„Ich will nichts weiter sein als die Zeder vor deinem Haus“ | Liebeslieder von Ivan Goll

 

„Ich will nichts weiter sein
als die Zeder vor deinem Haus“

Aus den „Malaiischen Liebesliedern“ von Ivan Goll

_____

 

Das zarte Schilf das ich im März zertrat
Ist nun hoch über mich hinausgeschossen
Es wuchs das kleine Gefühl des Frühlings
Des ich nicht achtete
Und überwuchert mich ganz

***

Du sagtest nur, ich sei
Deine kleine rote Feldbeere
Und aßest mich

Mein Duft entschwand auf deiner Zunge

Doch hab ich dich vielleicht genährt
Mit solchem Über-Mut
Dass du den Leoparden leicht bezwangst

***

Die blauen Schößlinge des Bambus
Schmecken dem wilden Zebu

Der junge Reis verneigt sich
Vor dem würdigen Strom

Ich halte mich bereit
Wie die Knospen des Kaffeestrauchs:
Komm vorbei – und ich blühe

***

Ich bin die schwarze Spur
Die dein Kanu ins Wasser schneidet

Ich bin der gehorsame Schatten
Den deine Palme neben sich legt

Ich bin der kleine Schrei
Den das Rebhuhn wirft
Wenn du es getroffen

***

Ich will nichts weiter sein
Als die Zeder vor deinem Haus
Als ein Ast dieser Zeder
Als ein Zweig dieses Astes
Als ein Blatt dieses Zweiges
Als ein Schatten dieses Blattes
Als ein Wehen dieses Schattens
Der eine Sekunde
Die Schläfe dir kühlt

***

Erst seit du mich kennst
Kenn ich mich selbst

Einst war mein Körper mir fremd
Wie ein entlegener Erdteil

Und ich wusste von mir
Weder Osten noch Süd

Einsam war meine Schulter
Ein ferner Fels

Bis deine Hand sie berührte:
Da erst fühlte ich mich

Da bekam ich Augen
und mein Mund eine Form

Ahnte mein Fuß seinen Lauf
Spürte mein Herz seinen Schlag

O wie liebe ich mich
Seit du mich liebst!

***

An mir wuchsen Orangen
Weil deine Hände
Sich gerne runden
Sie hingen lange grün und bitter
Sie brauchten das Gold eines heißen Sommers auf
Und deiner Augen starre Geduld
Bis sie reiften
Nun aber pflücke
Deine eigene Liebe zurück

***

Über meine Äcker bist du geschritten
Sie haben die Fröhlichkeit deiner Füße vernommen

Du hast die Angst meiner Gräser gepflückt
Du hast die Wunden meiner Blumen verschüttet

Nun breitet mein Körper sich weit
Weit aus bis Sonnenaufgang
Er deckt die ganze Erde zu
Wohin du dich wendest
Da trittst du auf mich

*****

 

(Textauswahl & Redaktion: Andreas Wagner(Brennstoff)
aus: Ivan Goll: Malaiische Liebeslieder. Verlag Langewiesche-Brandt)

 

Artikelbild: Arthit Premprayot / istock-photo

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