In mir berühren sich die Zeiten wie ein aufgerolltes Seil … | Eike Gallwitz

Eike Gallwitz
In mir berühren sich die Zeiten wie ein aufgerolltes Seil …

»Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass nichts geschieht. Denn alles ist schon geschehn.«

»Ich bin immer alt gewesen, sagte er, aber ich könnte auch sagen: alterslos. In mir berühren sich die Zeiten, wie ein aufgerolltes Seil sich immer wieder selbst berührt.

Es begann mit sieben Jahren. Wir bewohnten damals ein altes Häuslerhaus in der Gegend von … Die Erde war schon gefährdet, aber sie kannte noch magische Weiten.

Eines Morgens lief ich zum Teich, eine blutige Schweinsblase auszuwaschen, denn der Bauer nebenan hatte geschlachtet. Ich wollte sie zum Spielen benutzen. Eines der seltenen Morgengewitter war niedergegangen und der Bauer hatte geflucht, dass es ihm seine Wurst verderbe. Ich verstand ihn nicht und rannte mit meiner Beute über das nasse Gras der angrenzenden Koppel.

Die schwarze Wand des Gewitters stand noch über dem jenseitigen Hochwald, doch schon zeigte sich an ihrem Rand ein leuchtender Streifen reinen Goldes. Eben als ich am Teich anlangte, brach die Sonne durch.

Da sah ich den Reiher. Er war so groß wie ich selbst und er bewegte sich nicht. Der ganze gewaltige Raum des Himmels schien sich um ihn als geheimen Mittelpunkt zu ordnen, und er stand da in majestätischer Einsamkeit. Sein graues Gefieder glänzte im Licht.

Ich stand still und der Reiher stand still. Irgendwann flog er fort, als sauge er das Licht in sein Gefieder und ließe sich von ihm emporheben …

Sehen Sie, alles danach: die Stürme, die Frauen, die Städte und Nächte – ich bewegte mich in ihnen lose und leicht; aber heute will es mir scheinen, als bewegten sie sich durch mich hindurch. Ich habe lange gebraucht, um zu begreifen, dass nichts geschieht. Denn alles ist schon geschehn. Und jetzt lassen Sie mich bitte gehn.«

*****

(Textauswahl: Andreas Wagner
Text: Eike Gallwitz: Im Café)

 

Artikelfoto: Zuberka / istock-photo

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