Ins neue „WIR“ – Gerald Hüther

Ins neue „WIR“ – Gerald Hüther

In seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“
verkündet der bekannte Hirnforscher Gerald Hüther
den Beginn einer neuen Zeit und einer neuen Wir-Gemeinschaft

von Andreas Wagner (Brennstoff)

Ein neues Zeitalter hat begonnen, unser Aufbruch dorthin. So Gerald Hüther in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“. Denn ein neues »Wir« ist im Entstehen; und unser altes »Wir« im Begriff, sich aufzulösen.

Zunächst im geografisch-kulturellen Sinn: Durch die Wirtschaft und die Entdeckerfreude der Jugend ist inzwischen ein grenzenloser weltweiter Kulturaustausch in Gang gekommen, den keine Generation vor uns noch kannte. Endete das »Wir« unserer Urgroßeltern noch an der Grenze der Nation oder gar des eigenen Dorfs, so treten wir heute in das neue »Wir« einer Weltgemeinschaft.

Mit zwei Effekten: Unsere bisherigen Formen der Gemeinschaft, des »Wir« (Familie, Vereine, Parteien, Nation), verlieren an Kontur und Bindekraft. Zugleich aber: „Hirntechnisch sind solche Auflösungs- und Destabilisierungsprozesse bisheriger Vorstellungen und Überzeugungen eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass man etwas Neues denken, etwas bisher nicht Gesehenes sehen und etwas bisher nicht Verstandenes verstehen kann.“

Die Erosion des alten »Wir« ist unaufhaltsam; ein Prozess, den niemand angeordnet hat. Doch auf seiner anderen Seite erstrahlt neues Morgenlicht: „Es ist jetzt endlich auch die Zeit gekommen, in der wir anfangen, zu entdecken, wer wir eigentlich sind.“ Und was „uns wirklich im Inneren der Gemeinschaft zusammenhält“.

Die Besonderheit des Gehirns

Was sind wir? Als heute wohl bekanntester deutscher Hirnforscher stellt Gerald Hüther fest: Es sind nicht die biologischen Gene, die unsere Intelligenz als Individuen bestimmen. Denn „seit mindestens 100.000 Jahren, seit es uns Menschen als eigene Art, als Homo sapiens gibt, hat sich an unseren genetischen Anlagen nichts mehr verändert“. Das „Human Genome Project“ (1990-2004) erwies sich als Flop, insofern keine Gene für menschliche Intelligenz gefunden wurden.

Vielmehr ist es das Gehirn des homo sapiens als solches, das Intelligenz ermöglicht. Zweierlei findet sich nur beim Menschen: das ausgeprägte Frontalhirn und eine überaus stark verlangsamte Organreifung in der Embryonalentwicklung. Letzteres bewirkt, dass das menschliche Gehirn zeitlebens „offen“, prägbar und veränderbar bleibt („plastisch“). Während es aber, genetisch gesehen, dasselbe ist wie vor 100.000 Jahren.

Von Geburt an (und schon vorgeburtlich) tragen unsere Sinnesorgane Erregungsmuster in unser Gehirn, die dort (samt Reaktionsmustern) als neuronale, synaptische Verknüpfungen und Netzwerke und als „innere Bilder“ eingespeichert werden. Mit ihrer Hilfe steuert unser Gehirn, was zur Bewältigung von Aufgaben in unserer Lebenswelt gebraucht wird.

Das vergeudete Potenzial

Von Anfang an lernt ein Kind von anderen Menschen in einer menschlichen Gemeinschaft (Eltern, Familie, Schule usw.). Diese prägt das Gehirn des Kindes. Nicht nur Angst oder Belohnung, sondern v.a. das sog. „Resonanz- oder Imitiationslernen“ (Nachahmung) spielt hierbei zumeist die größte Rolle. Ein Kind lernt so nicht nur Vordergründiges, sondern übernimmt auch tiefere Emotionen und Wertungen, die hinter Äußerem verborgen liegen.

Da ein Kind alles, was es lernt, von Menschen lernt, „entscheidet“ die Gemeinschaft, in der es aufwächst, was es lernt; d.h. wie und wofür es sein Gehirn nutzt. Seine „inneren Bilder“ im Gehirn verfestigen sich dabei zu einer neuronalen Architektur.

Das große Problem dabei: Die Potenziale unserer Gehirne werden bei Weitem nicht ausgeschöpft. Selbst in der westlichen Welt ist es so: „Noch heute sind die meisten Menschen auf der Erde gezwungen, ihr Gehirn zeitlebens auf eine sehr einseitige Weise zu nutzen.“ Das „gilt auch für all jene“, die ihr Leben lang nur eine einzige, eingefahrene Strategie zur Bewältigung ihrer Ängste und ihres Zusammenlebens eingeübt haben. Diese „alten eingefahrenen Verschaltungsmuster im Gehirn scheitern meist kläglich“, sobald ganz neue Herausforderungen auf uns zukommen.

Die Krise unserer Zeit

Wir fühlen uns heute inmitten einer Krise. „Irgend etwas stimmt nicht. Irgendwie sind wir mit unserer Suche nach einem besseren Leben in eine Sackgasse geraten“, beschreibt dies Hüther. Wir sind nicht glücklich. Uns fehlt die Einheit von Denken und Fühlen. Im Blick auf die begrenzten Ressourcen unserer Welt, auf Klimawandel und Naturzerstörung, erleben wir, dass unser altes »Wir« in einer tiefen Krise steckt. „So kann es nicht mehr weitergehen!“, empfinden viele.

Was an seine Grenzen stößt, so Hüther, ist aber nur unsere rücksichtslose „Ressourcenausnutzerkultur“, die sich über Generationen in unseren Gehirnen verfestigt hat. Ihre Maxime: Wachstum, Wettbewerb und noch mehr Effizienz. Der Leistungsdruck auf uns steigt ins Unermessliche.

Mit dieser Maxime folgen wir einem „eingefahrenen Denkprogramm“ unseres Gehirns, das jedoch keine Lösung für unsere Probleme bringen kann. Denn noch mehr Wettbewerb, Effizienz und Leistung kann nur durch noch mehr Wettbewerb, Leistung und Effizienz überboten werden. „Das Bild des Hamsterrades“, so Hüther, „beschreibt am anschaulichsten den Zustand, der das Lebensgefühl in unserer gegenwärtigen Leistungsgesellschaft prägt.“ Zwar schaffen es manche, „all das nun sogar noch besser, noch effektiver, noch rücksichtsloser und noch gedankenloser umzusetzen“. Aber unser »Wir«, die soziale Gemeinschaft, wird eben dadurch immer weiter zerstört. Und, so Hüther, unser menschliches Gehirn verkommt dabei vollends zur „Kümmerversion“.

Der Sinn des Lebens

Hüther zitiert Albert Einstein und Albert Schweitzer, um den Ausweg anzuzeigen: „Die Probleme dieser Welt lassen sich nicht mit den gleichen Denkweisen lösen, die sie erzeugt haben.“ (A. Einstein) Es muss also ein Wechsel in unseren Denkweisen erfolgen, ein fundamentaler Kulturwandel.

Die Ergebnisse der modernen Hirnforschung sagen uns, wie dieser Wandel aussehen muss. Denn das menschliche Gehirn, so Hüther, ist biologisch auf zwei Pole und Grundbedürfnisse hin angelegt: „Bereits vorgeburtlich haben wir die so entscheidende Erfahrung gemacht, dass es möglich ist, gleichzeitig eng verbunden mit jemandem zu sein und über sich hinauswachsen zu können.“ Daher hat jeder Mensch „ein angeborenes Erkundungsbedürfnis und ein ebenso starkes Bindungsbedürfnis“. Das heißt: Neugier und Entdeckerfreude einerseits sowie Geborgenheit und Nähe andererseits sind die großen Triebkräfte des Menschen, die uns glücklich machen. Beides zusammen lässt unser Potenzial wachsen, unsere Problemlösungsfähigkeit, und damit unsere Lebensfreude.

Und deshalb entsteht allerorts ein neues »WIR«, bildet sich überall ein neuer „Sinn des Lebens“, bilden sich überall neue Ideen und Formen gemeinschaftlichen Lebens ohne Wettbewerb, im Einklang mit der Natur und weltgemeinschaftlich orientiert. Es ist das menschliche Gehirn, das dabei seine eigentliche Natur aktiviert: die Lust am Lernen, die Entdeckerfreude, die Lust an menschlicher Potenzialentfaltung in Gemeinschaft. Dies nennt Hüther die „Potenzialentfaltungskultur“, die die „Ressourcenausnutzerkultur“ abzulösen beginnt. Diese „Potenzialentfaltungskultur“ ist, so Hüther, das neue »WIR«, zugleich unsere Zukunft – und unsere einzige Chance für die Zukunft.

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Artikelfoto: © GEA

 

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