weitere Milliarden Euro pro Jahr an Beiträgen zur Krankenkasse – und viel zu viele Menschen sterben an vermeidbaren Infektionen. Was kosten Erosion, Überschwemmungen, Klimagase? Was kosten das Insektensterben, eine verschwundene Art, Hunderte ausgestorbener Arten? Und so weiter und sofort. Unser Landwirtschaftssystem ist also schon jetzt ein übles Minusgeschäft – für Sie und mich … für die ganze Weltl

Profiteure sind wenige Großbetriebe, die agrochemische Industrie und die großen Schlachthöfe und Lebensmittelverarbeiter wie Fleischfabriken und Molkereien. Zu guter Letzt finanzieren wir alle die Subventionen der Landwirtschaft über Steuergelder, knapp 60 Milliarden Euro in der EU – pro Jahr. Das große Geld, etwa 85 Prozent, wird »in der ersten Förderungssäule« rein nach Fläche verteilt, ohne jegliche Umweltauflagen oder soziale Aspekte; etwa 20 Prozent der Bauern in Deutschland, die mit den intensiven Großbetrieben, erhalten 80 Prozent der Subventionen. Einigermaßen rücksichtsvoll mit der Natur umgehende Kleinbauern bleiben auf der Strecke, nicht nur die Landschaften, auch die Dörfer veröden und verarmen.

Wie man das alles ändern könnte? Nur noch Natur- und Tierfreundlichkeit subventionieren, Bauern bei der Umstellung auf Bio helfen, Raubbau besteuern und bestrafen und damit Bio-Produkte verbilligen. Und ja, wir könnten ausschließlich mit Bio ganz Deutschland und auch den Rest der Welt ernähren, nachhaltig, gesund und langfristig, sparen nebenher Dünger und Pestizide, reduzieren den Ressourcenraubbau und geben Kleinbauern überall eine auskömmliche Zukunft. Maximaler Nutzen für uns alle, ohne einen zusätzlichen Euro, aber mit reicher Dividende für Naturschutz und nachhaltiger Lebensqualität.

Bei diesem Thema fallen mir immer die guten alten Römer ein, die so gern Wein aus Bleigefäßen tranken, weil das dann schön süßlich-metallisch schmeckte… Bleiacetat, saumäßig giftig! Weiß doch heutzutage jeder. Die spinnen, die Römer!

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Buchauszug aus:
Michael Schrödl: Unsere Natur stirbt. Komplett-Media Verlag 2018.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Artikelfoto: Fotocostic / istock-photo

 

 

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