Ich wurde mehr und mehr zu einem zerrissenen Typen … (Peter Turrini)

Ich wurde mehr und mehr zu einem
Zerrissenen Typen
die eine erfolgreiche Berufspraxis hinlegen,
aber jeden Tag mehr und mehr ihre Träume verraten.

Herbert Lackner, ZWEI LEBENSWEGE –
EINE DEBATTE, Peter Turrini & Erwin Pröll

 

Peter Turrini: Ich war einer von diesen zerrissenen Typen. Ich habe mich in diese Frau verliebt, ich war ihr ja dankbar, dass sie so einen Landknödel wie mich genommen hat. Sie hatte einen schweren Autounfall und ich musste viel Geld verdienen. Es musste eine kosmetische Operation gemacht werden, sie war ja Schauspielerin. Ich bin in die Werbung gegangen, zur amerikanischen Agentur J. Walter Thompson in Frankfurt. Ich wurde dort zum Werbetexter ausgebildet und habe für verschiedene Firmen gearbeitet. Für Humanic zum Beispiel. Und ich habe viel Geld verdient.

Herbert Lackner: Warum sind Sie nicht Werbetexter geblieben?

Peter Turrini: Ich wurde mehr und mehr zu einem dieser zerrissenen Typen, die eine erfolgreiche Berufspraxis hinlegen, aber jeden Tag mehr und mehr ihre Träume verraten.

Im Unterschied zu Erwin ist diese 68er-Bewegung überhaupt nicht an mir vorbeigegangen, sondern hat mich ins Zentrum der Ereignisse gerissen. Ich habe in Neuwied am Rhein den Sohn eines Apothekers kennen-gelernt und bin mit ihm immer wieder zu Demonstrationen nach Berlin gefahren. Im Hause Lampersberg* gab es sowas wie meine literarische Erweckung, in Berlin meine politische. In Wahrheit hatte sich ein Berg von uneingelösten Sehnsüchten in mir derart angehäuft, dass ich das Schreien bei Demonstrationen, auch mein eigenes Schreien, wie eine Befreiung empfunden habe. Damit diese verschluckte und aufgestaute Luft endlich aus mir herauskam. Auch die Gewalt der Polizei gegen Studenten habe ich erlebt, aber als die Studenten ihrerseits Gewalt einsetzten und Einzelne die Tötung von Menschen mit einkalkulierten, habe ich mich davongemacht.

Herbert Lackner: Die Rote Armee Fraktion, RAF genannt.

Peter Turrini: Ich bin zu jeder verbalen Äußerung fähig, in welcher Lautstärke auch immer, aber ich fürchte mich vor Gewalt. Reden und Streiten, das ist mein Metier, aber jenseits davon, im Schweigen, da beginnt die Gewalt. Das war schon im Dorf meiner Kindheit so. Und die RAF war nicht ganz unähnlich. Erst wurde diskutiert, dann wurde geschrien und dann wurde Gewalt angewendet. Zuerst gegen Sachen und dann gegen Menschen. Ich hänge am Wort, an der Sprache und fürchte mich vor der Sprachlosigkeit.

Ich habe auf meinen monatelangen Reisen festgestellt, dass die Funktionäre dieser Welt – vom Bauernbund bis zu kommunistischen Amtsträgern eine gefährliche Ähnlichkeit haben. Sie diskutieren nicht und haben die Macht, recht zu haben. Sie haben das letzte Wort und laufen dabei Gefahr, dass es das dümmste ist. Ich habe in dieser Zeit begriffen, dass wir um die Wahrheit, auch um die politische, immer neu streiten müssen. Ich bin für jede Form von leidenschaftlicher Auseinandersetzung, aber ich verabscheue Rechthaberei, vor allem, wenn sie mit Macht verbunden ist.

Da ist eine Generation ans Ruder gekommen, die historisch ziemlich ungebildet ist und sozial erkaltet. Die halten Reichtum für eine Qualifikation und arbeitende Menschen für Nutztiere, die man zwölf Stunden an die Kandare nehmen muss. Und ihr Koalitionspartner, die FPÖ, ist gerade dabei, Stacheldraht und Ausgangssperren für Immigranten einzurichten. Wo soll das enden?

*****

*das Haus Lampersdorf war der Thonhof in Maria Saal in Kärnten;
ein begnadeter Künstlertreffpunkt.

 

Artikelfoto: Buchcover Herbert Lackner: Zwei Lebenswege (Ausschnitt)

 

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