In der Vielfalt dieser unvorstellbaren Blüten dort liebe ich dich … | André Breton: L’Amour fou

André Breton: »L’Amour fou«
In der Vielfalt dieser unvorstellbaren Blüten dort liebe ich dich …

»Auf Zehenspitzen wird, über der ländlichen Blumenuhr, der Tod seine Kreise ziehen, die Stunden zu singen, die nicht vorübergehen.«

»Seit dem ersten Tag hat meine Liebe zu dir nicht aufgehört zu wachsen. Unter dem Feigenbaum zittert und lacht sie im Funkengestiebe all ihrer täglichen Schmieden. Weil du einzig bist, kannst du nicht anders als allezeit eine andere, immer ein anderes Du selbst  für mich sein. In der Vielfalt dieser unvorstellbaren Blüten dort liebe ich dich, die Veränderliche, im roten Hemd, nackt, im grauen Hemd.

Durch die Liebe wird die Welt wiederum erschaffen in einem einzigen Wesen, unaufhörlich erneuert mit all ihren Farben, und mit tausend Strahlen erhellt sie den künftigen Gang der Erde. Jedesmal, wenn ein Mensch liebt, kann nichts verhindern, dass nicht durch ihn hindurch Gefühl und Empfindung aller Menschen beteiligt sind.

Wie könnte man dem Zauber eines Gartens wie diesem widerstehen, wo alle schicksalhaften Bäume sich ein Stelldichein gaben? An diesem Ort zerfallen nach Herzenslust die großen moralischen Bauwerke und alle übrigen Konstruktionen der Erwachsenen, die auf die Verherrlichung der Anstrengung, der Arbeit gegründet sind.

Wenn ich aus dieser leidenschaftlichen Landschaft, die eines nahen Tages mit dem Meer entweichen wird, nur dich mit mir nehmen soll aus den Phantasmagorien des grünen Schaumes, so wird es mir gelingen, diese Musik um unsere Schritte wieder erklingen zu lassen. Diese Schritte wandern endlos die Wiese entlang, die Wiese, die wir wieder durchschreiten werden, die Zauberwiese, die das Reich des Feigenbaums umschließt.

Ich finde keinen Schatz in mir als den Schlüssel, der mir diese grenzenlose Wiese erschließt, seit ich dich kenne. Auf Zehenspitzen wird, über der ländlichen Blumenuhr, schön wie mein Leichenstein, der Tod seine Kreise ziehen, dort die Stunden zu singen, die nicht vorübergehen.

Denn eine Frau und ein Mann, die bis ans Ende der Zeiten du und ich sein sollen, werden, ohne je sich umzuwenden, im schrägen Schimmer an den Grenzen des Lebens und der Vergangenheit alles Lebens pfadlos wandern.

Man wird mit der Empfindung der Liebe niemals fertig werden. Eines Tages wird es sich erweisen, dass alle rationalistischen Systeme in dem Maße nicht zu retten sind, als sie versuchen, die Empfindung der Liebe, wenn auch nicht völlig auszuschalten, so doch zumindest in ihren angeblichen Übertreibungen nicht zu berücksichtigen. Diese Übertreibungen aber sind fraglos das, was den Dichter im höchsten Grade angeht.«

*****

(Textauswahl & Redaktion: Andreas Wagner (Brennstoff)
aus: André Breton: L’Amour fou (Die verrückte Liebe). Suhrkamp)

 

Artikelfoto: Louis-Michel Desert / istock-photo

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