Jeremias – Propheten des Lebendigen | von Ursula Baatz

Jeremias
Propheten des Lebendigen

von Ursula Baatz

 

Wenn jemand vor zwanzig oder vor fünfzehn oder sogar noch vor fünf Jahren gesagt hätte, dass ein Viertel von Australien – darunter grünende, wasserreiche Siedlungen – von Buschbränden heimgesucht und zerstört würde, dann hätte man diesen Menschen „Unglückspropheten“ genannt, vor allem dann, wenn sie oder er auf die Veränderung des planetaren Klimas durch menschliche Aktivitäten hingewiesen hätte. Dass diese Aktivitäten den globalen Klima-Rhythmus von Abkühlen und Erwärmen aus dem Gleichgewicht kippen würden, hatten Wissenschaftler bereits 1979 in einer Petition an den damaligen Präsidenten der USA, Jimmy Carter, festgehalten. Diese Petition war prophetisch, denn diese Wissenschaftler zogen aus kleinen Anzeichen ihrer damaligen Gegenwart Schlüsse auf zukünftige Entwicklungen, deren Zeugen wir heute sind, ein halbes Jahrhundert später.

Tatsache ist,
dass die Menschheit den einzigen Planeten, den sie hat, durch ihre profitorientierte Produktionsweise zerstört und dieser in naher Zukunft unbewohnbar wird.

Tatsache ist,
dass unter den Machteliten, Geheimdiensten und Militärs weltweit keinerlei Zweifel hieran besteht und diese sich bereits darauf vorbereiten, ihr Überleben gegen das
der 99 Prozent zu verteidigen.

Tatsache ist,
dass der Kampf um die wenigen Tickets auf der neuen Arche längst begonnen hat und daher gilt, was der Pulizer-Preiträger Chris Hedges auf den Punkt brachte,
als er schrieb: „Den Planeten zu retten heißt
die herrschenden Eliten zu stürzen.“

Texte aus: Rainer Mausfeld „Die neue Arche“, in: Die Öko-Katastrophe, hgg. von Jens Wernicke u. Dirk Pohlmann

Bibelkundige würden diese Wissenschaftler vielleicht mit den großen Propheten der hebräischen Bibel vergleichen, zum Beispiel mit Jeremias, der im 7. Jh. v. Chr. die Menschen in Israel warnt, dass ihr ungerechtes Verhalten – „Götzendienst“ heißt es in der Bibel – zur Zerstörung Jerusalems durch einen Angreifer aus dem Norden führen würde. Tatsächlich wird Jerusalem 587 v. Chr. durch die Babylonier unter König Nebukadnezar zerstört, so dass kein Stein auf dem anderen bleibt, und die Überlebenden werden als Kriegsgefangene zur Sklavenarbeit nach Babylon gebracht.

Klagelieder, die dem Jeremias zugeschrieben werden, schildern die furchtbare Zerstörung in einer existentiellen Sprache, die bis heute nicht an Wirkung verloren hat. Die Stadt ist zerstört, die Menschen hungern, und schlimmer: „Dass man alle Gefangene des Landes unter seinen Füßen zertritt, dass man das Recht eines Menschen beugt vor dem Angesicht des Höchsten, dass man einen Menschen irreführt in seinem Rechtsstreit – sollte es der Höchste nicht sehen? …. Gram und Grube sind uns zuteil geworden, Untergang und Zusammenbruch … ich sagte mir: ich bin vom Leben abgeschnitten. Da rief ich Deinen Namen an, Gott, aus der Grube tief unten. Du hast meine Stimme gehört … du sprachst: fürchte Dich nicht!“ (Klgl. 3, 34-37, 55-57). Die „Klagelieder“ gehören bis heute zum essentiellen Gebetsschatz in Judentum und Christentum. Auch die islamische Überlieferung nennt Jeremias als Propheten. Komponisten haben die „Klagelieder“ vertont, Maler und Dichter – z.B. Michelangelo oder Stefan Zweig – die Gestalt des Jeremias dargestellt.

Die Propheten und Prophetinnen (natürlich gab es auch Frauen!) in der hebräischen Bibel sagten nicht die Zukunft voraus, sondern schlossen aus den Anzeichen ihrer Gegenwart auf zukünftige Entwicklungen. Das können weise Menschen in allen Kulturen und zu allen Zeiten. Was Propheten wie Jeremias von ihnen unterscheidet, ist, dass sie am liebsten im Verborgenen geblieben wären. Doch sie nahmen den Auftrag, öffentlich aufzutreten, an. Prophet ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Sie sprechen nicht aus eigenem, sondern Gott ist es, der den Auftrag gibt.

Jeremias wird wegen seiner öffentlichen Mahn- und Klagereden verprügelt und ins Gefängnis gesteckt. Doch er kann nicht schweigen: die Worte, die Botschaft Gottes brennt in seinem Inneren wie Feuer. Den Propheten geht es um Gerechtigkeit: der Gott der Bibel steht auf der Seite der Armen, der Niedrigen und Hilflosen und wendet sich gegen die Unterdrücker. Auch wollen die Propheten den Niedergeschlagenen und Verzweifelten Mut machen – Mut, zurück zum Leben in seiner Fülle zu finden, Mut, neu anzufangen. Einer der Namen Gottes ist „LEBENDIGE/R“. Gottes Barmherzigkeit ist lebensstiftend – im Hebräischen wird das sehr deutlich, denn das hebräische Wort für Barmherzigkeit ist „rachamin“, die Mehrzahl von „rechem“, Gebärmutter. So wird Gott auch im Koran am Beginn nahezu jeder Sure angerufen: „bismillah irachman irahim“.

Katastrophen sind – so sagt die Bibel – die Folge, wenn Menschen das LEBEN, den Zusammenhang des LEBENDIGEN vergessen und Götzendienst vorziehen. Das global gestörte Gleichgewicht, das die Klimakrise zur Folge hat, ist das Ergebnis einer allgemeinen, aber auch subkutanen persönlichen Orientierung an Profitsteigerung. Die Feuer in Australien und Kalifornien, die Plastikverseuchung der Nahrungskette, das Artensterben sind so gesehen die Folge von Götzendienst.

Weltweit sind laut UNO-Bericht zur Artenvielfalt rund eine Million Arten vom Aussterben bedroht. ln Europa z.B. sind in den letzten vierzig Jahren 300 Millionen Brutpaare von Singvögeln verschwunden, das entspricht 57% der Vogelpopulation. Die industrielle Landwirtschaft zerstört ihre Lebensgrundlage. Vögel nähren sich von Insekten, von kleinen und größeren Mücken, die in der Sonne tanzen, von Würmern, kleinen und größeren Käfern. Zwischen 1987 und 2017 hat die Insektenbevölkerung in Deutschland um 75% abgenommen – heute ist nur noch ein Viertel der Insekten von vor dreißig Jahren unterwegs. Irgendwann werden wir in einem „Stummen Frühling“ (Rachel Carsons warnte davor bereits 1962) aufwachen und klagen.

» Ach, wie verzweifelt sind jetzt die Menschen, die einst in so dichtem Grün lebten! Wo sind Bienen und Käfer, Schmetterlinge und Ameisen? Das bunte Vögelvolk?

Die Menschen sind zu Waisen geworden, sie, die sich als Fürsten dünkten über Erde und Lebewesen, müssen nun um ihr Leben bangen. Sie sind wie Tiere, die keine Weide mehr finden und kraftlos dahinsiechen.

Tränen laufen ihnen übers Gesicht, während sie vergeblich nach dem Schatten der Bäume suchen, nach dem Duft von Gras und dem sanften Rieseln der lebensspendenden Bäche. Der Hochmut der Menschen hat die Erde zerstört, sie sind sich selbst zum Widersacher geworden. Sie haben ihr Ende nicht bedacht und ihren Anfang vergessen. Schrecklich heruntergekommen gibt es keinen Trost mehr für sie. Wurzellos sind sie geworden.

Sie seufzen auf der Suche nach Brot; sie würden ihre Kostbarkeiten um Nahrung geben, um sich nur am Leben zu erhalten. Doch das Leben hat sich zurückgezogen. Die Felder – unfruchtbare Brachen, die Wälder – verbrannt und zerstört. « (Nach Klgl 1)

Doch wie Jeremias sagt, es besteht Hoffnung, wenn Menschen – ich, Sie, wer immer – sich aufs LEBEN besinnen und – ein Beispiel – einen Baum pflanzen und pflegen.

*****

 

 

Artikelfoto: Filmstill aus Milo Rau „Orest in Mossul“
© Milo Rau / NTGent

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