In solchen Stunden wuchs ich wie das Korn der Nacht – H.D. Thoreau

In solchen Stunden wuchs ich wie das Korn der Nacht

Henry David Thoreau: ‚Walden‘ or, Life in the Woods (1854)

Im ersten Sommer las ich keine Bücher; ich pflanzte Bohnen. Nein, oft tat ich noch etwas Besseres. Es gab Zeiten, in denen ich mich nicht entschließen konnte, die Blüte des Augenblicks irgendwelcher Arbeit des Kopfes oder der Hände zu opfern. Ich lasse gern einen breiten Rand an meinem Leben. An manchem Sommermorgen saß ich, nachdem ich mein gewohntes Bad genommen hatte, von Sonnenaufgang bis Mittag in Träumerei versunken, auf meiner sonnenbeschienenen Türschwelle zwisehen Fichten, Walnußbäumen und Sumach in ungestörter Einsamkeit und Stille, während die Vögel ringsumher sangen oder leise durch das Haus flatterten, bis ich durch die an das westliche Fenster fallenden Sonnenstrahlen oder durch Wagengerassel auf der Landstraße daran erinnert wurde, daß die Zeit vergeht.

In solchen Stunden wuchs ich wie das Korn in der Nacht; sie waren viel besser, als irgendwelches Werk meiner Hände gewesen wäre. Es war keine meinem Leben abgezogene, sondern um soviel dreingegebene Zeit. Ich verwirklichte das, was die Orientalen Beschaulichkeit und Arbeitsenthaltsamkeit nennen. Meistens kümmerte ich mich nicht darum, wie die Stunden verflogen. Der Tag stieg empor, als ob er mein Werk beleuchten wolle. Es war Morgen, aber siehe, nun ist es Abend geworden, und nichts Berichtenswertes ward getan. Statt zu singen wie die Vögel, freue ich mich stillvergnügt meines dauernden Glückes. Wie der Sperling, der auf dem Nußbaum vor meiner Tür sitzt, seinen Triller, so hatte ich mein Lachen, mein innerliches Lied, das er aus meinem Neste erklingen hören konnte.

Meine Tage waren keine Wochentage, die den Stempel irgendeiner heidnischen Gottheit trugen, noch waren sie in Stunden zerhackt oder durch das Ticken einer Uhr zernagt, sondern ich lebte wie die Puri-Indianer, von denen es heißt, daß sie »für gestern, heute und morgen nur ein Wort besitzen und den Unterschied in der Bedeutung ausdrücken, indem sie für gestern  rückwärts, für morgen vorwärts und für heute über den Kopf nach oben deuten«. Das erschien zweifellos meinen Mitbürgern als pure Faulheit; hätten mich aber die Vögel und Blumen nach ihrem Maß gemessen, so wäre ich nicht zu gering befunden worden. Es ist wahr, der Mensch muß in sich selbst den Antrieb finden. Der natürliche Tag ist ruhig genug; er wird ihm kaum ob seiner Trägheit Vorwürfe machen.

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