»Ich bin zu einer Zeugin geworden«

Marlene Groihofer hat der Holocaust-Überlebenden Getrtrude Pressburger viele Stunden lang zugehört und ihre Geschichte zu Papier gebracht. Im Interview mit Alexander Behr erzählt sie über die Videobotschaft von Frau Pressburger, den Schreibprozess und die Herausforderungen für die junge Generation.

Wie ist es zu der berühmten Videobotschaft gekommen?

Ich habe Frau Pressburger vor rund zwei Jahren über mein privates Umfeld kennengelernt. Damals habe ich bei Radio Stephansdom gearbeitet und für eine Sendung zu Ostern ein langes Interview mit ihr gemacht. Die Sendung war sehr erfolgreich und ich gewann einige Preise. Eine der Preisverleihungen fand in der heissen Phase der finalen Runde der Präsidentschaftswahlen statt. Frau Pressburger entschloss sich zu diesem Zeitpunkt, sich öffentlich zu äußern.

Was war ihre wesentliche Motivation dafür?

Frau Pressburger wollte vor allem die jungen Menschen dazu auffordern, zur Wahl zu gehen. Man muss wissen, dass Gertrude keiner politischen Partei angehört und auch nie politisch aktiv war. Ihre Motivation bestand darin, vor Ausgrenzung und Hass zu warnen. Es gab dann eine Reihe von Anfeindungen: Eine Werbeagentur hätte Frau Pressburger einen Text vorgelegt, den sie nur vorgelesen hätte. Das ist natürlich Unsinn: Alles, was sie in dem Video sagt, ist authentisch. Frau Pressburger lässt sich von niemandem etwas vorschreiben. Sie wollte diese Botschaft loswerden und alles, was sie sagt, stammt allein von ihr.

Wie ist es zu dem nun vorliegenden Buch gekommen?

Frau Pressburger wollte eigentlich schon immer ihre Geschichte aufschreiben. Ihr großer Wunsch bestand darin, mit einem Buch ihrer ermordeten Familie ein Andenken zu schaffen. Sie sollen nicht vergessen werden. Was sie daran über so viele Jahre gehindert hatte, war der große Schmerz, der mit dem Verlust ihrer Eltern und ihrer Brüder verbunden ist.

Wie haben Sie die Interviews mit Frau Pressburger empfunden?

Es war ein sehr berührender Prozess. Wir haben uns rund zehn bis 14 volle Tage in ihrer Wohnung getroffen und sie hat erzählt. Zwischendurch haben wir längere Pausen gemacht. Ich habe diesen Prozess auch im Buch beschrieben, da ich wollte, dass das Buch den Lesern nahekommt. Es sollte keine bloße Historisierung sein – vielmehr wollte ich, dass spürbar wird, dass Frau Pressburger aus der unmittelbaren Gegenwart auf ihr Leben blickt. Damit wird klar, dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist – das Erlebte ist für Frau Pressburger noch immer schmerzlich spürbar. Gleichzeitig betonte sie oft, dass sie auf keinen Fall Mitleid erregen wolle – sie habe stets dafür gekämpft, ein normales Leben leben zu können.

Wie sieht Frau Pressburger die aktuellen politischen Entwicklungen?

Die Videobotschaft wurde ja weltweit verbreitet und in verschiedenen Sprachen untertitelt. Es ist ein gewisser „Hype“ um ihre Person entstanden, den sie eigentlich ablehnt. Deshalb will sie sich trotz vieler Medienanfragen nicht mehr zur Tagespolitik äußern. Was sie sagen wollte, habe sie in ihrem Video gesagt, so Frau Pressburger. Mit 90 Jahren will sie nun ihre Ruhe haben. Deshalb gibt sie auch nur mehr sehr selten selbst Interviews.

Wie sollen wir als Gesellschaft damit umgehen, dass es heute nur mehr so wenige Zeitzeugen gibt?

Wenn es keine Zeugen mehr gibt, werden diejenigen zu Zeugen, die den Zeugen zugehört haben. Ich bin also nun zu einer Zeugin geworden. Das gesamte Prozess des Interview-Führens und Schreibens hat mich sehr stark geprägt. Mir ist klar geworden, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir in Frieden leben. Als ich unlängst in meiner Heimat in Niederösterreich in einem Wirtshaus gehört habe, wie jemand sagte, dass man „die Ausländer vergasen“ solle, bin ich zum ersten Mal in meinem Leben aufgestanden und habe widersprochen. Früher hätte ich mir einfach nur gedacht „der spinnt“. Ich bin Frau Pressburger sehr dankbar, dass sie diese Zivilcourage in mir geweckt hat.

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